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Germanische
Gottheiten
Südgermanische Gottheiten
Nordgermanische
Religion
Angelsächsische
Religion
Kontinentalgermanische Mythologie
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Germanische
Gottheiten
Eine Germanische Gottheit kann anhand
der
nordischen (an.), angelsächsischen (ae.) und althochdeutschen
(ahd.) Überlieferung erschlossen werden und führt in eine
Zeit, als noch keine Berichte über die Germanen geschrieben
wurden. Dass diese bereits in der vorrömischen Eisenzeit an
anthropomorphe Gottheiten glaubten, beweisen einfache
menschenähnliche Astgabelidole
aus den vorchristlichen Jahrhunderten, die in Dänemark und im
nördlichen Deutschland gefunden wurden. Bemerkenswerterweise
trugen
diese germanischen Götter Namen, die eine klare einfache Bedeutung
hatten, wie "Donner" oder "Überfluss". Zu welchem Zeitpunkt diese
germanischen Götternamen aufkamen, kann nur spekuliert werden, es
muss
aber in einer Periode geschehen sein, als sich die verschiedenen
Dialekte noch sehr nahe standen.
Über das Wesen der damaligen
Götter
kann nicht viel gesagt werden. So ist anhand der vergleichenden
indogermanischen Religionswissenschaft zwar plausibel, dass Wodan-Odin
immer einäugig gedacht wurde, aber wann diese Idee aufkam, die
auch bei Balten (Velinas), Kelten (Lug, schließt beim Zaubern ein
Auge) und ansatzweise bei den Römern (Horatius Cocles) bekannt
ist, kann nicht eruiert werden.
Sehr spärlich sind die Zeugnisse
von den
Sachsen (as.) und Goten (got.).
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- 1 Germanische
Gottheiten
- 2 Germanische
Kosmologie
und Eschatologie
- 3 Nordische
Gottheiten
- 4
Angelsächsische
Gottheiten und mythische Helden
- 5
Kontinentalgermanische
Gottheiten und mythische Helden
- 6 Gotische
Gottheiten
- 7 Literatur
- 8 Siehe auch
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Germanische Gottheiten
*Wôðanaz "Herr der (heiligen)
Inspiration": Hauptgott Odin bzw. Wodan (an. Óðinn; ae.
Wóden; as. Woden; ahd. Wuotan). Zur ie.
Wurzel *H2weH2- "inspirieren"; vgl. gall.-lat. vates "Seher", air.
fáith "Dichter" und heth. ḫuwaši "Orakelvogel". Nach
*Wôðanaz wurde der
Mittwoch (engl. Wednesday, niederländisch Woensdag) benannt. Der
Gott darf wohl bereits als einäugig gedacht werden.
*Þunraz "Donner": Donnergott Thor
bzw.
Donar (an. Þórr; ae. Þunor; as. Thunaer; ahd.
Donar). Zu ie. (s)tenH2- "donnern"; vgl. lat. tonare. Nach
*Þunraz ist der Donnerstag
benannt. Dem Donnergott kann eine primitive Waffe zugeschrieben werden
(Keule, Axt, Hammer) und alt ist der Mythos, dass er gegen ein
Wassermonster ankämpfte. Zumindest bei den Nordgermanen hat dieser
Mythos aber eine starke Änderung erfahren, indem der Kampf ins
Endzeitalter verlegt wurde.
*Teiwaz "Gott": Rechts- & Kriegsgott
Tyr
bzw. Ziu (an. Týr; ae. Tiig; ahd. nur als Runenname
überliefert: ᛠ ziu). Zu ie. *deiwós "Gott"; vgl. lat. deus.
Nach *Teiwaz ist der Dienstag
(alem. Zyschtig, engl. Tuesday) benannt. *Teiwaz dürfte vorerst
Gott
der Rechtsordnung gewesen sein und erst mit der Militarisierung der
Thingversammlung
zu einem Kriegsgott geworden sein. Dieser Prozess kann sehr alt, aber
auch erst durch die aggressive Politik der Römer verursacht sein.
*Frîjô "Ehefrau":
Muttergöttin Frigg bzw. Frija (an. Frigg; ahd. Friia). Zu ie.
*priHéH2 "Geliebte, Ehefrau"; vgl. skrt. priyā "Geliebte,
Ehefrau". Nach *Frîjô wurde der Freitag benannt. Gattin des
Hauptgottes und Göttermutter. Nicht zu verwechseln mit der Liebes-
und Fruchtbarkeitsgöttin.
*Fullô "Überfluss":
Fruchtbarkeitsgöttin (an. Fulla; ahd. Uolla, zudem der
männliche Phol).
Zu ie. plH1nós "voll"; vgl. lat. plenus. Bei den Germanen finden
sich
mehrere Götterpaare gleichen Namens (Phol & Uolla;
Fjörgynn &
Fjörgyn; Njördr & Nerthus) die sämtliche der
Sphäre der
Fruchtbarkeit angehören. Dieser Zug findet sich nur noch bei den
Römern
mit Liber und Libera.
*Gautaz: Stammvater diverser
Königsfamilien (an. Gautr; ae. Géat; as. Hathagat "Vater
der Väter"; ahd. Gausus, Vorfahre der Langobardenkönige
Audoin
und Alboin; got. Gapt, Urahne von Ermanarich und Theoderich).
*Ermunaz/*Erminaz "Großer,
Universaler":
(an. Jörmunr; as. Hirmin). Wohl eine Form von *Wôðanaz
oder *Teiwaz.
*Wurðiz: Personifikation des
Schicksals
Urd
(an. Úrðr; ae. Wyrd; as. wurd). Vielleicht noch keine
menschlich gedachte Gottheit.
*ansewez: Götterfamilie der Asen
(got.
anseis; an. æsir; ae. ésa). Zu ie. H2ens-; vgl. ai.
ásura "Halbgott, Dämon". Die andere Familie der Wanen
findet sich nur in Skandinavien. Überholt gilt die These, dass die
Asen = kriegerische Indoeuropäer und die Wanen = Altes friedliches
Matriarchat darstellten.
Mit Bestimmtheit verehrten die Germanen
eine
Sonnengöttin (germ. *Sawelô; an. Sól; ahd. Sunna),
einen Mondgott (germ. *Mênan; an. Máni) und die Erdmutter
(germ. *Erþô; an. Jörð; ae. Erce eorþan
módor).
Als halbgöttliche Wesen zu
betrachten
sind:
*Auzawandilaz: ein Sternenheld, wohl der
Morgenstern (an. Aurvandill; ae. Éarendel). Zu ie. *H2eus-
"leuchten"; vgl. agriech. Heosphoros und lett. Auseklis, beide
Götter des Morgensternes. Im mittelalterlichen deutschen
Heldenbuch
gilt Orendel als erster der Helden, was ebenfalls ein Hinweis auf den
Morgenstern (als erster Vorkämpfer des Tages) sein könnte.
*Wêlanduz: der elbenhafte Wieland
der
Schmied (an. Volundr; ae. Wéland; ahd. Uuielant).
Andere Wesen sind: Riesen
(*þurisaz;
aisl. þurs; ae. þyrs; ahd. duris), Zwerge (*dwergaz; aisl.
dvergr, ae. dweorg, ahd. twerc), Elfen (*albaz; aisl. álfr, ae.
ylfe, ahd. alb), Wassergeister (*nikwuz, ahd. nichus) und
Pfahlgötzen.
Germanische Kosmologie und
Eschatologie
*Meðjanagarðaz "Mittelhof":
Midgard,
die Erde als Wohnort der Menschen (got. midjungards; an.
Miðgarðr; ae. middangeard; as. middilgard; ahd. mittigart).
*erþo anþi uppahemenaz "Erde
und
Himmel" (got. airþa jah
himins; an. jörð oc upphiminn; ae. eorðe 7 upheofon; as.
ertha endi
uphimil; ahd. ero 7 ufhimil). Dies ist eine feste stabende germanische
Formel und steht im Gegensatz zum biblischen "Himmel und Erde" mit
umgekehrter Reihenfolge.
*hemenabergaz "Himmelberg": Wohnsitz von
Göttern (aisl. Himinbjörg;
ahd. himilinberg). Den Germanen scheint der Glaube vorgelegen zu haben,
dass auf gewissen Bergen Götter oder göttliche Wesen lebten.
*haljô "Hölle": unterirdische
Totenwelt (got. halja; an. Hel;
ae. hell; as. hellia; ahd. hellea). Die Hölle war für die
Germanen mehr
eine düstere, kühle Aufenthaltsstätte der Toten als ein
Ort der Strafe.
Daneben gibt es die Vorstellung, dass die Totenwelt eine grüne
Wiese
war (germ. *wangaz; got. waggs "Paradies", ae. neorxnawong).
*muþspell- ?: Weltuntergang
(aisl.
Muspell; as. mutspelli; ahd. muspilli). Die Etymologie des Wortes ist
unbekannt.
Nordische Gottheiten
Edda: Aurvandill, Balder, Bragi,
Fjölnir,
Jörd, Fjörgynn, Forseti, Freya, Freyr, Frigg, Fulla, Gautr,
Gefjon, Gerda, Gna, Heimdall, Hel, Hermodr, Hödur, Hoenir, Idun,
Jörd, Lofn, Loki, Magni und Modi, Mani, Mimir, Nanna, Njörd,
Nott, Odin, Rán, Rindr, Sif, Sigyn, Skadi, Sol, Surt, Tyr, Thor,
Uller, Urd, Wali, Vé, Vidar, Vili, Yngvi, Ägir, u.v.a.m.
Varitäten des Saxo Grammaticus
(Dänemark):
Balderus, Bous, Frigga, Frø, Gevarus, Høtherus,
Horvendillus, Mimingus satyrus, Mithothyn, Nanna, Ollerus, Othinus,
Rinda, Thoro, Utgarthilocus. Saxo beschreibt diese wie sterbliche
Helden.
Angelsächsische Gottheiten und
mythische Helden
Ærta, Éarendel,
Éastre,
Erce, Folde, Géat, Hengist und Horsa, Hréðe, Ing,
Mæðhilde, Seaxnéat, Tíg, Þunor,
Wéland, Wóden, Wyrd. (Nicht bezeugt, aber häufig in
der Literatur erwähnt, sind *Fríg, *Fréa,
Grím.)
Kontinentalgermanische Gottheiten und
mythische Helden
Sachsen und Friesen: Fositae, Fricco,
Hathagât, Hirmin, Iring, Saxnôte, Thunaer, Wôden,
Wurth.
Franken, Thüringer, Alemannen,
Langobarden
("Hochdeutsche Stämme"): Balder, Donar, Fol, Folla, Frîja,
Gaus, Sinhtgunt, Sunna, Wieland, Wuotan, Zîu.
Gotische Gottheiten
Anses, Gapt, Dounabis (die Donau).
Literatur
- Georges Dumézil: Gods of the
Ancient
Northmen. Berkely 1977.
- Jacob Grimm: Deutsche Mythologie.
K.W.Schütz-Verlag, Coburg 2001, ISBN 3-87725-133-1.
- Wolfgang Golther: Handbuch der
Germanischen
Mythologie. Marix, Wiesbaden 2004.
- Jan de Vries: Altgermanische
Religionsgeschichte (2. Bände). de Gruyter, Berlin 19703.
- Åke V. Ström, Haralds
Biezais:
Germanische und Baltische Religion. Kohlhammer, Stuttgart 1975, ISBN
3-17-001157-X.
- M. Axboe; U. Clavadetscher; K.
Düwel;
K. Hauck; L. v. Padberg: Die Goldbrakteaten der
Völkerwanderungszeit. Ikonographischer Katalog, München
1985-1989.
- Rudolf Simek: Lexikon der
germanischen
Mythologie. Kröner, Stuttgart 1985 – 2005.
- Rudolf Simek: Religion und Mythologie
der
Germanen. WBG, Darmstadt 2003, ISBN 3-534-16910-7.
- Rudolf Simek: Götter und Kulte
der
Germanen. Beck, München 2004, ISBN 3-406-50835-9.
- Wolfgang Beck: Die Merseburger
Zaubersprüche. Wiesbaden 2003, ISBN 3-89500-300-X.
- Wolfgang Meid: Aspekte der
germanischen und
keltischen Religion im Zeugnis der Sprache. Innsbruck 1991.
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Nordgermanische
Religion
Nordgermanische Religion ist ein
Sammelbegriff
für die Kulte
und die mit ihnen verbundenen religiösen Vorstellungen, die in
vorchristlicher Zeit im skandinavischen Raum Verbreitung gefunden
hatten.
Man muss die Mythologie von der
eigentlichen
Religion,
dem religiösen Kultus trennen, da die Mythologie als Dichtung
nicht
unbedingt den tatsächlichen Glauben widerspiegelt, allenfalls
Versatzstücke reflektiert. Hinzu kommt, dass eine Barriere der
Überlieferung im 9. und 10. Jahrhundert und die Grenze zwischen
Christentum und Heidentum
nur scheinbar überschritten werden kann. Denn die
Überlieferung setzt
erst in der christlichen Zeit ein. So kann man in den Dichtungen nicht
zwischen der alten Überlieferung und den Zutaten des Verfassers
unterscheiden, so finden sich z. B. die eddischen Nornen eher als
Entsprechung zu den lat. Parzen. Die Edda-Geschichten sind literarisch
gestaltete Episoden mit Göttern in der Hauptrolle. Sie sind, wie
der niederländische Altgermanist und Religionswissenschaftler Jan
de Vries sagt, "Spekulation und dichterische Phantasie". Sie sind nicht
notwendigerweise repräsentativ für das kollektive Bewusstsein.
Ein weiteres gilt es zu beachten: Es
werden
Überlieferungen und
Erkenntnise aus einem großen Raum, der vom nörlichsten
Norwegen bis
Zentraleuropa reicht, vorgestellt. Während einige religiöse
Kulte
tatsächlich über diese gesamte Region verbreitet gewesen zu
sein
scheinen, dürften andere nur lokal geübt worden sein. Eine
Kulttopographie
oder eine regionale Religionsgeschichte ist mit diesem Material nicht
zu erstellen. Eine flächendeckende Verallgemeinerung von
Überlieferungen, die bestimmte Kultorte betreffen, ist sehr
kritisch zu
betrachten.
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Inhaltsverzeichnis
- 1
Vorwikingische
Zeit
- 1.1
Jüngere Steinzeit
- 1.2
Bronzezeit
- 1.3
Eisenzeit
- 2 Die
Götterwelt der Germanen
- 3
Religiöse
Praxis
- 3.1
Archäologische Quellen
- 3.2
Textquellen
- 3.3
Sakralkönigtum
- 3.4 Der
öffentliche Kult
- 3.4.1
Personen
- 3.4.2
Orte
- 3.4.3
Opfer
- 3.5 Der
private Kult
- 3.6
Seele und
Person
- 3.7
Schicksalsglaube
- 3.8 Feste
- 3.9 Magie
- 4 Tod und
Jenseits
- 5
Christianisierung
- 6 Der
späte
Synkretismus
- 7 Siehe auch
- 8 Weblinks
- 9 Literatur
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Vorwikingische Zeit
Für die religiöse Praxis der
Stein-
und Bronzezeit in Skandinavien
gibt es keine erzählenden Quellen. Vielmehr ist man auf die
Deutung von
Felszeichnungen und auf Grabbeigaben angewiesen wie beispielhaft am
Grab von Kivik. Weitere Quellen sind die Darstellungen auf
Goldbrakteaten
und Goldblechprägungen sowie die archäologischen Funde bei
Begräbnis–
und Opferplätzen. Außerdem zieht man gewisse Schlüsse
aus bekannten
Vorstellungen von Völkern ähnlicher Entwicklungsstufe. Danach
geht man
davon aus, dass die damaligen Menschen die Erscheinungen um sie herum
nicht als separate Einheiten betrachteten, sondern von einem inneren
mystischen Zusammenhang von allem ausgingen. Ähnliches war
miteinander
verwandt.[1]
Das galt auch zwischen Menschen und dem jagdbaren Wild. So musste die
Jagd mit religiösen Zeremonien vorbereitet werden. Man deutet die
Felszeichnungen mit jagdbarem Wild in diesem Zusammenhang. Dafür
sprechen Linien in den Umrissen jagdbarer Tiere, die sich auch in
entsprechenden Zeichnungen heute lebender Jägerkulturen finden.[2]
Als weiteres Indiz wird die Lage der Zeichnungen angesehen: Sie sind
häufig an steilen Felswänden und schwer zugänglichen
Stellen
angebracht. In Vingen bei Bremanger
(Nordnorwegen) sind ungefähr 400 Hirsch- und Rentierzeichnungen an
einer steil abfallenden Felswand angebracht. Alle Tiere richten ihren
Kopf nach dem Wasser unterhalb der Felswand. Dies soll mit der
Jagdmethode zusammenhängen, bei der man die Tiere über die
Felswand
trieb.[3]
Die Grabfunde aus der älteren Steinzeit sind zu dürftig, um
daraus
religiöse Vorstellungen ableiten zu können. Allenfalls die
Nähe der
Begräbnisstellen zu den Siedlungen lassen auf ein vertrauensvolles
Verhältnis zwischen Lebenden und Toten schließen.
Jüngere Steinzeit
In der jüngeren Steinzeit weisen
die
allmählich auftretenden
Grabhügel mit ihrer Ausstattung auf eine ausgeprägte
Pietät gegenüber
den Verstorbenen hin. Man nimmt an, dass mit dem Vordringen des
Ackerbaus etwaige Götter der Jägerkulturen durch solche der
Fruchtbarkeit abgelöst wurden.[4]
Aus dieser Zeit stammen die ersten Moorfunde. Sie werden als Opfergaben
angesehen. Die reichen Speisevorräte in den Grabhügeln lassen
darauf
schließen, dass man glaubte, die Toten würden in den
Grabhügeln ein dem
irdischen Leben vergleichbares Leben weiterführen.[5]
Dies gilt allerdings nur für die Oberschicht. Was mit den
übrigen
Menschen nach dem Tode geschah, darüber gibt es keine Hinweise.
Die
Menschengruppe, die man der Streitaxtkultur zurechnet, begruben ihre
Toten ohne besonderen Aufwand in hockender Stellung.[6] Über deren
religiöse Vorstellungen gibt es keine Zeugnisse.
Bronzezeit
Sonnenzeichen als Felsritzung
Sonnenwagen von Trundholm
Figur mit Strahlenhand und Blitzaxt.
In der Bronzezeit (ab 1500 v. Chr.)
entstanden
Grabhügel mit
mächtigen Dimensionen, oft in der Nähe der Küste oder
auf besonderen
Anhöhen. Auch kam die Sitte der Brandbestattung auf. Welche
religiösen
Vorstellungen hinter dieser Veränderung liegen, ist nicht bekannt.
Man
vermutet, dass die vorherige sehr körperliche Auffassung von der
Existenz nach dem Tod von einer mehr spirituellen Ansicht abgelöst
wurde, nach welcher eine weiterlebende Seele vom Körper befreit
werden
musste.[7]
Erdbestattung und Brandbestattung wurden oft nebeneinander oder in
zeitlichem Wechsel geübt. Der Sonnenwagen von Trundholm und die
vielen
kreisförmigen Felszeichnungen lassen auf einen Sonnenkult
schließen.
Ein Nachhall davon ist noch in der Edda zu finden:
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Skinfaxi heitir,
er inn skíra dregr
dag of dróttmögu;
hesta beztr
þykkir hann með Hreiðgotum;
ey lýsir mön af mari.[8]
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Skinfaxi heißt er,
der den hellen Tag zieht
über die Volkssöhne fährt;
Kein Ross
gilt den Reidgoten mehr,
seine Mähne glänzt morgenhell.[9]
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Die Vorstellung, dass die Sonne auf
ihrer Bahn
von goldglänzenden
Pferden über den Himmel gezogen werde, ist eine im
indogermanischen
Raum allgemein vorkommende Vorstellung. Nach Oscar Almgren[10]
handelt es sich bei den Felsritzungen der Bronzezeit in aller Regel um
kultische Szenen: Prozessionen, Adoranten usw. Auch die Schiffe sind
nach ihm keine profanen Schiffe, sondern religiöse
Schiffsprozessionen.
Das Umhertragen der Zeremonialaxt als Symbol des Blitzes bei
entblößtem
Phallus auf der nebenstehenden Abbildung solle Regen und Fruchtbarkeit
herbeirufen. Wenn Ström[11]
damit recht hat, dass Figuren mit überdimensionalen Händen
und
besonders großer Axt den Himmelsgott mit Strahlenhand und Blitz
darstellen sollen, ergäbe sich daraus, dass bereits zu dieser Zeit
eine
antropomorphe Gottesvorstellung existierte.
Während der gesamten Bronzezeit war
das
Moor bevorzugte Opferstätte.
Besonders die dänischen Funde weisen geopferte Pferde, Ochsen,
Schafe
und Schweine. Auch Menschenopfer sind nachgewiesen.
Eisenzeit
Auffallend ist, dass in der Älteren
Eisenzeit in den norwegischen
und schwedischen Gräberfeldern die Frauengräber deutlich
überwiegen,
während in der Wikingerzeit die Männergräber in der
Mehrzahl sind.[12] Viele reiche Frauengräber wurden in Sogn
gefunden. Manche Forscherinnen nehmen an, dass es sich um Gräber
von
Frauen mit kultischen Funktionen im Zusammenhang mit
Fruchtbarkeitskulten handelt.[13]
Zu den ältesten Funden gehört
der
Hjortspringfund,
der auf die Zeit um 300 v. Chr. datiert wird. Die Waffen dieses Fundes
wurden vorsätzlich zerstört und so niedergelegt. Die meisten
Opferfunde
zeigen bis ungefähr 400 n. Chr. ein ähnliches Bild.
Das vermehrte Auftreten von
Bootsgräbern
und Schiffssetzungen
neben oder in Kombination mit Brandbestattung setzt die Linie aus der
Bronzezeit fort. Man denkt sich den Toten geistig auf eine weite Reise
gehend.[14] Die vielerorts gefundenen Boot- und Schiffssetzungen
finden in der mythologischen Dichtung der damaligen Zeit keine
Entsprechung. Auch lassen sich aus der Mythologie keine Hinweise auf
die übrigen Steinsetzungen
entnehmen. Auch fällt auf, dass unter den Grabbeigaben
überraschend
wenig religiöse Symbole zu finden sind. Nur hier und da findet man
Thorshammer-Amulette,[15] möglicherweise von bewussten
Traditionalisten in der Missionszeit.
Orosius schildert den Opferbrauch der
Kimbern
und Teutonen nach der siegreichen Schlacht bei Arausio 105 v. Chr.:
„uestis discissa et
proiecta
est, aurum argentumque in
flumen abiectum, loricae uirorum concisae, phalerae equorum
disperditae, equi ipsi gurgitibus inmersi, homines laqueis collo
inditis ex arboribus suspensi sunt, ita ut nihil praedae uictor, nihil
misericordiae uictus adgnosceret.“
„Die Kleidung zerrissen
sie
und warfen sie fort, Gold
und Silber warfen sie in den Fluss, die Panzer zerschlugen sie, den
Schmuck der Pferde zerstörten sie, die Pferde selbst
ertränkten sie in
der reißenden Strömung, die Menschen wurden mit einer
Schlinge um den
Hals in den Bäumen aufgehängt, so gut wie nichts erkannte der
Sieger
als Beute, kein Mitleid gab er den Lebenden.“
– Pauli orosii histriae
adversum paganos, 5. Buch Kap. 16.
Die Zerstörung des Opfergutes ist
für die Eisenzeit
charakteristisch. Wieweit diese Opfer allein Kriegsgottheiten
vorbehalten waren, ist nicht auszumachen. Aber die zerstörten
Opfergaben bestanden im wesentlichen aus Kriegsgerät.[16]
Außerdem sind zahlreiche menschliche Moorleichen entdeckt worden,
die
in der weit überwiegenden Zahl den Tod durch Erhängen
gefunden haben.
Das lässt darauf schließen, dass sie Odin geweiht waren.[17]
Folke Ström weist noch auf eine weitere Interpretation der
Menschenopfer hin, die vertreten wird: Tacitus berichtet im 14. Kapitel
der Germania von dem Kult für die Erdgöttin Nerthus. Sie wird
in der Edda zum männlichen Gott Njörðr.
Dieser Wechsel wird so gedeutet, dass es sich ursprünglich um ein
Götterpaar gehandelt habe, bei dem zur Zeit des Tacitus nur die
Göttin
von Bedeutung war, weshalb der Gewährsmann des Tacitus den
männlichen
Partner nicht erwähnt habe. In der Edda ist das Götterpaar
ein
Geschwisterpaar. Man meint nun, dass der männliche
Repräsentant nach
Vollzug der der heiligen Hochzeit getötet worden sei, um das
heilige
Geheimnis zu bewahren.[18]
Wichtiges religiöses Element ist aber die Rundreise des
Nerthus-Wagens
durch die Gebiete ihrer Verehrung, die die Fruchtbarkeit des Landes
sicherstellen soll. Eine Parallele findet sich in der Ögmundar
þáttur dytts: Der landflüchtige Gunnar helming kommt
ins heidnische Schweden, wo man Freyr
als Hauptgott verehrt. Dieser hatte eine junge Priesterin, die sein
Heiligtum verwaltete. Sie bat Gunnar um Schutz. Sie behielt ihn bei
sich, und er begleitete sie neben dem Götterbild auf ihrer
Rundfahrt
durch das Land zur Hebung der Fruchtbarkeit. Sie wird schwanger, die
Schweden werden nach anfänglicher Begeisterung misstrauisch, und
er
muss fliehen. Diese an sich unhistorische und schwankhafte
Abenteuererzählung baut auf der dieser Rundreise des
Götterbildes auf,
die demnach als bei den Lesern bekannt vorausgesetzt wird.[19]
Man darf davon ausgehen, dass sowohl die Rundfahrt der
Fruchtbarkeitsgottheit als auch der kultische Beischlaf in diesem
Zusammenhang sehr weit verbreitet war. Bei der Frage, ob die
erhängten
Moorleichen Odin oder der Fruchtbarkeitsgottheit geweiht waren, ist
auch noch die anonyme Historia Norvegiae heranzuziehen. Dort
wird über den Ynglinga-König Domald berichtet, dass er als
Opfer für
die Göttin Ceres aufgehängt wurde. Ceres ist die lateinische
Entsprechung zu einer nicht näher identifizierbaren
Fruchtbarkeitsgöttin in Schweden.
Die Götterwelt der Germanen
Es lässt sich folgendes für
die
Wikingerzeit ausmachen:
Man wird diese unter Nordische
Mythologie
referierten Mythen nur mit Vorbehalt als Grundlage der nordgermanischen
Religion ansehen dürfen. Denn auf der einen Seite sind die Namen
zweifellos sehr alt, auf der anderen Seite handelt es sich aber auf
weiten Strecken um intellektuelle Dichtung einer königlichen
Kriegerkaste,[20]
so z.B. die Institution des Walhall. Auch dass Odin um des Gewinns der
Weisheit willen ein Auge verpfändete, dürfte der
ursprünglichen
bäuerlichen Gesellschaft der Bronzezeit ferngelegen haben.
Vielmehr
ergibt sich insbesondere aus den Brakteaten, dass die schamanistische
Seite wohl im Vordergrund stand. Auch das pessimistische Weltbild des
Ragnarök
ist sicher keine ursprüngliche Auffassung einer bäuerlichen
Gesellschaft. Man kann anhand der Votivtexte von einem ausgeglichenen
und zuversichtlichen Verhältnis zu den schicksalbestimmenden
Mächten
bei der bäuerlichen Bevölkerung ausgehen.
Die Ortsnamenkunde gibt weitere
Aufschlüsse: Die Götter Ullr und Njörðr
kommen als Namensbestandteile relativ häufig vor, insbesondere in
der
Vorwikingerzeit, was auf eine große Popularität
schließen lässt,
obgleich die Mythenautoren Snorri und Saxo Grammaticus fast gar nicht
erwähnen. In der Wikingerzeit ist der Bestandteil Thor, Frey und
Freya weit verbreitet. Aber sehr selten wird der Name Odin
verwendet, was darauf schließen lässt, dass er in der
Bevölkerung nicht
tief verwurzelt war. In den Ortsnamen haben sich auch völlig
vergessene
Götter erhalten, wie die Göttin *Njärd, die Frau des
Gottes Njördr in den Namen “Njärta” und “Nälsta”.[21]
Obgleich es viele Götter gab, so
war es
doch üblich, dass man einen
Gott besonders bevorzugte und oft folgte dieser dem Geschlecht von
Generation zu Generation, wie dies in den isländischen
Familiensagas
für Thor und Frey der Fall ist. Odin war der typische Gott der
Könige
und Häuptlinge. Mit dem Kriegsgott Thor konnten sich eher die
Bauernkrieger identifizieren, und Frey war für alle da, die eine
gute
Ernte brauchten. Es gab auch lokale Götter und solche für
spezielle
Probleme, Hausgötter, die die Heilige Birgitta in einem Brief aus
dem 14. Jahrhundert als „leere Götter“ bezeichnet hat.[22] Dazu
gehören Disen, Nornen, Elfen und andere Geistwesen.
Außerhalb des Kultes standen
Götter, die nur in der konstruierten Mythologie ihren Platz haben.
Dazu gehören Balder, Loki und die Riesen, die gegen die Asen
kämpfen.
Religiöse Praxis
Das Leben des gläubigen Heiden war
von
Kulthandlungen begleitet. Die
nordgermanische Religion war eine reine Kultreligion. Auf die Gesinnung
kam es nicht an. Es gibt keinerlei Anzeichen für eine
Frömmigkeit im
heutigen Sinne.
Archäologische Quellen
Die archäologischen Quellen sind
Gegenstände, die aus der
vorchristlichen Zeit überkommen sind. Sie selbst geben über
ihre
Verwendung und Bedeutung keine Auskunft. Vielmehr bedürfen sie der
textlichen Bezüge, um gedeutet werden zu können. Wo diese
fehlen, wie
dies für die Gegenstände aus der Bronzezeit und der Zeit
davor gilt,
lässt sich zwar aus der Tatsache, dass der Gegenstand zu keinem
profanen Gebrauch tauglich ist, oft (nicht immer z. B. Spielzeug,
Übungsstücke) die kultische Bestimmung ableiten, aber
darüber hinaus
sind keine Aussagen über die Bedeutung möglich.[23]
Die ältesten archäologischen
Quellen, die über religiöse
Vorstellungen Auskunft geben, sind die Begräbnisplätze. Hier
lassen
insbesondere Grabbeigaben wichtige Schlüsse über die
Jenseitsvorstellung zu.[24] Diese werden unter Tod und Jenseits
behandelt. aber auch Gebäudegrundrisse und Funde innerhalb der
Grundrisse zeigen hin und Wieder eine Überlagerung von
religiösem Ritus
und profanem Fest wie zum Beispiel in der Festhalle von Helgö.
Weitere archäologische Quellen sind
die
großen Kessel (Kessel von Gundestrup, Kessel von Rynkeby) und
kostbaren Trinkhörner, z. B. die Goldhörner von Gallehus.
Die Kessel entstammen der vorrömischen Eisenzeit und sind in
Südskandinavien gefunden worden, sind aber keltischen Ursprungs.
Ihre
konkrete kultische Verwendung ist nicht bekannt. Daher lassen sich
diese Quellen bislang nicht deuten.
Eine andere Gruppe sind die
menschengestaltigen Holzpfähle. Sie sind
nur in Mooren in Dänemark, Schleswig–Holstein, Oldenburg und
Thüringen
erhalten und wurden in der vorrömischen Eisenzeit bis zur
Völkerwanderungszeit gefertigt. Außerdem gibt es zwei kleine
Götterstatuen aus Bronze im wikingerzeitlichen Schweden.[25]
Aus der römischen Kaiserzeit sind Bronzestatuetten römischer
Götter
bekannt, die ins freie Germanien importiert worden sind. Als
große
Ausnahme werden die Weihesteine für die Schifffahrtsgöttin
Nehalennia angesehen, die sowohl eine Abbild der Göttin als auch
eine Inschrift tragen, die von Kaufleuten und Schiffern stammen.
Bereits auf Felsritzungen sind Fellboote
skandinavischer
Jägerkulturen mit Tierköpfen am Steven abgebildet. In der
Schelde
wurden drei holzgeschnitzte Drachenköpfe aus der
Völkerwanderungszeit
gefunden. Bei einem Kopf ist am Hals noch der Zapfen erhalten, mit dem
man ihn auf dem Steven aufsteckte. Nach Ulfljóts Gesetz für
Island (um
1060) sollten die Schiffe, die nach Island fahren, diese Köpfe von
den
Steven abnehmen, sobald Island in Sicht war, damit die Landgeister
nicht erschreckt würden.
Auch Darstellungen auf den
Goldbrakteaten
geben gewisse Aufschlüsse über die Kultpraxis.
Textquellen
Eine wichtige Textquelle über die
alltägliche heidnische Religionsausübung sind die ersten
christlichen Gesetze Gulathingslov und Frostathingslov, die bestimmte
heidnische Riten verbieten.
Die Haltung zu den Göttern war von
der
Haltung innerhalb der
abrahamitischen Religionen fundamental verschieden. Man trat den
Göttern nicht als Herrschern über das Geschick
gegenüber, die man hätte
um etwas bitten können. Als der Skalde Egill Skallagrimsson seinen
letzten Sohn auf dem Meer verlor, verfasste er ein ergreifendes
Klagegedicht. Er wendet sich darin aber bezeichnenderweise nicht an
einen Gott, sondern spricht von den Göttern, die ihm dieses Leid
zugefügt haben, nur in der dritten Person. Auch die
überlieferten
Gebetssprüche werden höchst selten an eine Gottheit
adressiert;
vielmehr bittet man ohne Nennung eines Gottes um „ár ok
friðr“,
um „ein gutes Jahr und Frieden“, wobei mit "Frieden" nur die Ruhe und
Sicherheit innerhalb des eigenen Gesellschaftsverbandes gemeint
ist.[26]
Eine Ausnahme bildet das Gebet Thorkels in der Víga-Glúms
saga, wo er sich direkt an Frey als seinen speziellen Schutzgott wendet
und ihn anredet.[27]
Der Glaube drückte sich im Ritual
aus,
das seinerseits Bestandteil
des gesellschaftlichen Lebens war. Diese Verankerung in der Einhaltung
des Brauchtums ist für dogmenfreie Religionen charakteristisch.[28]
Die Einstellung der Menschen zu
Göttern
und Kult war sehr
unterschiedlich. Neben solchen, die sich um die Rituale bemühten,
gab
es viele, die an nichts glaubten. Als sich eine Gruppe von Wikingern
König Olav auf seinem allerletzten Heereszug anschließen
wollten,
fragte dieser er ihren Anführer Gauka-Þórir, ob sie
Christen seien. Er
antwortete, sie seien weder Christ noch Heide:
„Höfum vér
félagar engan annan átrúnað en trúum
á okkur og afl okkað og sigursæli og vinnst okkur
það að gnógu.“
„Wir
Gesellen hier haben
keinen anderen Glauben, als dass wir auf unsere eigene Macht und Kraft
uns verlassen und unser gutes Siegesglück. Das ist für uns
genug.“
–
Heimskringla. Olafs saga helga Kap 201. Übersetzt von Felix Niedner
Ähnliche Äußerungen sind
noch
andernorts überliefert.[29]
Zu den Göttern gab es keine persönliche Beziehung, wie es
für eine
Frömmigkeit Voraussetzung ist. Wie diese Menschen in die heimische
Gesellschaft eingebettet waren, in der der Thingplatz eine heilige
Stätte war, das Recht unter göttlicher Aufsicht stand, der
Meineid
straflos war, weil er von der Gottheit unmittelbar und selbst bestraft
wurde, ist unbekannt. Möglicherweise handelte es sich auch nur um
die
Verweigerung der Teilnahme an den Kulten oder darum, dass man sie zwar
mitvollzog, aber ihnen keine Bedeutung beimaß.
Sakralkönigtum
Die religiöse Stellung des
Königs
ist zwar umstritten, wird aber überwiegend angenommen. Auf dem
Stentoftenstein von Sølvesborg in Blekinge heißt es, dass
Hådulf ein „gutes Jahr“ gegeben habe. Man vermutet, dass
Hådulf ein lokaler Stammeskönig gewesen ist.[30]
Das würde bedeuten, dass es zur Funktion des Königs
gehörte, ein “gutes
Jahr” zu geben, also für gute Ernte zu sorgen. Er war dann
Vermittler
zwischen der Fruchtbarkeitsgottheit und seinem Stamm. Die deutlichste
Ausgestaltung eines solchen Sakralkönigtums findet sich im
schwedischen
Uppland. Die Dynastie der Ynglinger
leiteten ihre Herkunft vom Fruchtbarkeitsgott Yngvi/Freyr ab. Daher war
er auch für das Wachstum der Feldfrucht, aber auch für den
inneren
Frieden und das Kriegsglück verantwortlich.[31][32]
Die norwegischen Könige strebten danach, ihr Geschlecht an die
Ynglinger anzuknüpfen, um sich so eine Legitimation zu
verschaffen. Von
Halfdan dem Schwarzen schreib Snorri, dass unter ihm die
größte
Fruchtbarkeit geherrscht habe, so dass man glaubte, dass noch seine
Leiche dem Lande, in dem er beerdigt werde, Fruchtbarkeit bescheren
würde. Snorri berichtet auch, dass König Domald geopfert
wurde, um den
Missernten ein Ende zu bereiten.[33]
Im Gegensatz zur “Historia Norvegiae” wurde er bei Snorri nicht
aufgehängt, sondern blutig getötet und mit seinem Blut der
Altar
besprengt. Moorleichenfunde legen nahe, dass Hängen und
tödlich
Verwunden beim rituellen Königsmord zusammen verübt
wurden.[34]
Der kultische Zusammenhang ist umstritten. Ursprünglich meinte
man, man
habe den König für die Missernten verantwortlich gemacht.
Heute steht
diese Erklärung nicht mehr im Vordergrund. Vielmehr meint man,
dass der
König das Wertvollste war, was dem Gotte dargebracht werden
konnte, um
ihn versöhnlich und gnädig zu stimmen.[35] Diese Ansicht
hielt sich lange im Volk. Noch Gustav Vasa klagte bitter über
diese Unsitte unter den Bauern.
Der öffentliche Kult
Man kann zwischen öffentlichem und
privatem Kult unterscheiden. Der
öffentliche Kult war für einen Herrschaftsbezirk gemeinsam
und wurde
auf einem sakralen Kultplatz durchgeführt, der häufig mit
einem
Thingplatz verbunden war. Die religiösen Feiern dienten
gleichermaßen
der Stärkung des sozialen Zusammenhalts, als auch den
Göttern.
Personen
Die Archäologie hat bislang keine
Anzeichen für religiöse
Spezialisten, wie eine Priesterschaft entdeckt. Allerdings glaubt die
Namenforschung, Anzeichen für eine Priesterschaft gefunden zu
haben.
Das Wort “vé” bedeutet “Heiligtum”. “Véseti” ist der, der
am Heiligtum
sitzt, der Priester.[36] Namen, die auf -ve enden, werden als Namen von
Priestern gedeutet.[37] Die Existenz niederer Tempeldiener bei
großen Heiligtümern wird für möglich gehalten.[38]
Im Goden,
eine in Norwegen und Island nachgewisene Bezeichnung, vereinigte sich
weltliche Machtstellung und religiöses Amt. Er hielt das Thing ab
und
leitete die Gerichtsverhandlungen. Das Wort "Gode" ist mit dem Wort
"Gott" verwandt und zeigt, dass die Machtposition offenbar wesentlich
religiös legitimiert wurde. Zum Amt des Goden gehörte auch
die Pflege
der heiligen Stätten und Opferplätze in seinem Bezirk und das
Abhalten
öffentlicher Opfer. Dafür soll er auch eine Abgabe erhalten
haben.[39]
Die Rolle der Frauen im Kult ist aus den
Quellen nur mittelbar zu
erschließen und scheint regional und zeitlich sehr
unterschiedlich
gewesen zu sein. Hintergrund ist zunächst, dass man davon ausgeht,
dass
der Vanenkult spezifisch altskandinavisch ist, während die Asen
gemeingermanisch erst später nach Skandinavien vordrangen. Im
Vanenkult
waren Männer und Frauen gleichberechtigt, während im Asenkult
die
Männer dominierten. Man hält den Krieg zwischen Asen und
Vanen für
einen Überrest dieser Auseinandersetung.[40] Die Schilderung des
Nerthuskultes bei Tacitus wird dem altnordischen Vanenkult zugerechnet.
In den isländischen Sagas werden
des
öfteren Frauen genannt, die den Opferzeremonien vorstanden und
“gyðja”
genannt wurden.[41] Sie entsprachen kultisch den männlichen Goden.
Die meisten in Island erwähnten Gyðja kamen aus dem
norwegischen Trøndelag
oder aus der Umgebung. Hier war ein Zentrum der Freyr-Verehrung. Auch
Sogn scheint ein solches Zentrum gewesen zu sein. Jedenfalls werden die
ungewöhnlich reich ausgestatteten Frauengräber so gedeutet,
dass der
Status der Frauen weit über die eigene Familie hinausging, dass
sie
also Gyðja waren.[42] Im Unterschied zum Goden konnte eine
Gyðja
kein Thing leiten.
Eine weitere weibliche Kult-Person war
die
Völva. Ihre Rolle in der gesamten Kultlandschaft ist nicht
endgültig geklärt. Aus Völuspá und dem
Hyndluljóð glaubt man entnehmen zu können, dass sie
einem Heimdall-Kult zuzurechnen ist, der sich außerhalb der
üblichen Kultpraxis entwickelt hat und auf Magie und Wahrsagung
baute.[43] Möglicherweise reicht der Kult weit zurück zu
einem Kult für Riesinnen, weibliche Jötunnen, einem
Geschlecht, das Thor permanent bekämpft.[44]
Orte
Flüsse, Seen und Moore waren
besonders
geheiligte und damit für
Opfer besonders geeignete Orte. Hier wurden offenbar Kollektivopfer
vorgenommen und in größeren Abständen wiederholt. In
Individualopferstätten für einmalige Opfer finden sich
häufig Goldbrakteaten ohne dass sich deren Bedeutung ermitteln
ließe. Sie sind nur in einer relativ kurzen Zeitspanne geopfert
worden.[45]
Auch ist die Existenz von speziellen
Kultbauten zweifelhaft.[46] Allerdings wurden neuerdings in
Uppåkra
fünf Kilometer südlich von Lund in den Jahren zwischen 2000
und 2004
Fundamente ausgegraben, die von den Archäologen als zu einem
Kultbau
gehörend gedeutet und in die Zeit um 200 datiert werden. Sie
stützen
dies auf mehrere Indizien: Der umfangreiche Rattenkot deutet auf nur
sporadische Benutzung des Gebäudes. Gleichwohl wurde das
Gebäude
offensichtlich häufiger umgebaut, als andere Gebäude in der
Umgebung.
Erst um 800 wurde es abgerissen. Die Dimensionierung der Eckstolpen
weist auf eine ungewöhnliche Höhe hin. In unmittelbarer
Nähe des Herdes
war ein Metallbecher (von ungefähr 500 n. Chr.) und eine
zweifarbige
Glasschale absichtlich vergraben worden. Die Glasschale wurde um 500 am
Schwarzen Meer gefertigt. In den Wandfundamenten und den
Pfostenlöchern
wurden sehr viele geprägte Goldblechstücke gefunden. Bei dem
Gebäude
wurden viele absichtlich verbogene Schwerter ausgegraben.[47]
Aber aus diesem einzelnen Bau kann man nicht auf einen allgemeinen
Brauch schließen. Man geht eher davon aus, dass die große
Halle des
Wohnhauses gleichzeitig Kultraum war.[48]
Der Thingplatz galt als heiliger Bezirk.
Dort
Blut zu vergießen,
galt als schweres Verbrechen. Das Recht war eine göttliche
Sphäre in
der Welt. Eide werden auf einen goldenen Tempelring, den der Gode am
Oberarm trug, geleistet, und man rief dabei Freyr, Njörð und
den
"allmächtigen Asen" an, womit wohl Thor gemeint war.
Opfer
Für das Opfer gab es drei
Ausdrücke,
die in der Strophe 144 der Hávamál genannt werden:
|
veiztu, hvé blóta
skal?
veiztu, hvé senda skal?
veiztu, hvé sóa skal?
|
Weißt du, wie man opfern
soll?
Weißt Du, wie man senden soll?
weißt Du wie man ein Schlachtopfer richten soll?
|
Das Wort "blót" für Opfer
hat
nichts mit "Blut" zu tun. Die wahrscheinlichste Grundbedeutung des
Verbs blóta
ist "stärken" oder "mit magischer Kraft füllen". Man
stärkte den Gott
mit seinem Opfer, damit dieser in der Lage war, für die
Fruchtbarkeit
und das Wohlergehen zu sorgen. "Senda" ist das Senden des Opfers an die
Götter, insbesondere das Senden eines zu Tötenden an
Odin.[49]
Aber das Wort beinhaltet auch das Abgeben und Verteilen von Speisen, im
Zusammenhang mit dem Opfer also Verteilen des Opferfleisches an die
Opfergemeinde.
Das Wort "sóa" wird etymologisch
als
"beschwichtigen"
gedeutet, also eine Versöhnung. So heißt es in der Ynglinga
saga über
den Tod des Königs Domaldi:
|
Þá er
árgjörn
Jóta dólgi
Svía kind
um sóa skyldi.
|
Jütlands Feind
Für Jahrs Gedeihen
Schwedens Volk
geschlachtet hatte.[50]
|
Aber das Wort konnte durchaus auch
einfach
"töten" bedeuten.
|
At Bölverki þeir
spurðu,
ef hann væri með böndum kominn
eða hefði hánum Suttungr of sóit.[51]
|
Sie fragten nach Bölwerkr
ob er heimgefahren sei,
oder ob er durch Suttung fiel.[52]
|
Das Wort "sóa" kommt in
christlichen
Texten nicht vor, woraus
geschlossen wird, dass es durch die heidnischen Opferbräuche zu
stark
belastet war.[53]
Im Gegensatz zum Festland, wo Tacitus
und
Strabon Menschenopfer
beschreiben, gibt es keine zeitgenössischen Schriftquellen, wie
ein
solches Opfer vor sich ging. Es gibt nur aus christlicher Zeit eine
Schilderung Snorris,[54] in der die Bewohner von Tröndelag
Håkon den Guten,
der in England Christ geworden war, zwangen, an einem solchen Opfer
teilzunehmen: Die Bauern brachten allerlei Tiere, Schafe und vor allem
Pferde, und schlachteten diese. Ihr Blut ("laut") wurde in
Gefäßen aufgefangen, und mit ihm wurden die Altäre mit
Büscheln
bespritzt. Snorri setzt diese Büschel gleich den christlichen, mit
denen das Volk mit Weihwasser bespritzt wird. Möglicherweise sind
christliche Zeremonien bereits Grundlage dieser Schilderung. Diese
Zeremonie wird aber auch in anderen Quellen berichtet, z.B. in der
Eyrbyggja saga. Das Pferd war ein hervorgehobenes Opfertier, und die
Leber des Pferdes wiederum ein beonderes Stück, das dem König
zukam.
Dies geht aus der Fortsetzung der Geschichte hervor. Im nächsten
Jahr
zwingen die Bauern König Håkon zum Opferfest in Mære.
Dort musste er
die Rossleber essen. Die Sonderstellung des Pferdes geht auch aus dem
späteren christlichen Verbot, Pferdefleisch zu essen, hervor.
Während das Versöhnungsopfer,
wie
das des Königs Romaldi, nur selten
erwähnt wird, scheint das Gemeinschaftsopfer mit Gastmahl die
Regel
gewesen zu sein.
Auch von Göttern wird berichtet,
dass sie
opferten und so die
Ordnung der Welt stützten. Es wird vermutet, dass die großen
Goldhortfunde in Südskandinavien aus der Völkerwanderungszeit
mit einer
in vielen Quellen geschilderten Witterungskatastrophe um 536
zusammenhängen. Mit dem Gold sollte die während des ganzen
Jahres
offenbar durch einen dichten Staubschleier verdunkelte Sonne
gestärkt
werden.[55]
Menschenopfer werden in den Sagas des
öfteren erwähnt: In der Ynglinga saga ist es König Aun,
der nacheinander seine Söhne Odin opfert, um sein eigenes Leben zu
verlängern, was ihm Odin auch gewährt. In der Jomsvikinga
saga
opfert Håkon Jarl seinen Sohn Erling,
um die Schlacht zu seinen Gunsten zu wenden. Wenn die geschilderten
Opfer auch nicht historisch sind, so zeigen die Texte doch, dass
Menschenopfer in der frühen Vorstellungswelt üblich waren.
Auch die
Eyrbyggja saga geht selbstverständlich von Menschenopfern aus:
„Þar sér
enn
dómhring þann er menn voru dæmdir í til
blóts. Í þeim hring stendur Þórs
steinn er þeir menn voru brotnir um er
til blóta voru hafðir og sér enn
blóðslitinn á steininum.“
„Noch
immer sieht man dort den
Gerichtskreis, in dem die Männer zur Opferung verurteilt wurden.
In
diesem Kreis steht Thors Stein, an dem den zur Opferung Bestimmten das
Rückgrat gebrochen wurde, und man sieht noch die Blutflecken an
dem
Stein.[56]“
–
Eygyggja saga Kap. 10 am Ende.
Seit den Arbeiten von Hubert und Mauss
werden
für ein Opfer 4
Elemente verlangt: Der Opfernde, der Opferempfänger, das Opfer und
der
Opferherr, der das Opfer veranlasst.[57]
Wenn einige Elemente fehlen, liegt nach dieser Definition kein Opfer
vor, auch wenn die Quellen von Opfer sprechen. In Bezug auf
Menschenopfer unterscheidet man dann zwischen Opfer und ritueller
Tötung. Beim Menschenopfer wird dem Gott das edelste Mitglied der
Gemeinschaft dargebracht, bei der rituellen Tötung kann es sich um
den
Verursacher einer Störung der kosmischen Ordnung handeln, die
durch die
Tötung wieder hergestellt werden soll, ohne dass an einen
göttlicher
Empfänger zu denken ist.[58]
Die bei der Beerdigung eines Häuptlings getöteten Menschen
waren keine
Opfer, sondern wurden den Toten zur Bedienung im Jenseits mitgegeben.
In frühskandinavischer Zeit scheint es bei Häuptlingen
durchaus üblich
gewesen zu sein, dass seine Ehefrau oder Lieblingsfrau als Witwe mit
ihm beerdigt wurde.[59] Ob wirklich die edelsten Menschen geopfert
wurden, ist allerdings umstritten. Unter anderem beruft man sich dabei
auf die Kristni saga.
„Inir heiðnu menn
höfðu þá stefnu fjölmenna ok tóku
þat ráð at blóta tveim mönnum ór
hverjum fjórðungi ok hétu á heiðin goð
til þess, at þau léti eigi kristni ganga yfir
landit. Þeir Hjalti ok
Gizurr áttu aðra stefnu við kristna menn, ok
létust þeir vilja hafa ok
mannblót, jafnfjölmennt sem inir heiðnu. Þeir
mæltu svá: "Heiðingjar
blóta inum verstum mönnum ok hrinda þeim fyrir
björg eða hamra, en vér
skulum velja at mannkostum ok kalla sigrgjöf við
dróttin várn, Jesúm
Kristum. Skulum vér lifa því betr ok syndvarligar
en áðr, ok munum vit
Gizurr ganga til fyrir várn fjórðung
sigrgjafarinnar."“
„Die
Heiden kamen zahlreich
zusammen. Sie beschlossen, zwei Männer aus jedem Landesteil zu
opfern
und riefen den heidnischen Gott an, dass dieser nicht zulassen sollte,
dass sich das Christentum im Lande ausbreite. Hjalti und Gissur hielten
eine andere Versammlung mit den Christen ab und taten, als ob sie
Menschenopfer auf die gleiche Weise wie die Heiden darbringen wollten.
Sie sagten: Die Heiden opfern ihre Taugenichtse und werfen sie von Berg
und Klippen. Aber wir wollen die besten Männer wählen und
nennen das
ein Siegopfer für unsern Herrn, Jesus Christus: Wir wollen besser
und
sündloser leben als die anderen, und ich und Gissur wollen in
unser
Viertel gehen und uns dafür zur Verfügung stellen.“
–
Kristni saga Kap. 12.
Es ist nun offensichtlich, dass diese
rethorische Gegenüberstellung
von Heiden und Christen nicht als Quelle dafür dienen kann, dass
in der
vorchristlichen Zeit Verbrecher geopfert worden wären.[60]
Auch andere Stellen erwähnen die Verurteilung zur Opferung. Das
wird
aber heute dahin gedeutet, dass sie zur Friedlosigkeit verurteilt
wurden und dann wie auch Kriegsgefangene als Opfer verwendet werden
konnten.[61]
Archäologische Funde zeigen, dass
Babys
im Zuge von Baumaßnahmen
geopfert und in den Löchern für die tragenden Balken
vergraben wurden,
hin und wieder offenbar sogar lebend.[62]
Ob es zur späten Wikingerzeit noch
Menschenopfer gegeben hat, ist unsicher, wenn auch wahrscheinlich. Adam
von Bremen
berichtet davon beim großen "blot" in Uppsala. Dort wurden neun
männliche Individuen von allem Lebenden, auch Menschen, geopfert
und in
einem Hain, der den Tempel umgab, aufgehängt. Auf einem
Bildteppich aus
dem Osebergfund
ist ein großer Baum mit daran hängenden Menschen abgebildet.
Es dürfte
sich um ein Odinsopfer gehandelt haben, da Odin auch an einem Baum hing
und Odin ein Hauptgott in Uppsala war. Man geht auch davon aus, dass
die Riten der Kulthandlungen in Skandinavien genauso wie die
Begräbnissitten regional sehr unterschiedlich waren,[63] so dass
sich allgemeine Aussagen nicht treffen lassen. Thietmar von Merseburg
berichtet von einem Opferfest, das vor der Christianisierung alle neun
Jahre in Lejre abgehalten wurde. Dabei sollen 99 Menschen, ebenso viel
Pferde, Hunde und Hähne geopfert worden sein.[64] In der
Orkneyinga saga wird ein grausamer Brauch geschildert, als Jarl Einar
den Sohn König Harald hårfagres Halfdan gefangen nahm:
„Da fanden sie Halfdan
Hochbein, und Einar ließ ihm
mit dem Schwert einen "Adler" auf den Rücken schneiden und alle
Rippen
vom Rückgrat ablösen und die Lunge dort herausziehen, und er
gab sie
Odin zum Siege für sich.“
– Die Geschichte von Jarl
Thorfinn dem Mächtigen. Kap. 5. Übersetzung von Walter Baetke.
Daraus wurde geschlossen, dass es sich
um ein
Odinsopfer handele.[65] Andere meinen, dass es sich um einen Brauch an
Kriegsgefangenen handelte, der in sich selbst kein Opfer dargestellt
habe.[66]
Der private Kult
Der Privatkult betraf nur den eigenen
Hof mit
den Hintersassen. Er
wurde an Grabhügeln oder heiligen Steinen vollzogen. In der
Gutasaga
aus dem 14. Jahrhundert, den letzten acht Seiten des Gutalag, einem
Gesetz aus der Zeit um 1220, ist davon die Rede, dass man in
heidnischer Zeit die Söhne und Töchter und Vieh samt Speise
und Bier
geopfert habe.[67]
Dabei zeigt sich, dass die heiligen Plätze je nach Region einmal
zum
privaten Kult, ein andermal zum öffentlichen Kult
gehörten.[68]
Im westlichen Norwegen wurde der private Kult von Frauen geleitet.
Für sie gab es auch eine spezielle Bezeichnung hafgyðja analog
zum Hofgoden.
Bei vielen privaten Ritualen spielte der
Penis
eines geschlachteten
Hengstes eine besondere Rolle. Er wurde mit stärkenden
Kräutern (Lauch)
in ein Tuch („lin ok lauk“) gewickelt von der Hausfrau aufbewahrt und
sollte das Wohlergehen des gesamten Hauses fördern. Die zu
bestimmten
Zeiten, wahrscheinlich im Herbst, von der Hausfrau mit diesem Penis
ausgeführten Rituale und die diese begleitenden Texte wurden von
den
Christen als ausgesprochen obszön empfunden.[69] Eine Beschreibung
findet sich im Völsa þáttr
der Flateyjabók. Die burleske Handlung rund um das Ritual deutet
darauf
hin, dass man dem Ritual eine eher mechanisch-gesetzmäßige
Wirkung
zuschrieb, die ohne Andacht oder sonstige Feierlichkeit auskam.[70] Ein
solcher Pferdepenis wurde auch in einem Frauengrab gefunden. Siehe
Artikel Völva.
Als häufigste kultische Verrichtung
wird
das gemeinsame Trinken
überliefert. In den Schilderungen geht es allerdings nicht um den
Rausch und eine damit erzeugte Verbindung zur göttlichen
Sphäre,
sondern nur um das gemeinsame Tun in Erinnerung an Verstorbene oder zur
Stärkung der übernatürlichen Wachstumskräfte. Auch
hier entbehren die
Schilderungen durchweg aller Feierlichkeit. Es handelte sich vielmehr
um eine reine Besäufnis bis zum Rande der Bewusstlosigkeit. Vom
Besuch Egill Skallagrímssons und des Königs Erik Blutaxt
bei Bard berichtet die Egils saga:
„Síðan var
þeim borið öl að drekka. Fóru minni
mörg,
og skyldi horn drekka í minni hvert. En er á leið um
kveldið, þá kom
svo, að förunautar Ölvis gerðust margir
ófærir, sumir spjóu þar inni í
stofunni, en sumir komust út fyrir dyr.“
„Jetzt
wurde ihnen Bier zum
Trinken gebracht. Viele Erinnerungsbecher für Verstorbene
kreisten, und
bei jedem Gedächtnistrunk sollte ein Horn geleert werden. Und
während
so der Abend hinging, wurden viele Mannen Ölvirs schwer auf den
Füßen.
Einige spien in den Saal, andere gingen vor die Tür.“
–
Egils
saga Kap. 44. Übersetzung Felix Niedner.
Und der Besuch Egils bei Armod wird so
geschildert:
„ Því
næst
var öl inn borið, og var það hið sterkasta
mungát; var þá brátt drukkinn einmenningur;
skyldi einn maður drekka af
dýrshorni; var þar mestur gaumur að gefinn, er Egill
var og sveitungar
hans; skyldu drekka sem ákafast. Egill drakk ósleitilega
fyrst langa
hríð; en er förunautar hans gerðust
ófærir, þá drakk hann fyrir þá,
það
er þeir máttu eigi. Gekk svo til þess, er borð
fóru brott; gerðust þá
og allir mjög drukknir, þeir er inni voru, en hvert full, er
Ármóður
drakk, þá mælti hann: "Drekk eg til
þín, Egill;" en húskarlar drukku
til förunauta Egils og höfðu hinn sama formála.
Maður var til þess
fenginn að bera þeim Agli hvert full, og eggjaði
sá mjög, að þeir
skyldu skjótt drekka. Egill mælti við förunauta
sína, að þeir skyldu þá
ekki drekka, en hann drakk fyrir þá, það er
þeir máttu eigi annan veg
undan komast. Egill fann þá, að honum myndi eigi svo
búið eira; stóð
hann þá upp og gekk um gólf þvert,
þangað er Ármóður sat; hann tók
höndum í axlir honum og kneikti hann upp að
stöfum. Síðan þeysti Egill
upp úr sér spýju mikla og gaus í andlit
Ármóði, í augun og nasarnar og
í munninn; rann svo ofan um bringuna, en
Ármóði varð við andhlaup, og
er hann fékk öndinni frá sér hrundið,
þá gaus upp spýja.“
„Dann
ward Bier
hereingebracht, und das war stark eingebrauter Haustrunk. Bald gab es
ein Einzeltrinken. Jeder Mann sollte allein ein Horm leeren. Besondere
Obacht gab man, wo Egil und seine Mannen waren. Sie sollten so stark
wie möglich trinken. Egil trank zuerst ganz gewaltig, und als
seine
Gefährten nicht mehr konnten, trank er auch noch, was sie nicht
mehr
mochten. Dies ging so lange, bis die Tische fortgenommen wurden. Alle,
die in der Stube waren, waren ganz berauscht. Armod rief bei jedem
Horn, das er trank: ‚Ich trinke dir zu, Egil.‘ Seine Knechte aber
tranken den Gefährten Egils mit demselben Zuspruch zu. Ein Mann
war
beauftragt, Egil und seinen Leuten immer ein volles Horn zu bringen,
und er spornte sie sehr an, schnell zu trinken. Egil redete auf seine
Gefährten ein, sie sollten lieber nicht trinken, und er leerte
für sie,
was sie sonst hätten trinken müssen. Egil merkte aber, dass
ihm das
jetzt nicht mehr gut bekäme. Da stand er auf, ging über den
Feuerplatz,
wo Armod saß. Er ergriff ihn mit den Händen bei den Achseln
und drückte
ihn gegen den Sitzpfosten. Darauf spie Egil gewaltig Armod ins Antlitz,
in Augen, Nase und Mund. Das floss ihm in die Brust und nahm ihm fast
den Atem. Als er aber wieder aufatmen konnte, da spie auch er.“
–
Egils
saga Kap. 72. In der Übersetzung von Felix Niedner Kap. 71.
Dem privaten Kult kommt man näher,
wenn
man das älteste schriftliche Christenrecht aus dem Gulathingslov,
heranzieht: "(Heiden)opfer ("blot") sind uns verboten, so dass wir
nicht heidnischen Göttern, Hügeln und Steinen ("Horge")
opfern dürfen." Nicht nur namentlich zu benennende Götter
waren Gegenstand des Kultes, sondern auch Hügel und Horge.
"Horg" bedeutet im alten Norwegen ein
vorchristliches Heiligtum, ein
Altar unter freiem Himmel. Er muss nicht einem bestimmten Gott geweiht
sein. Diese Altäre hatten eine große Bedeutung im
täglichen Leben, was
u.a. aus dem Beinamen Olavs des Hl. "horgbjótr" (=
Altarzertrümmerer) hervorgeht. Das Gulathingslov verbietet auch,
eine
Stelle als "Horg" zu bezeichnen. Die Horge waren offenbar Bestandteil
eines unter den Bauern weit verbreiteten Fruchtbarkeitskultes.
Während
der Asenkult scheinbar im 1. Jahrtausend n. Chr. aus dem
Ausland,
vielleicht aus Deutschland eingedrungen ist, so ist dieser
Fruchtbarkeitskult sicher sehr alt und wohl indogermanisches Gemeingut.
Die Felszeichnungen aus der Bronzezeit und die überall in
Skandinavien
zu findenden Phallus-Steine und gewisse Parallelen im indischen und
persischen Raum bezeugen dies.
Bei den Hügeln, die im
Gulathingslov
genannt werden, handelt es sich
sicher um die Hügelgräber. Das deutet auf eine Art Ahnenkult
hin, von
dem es aber sonst keine weiteren Zeugnisse gibt. Es könnte sich
auch um
eine nekromantische oder spiritistische Praxis gehandelt haben. Im
Borgarthingslov findet sich eine Bestimmung, dass der friedlos sein
soll, der sich ins Freie setzt (d.h. ans Hügelgrab) und Trolle
aufweckt.
Im Christenrecht des Königs Sverrir
werden die verbotenen
heidnischen Bräuche näher beschrieben: „Wenn von jemandem
bekannt wird
und dies ihm nachgewiesen wird, dass er Hügel aufschüttet und
ein Haus
macht, das er „hörgr“ nennt oder eine Stange aufrichtet und sie
„Schimpfstange“
nennt, ...“ Diese Stange wurde zur Verhöhnung des Feindes
aufgerichtet
und gegebenenfalls mit Schadenzauber verbunden. Egil
Skallagrímsson
errichtete eine solche Stange (niðstöng) gegen König Erik
und seine
Frau Gunnhild.[71]
Eine spätere Fassung des Gulathingslov nennt Zauber, Hexerei,
Glaube an
Weissagung, an Wesen, die in Hügeln und Wasserfällen hausen,
das
Außensitzen, um das Schicksal zu erfragen, die Verleugnung Gottes
und
der Kirche, um Schätze in Grabhügeln zu finden oder sonstwie
reich oder
klug zu werden, zu versuchen, Wiedergänger
oder Hügelbewohner aufzuwecken. Im Eidsivathingslov wird von
Hauskulten
gehandelt und der Besitz von Zaubergegenständen, die sich heute
nicht
mehr eindeutig identifizieren lassen, unter Strafe gestellt. Im
Borgarthinglov ist ebenfalls von Zaubermitteln die Rede: „...und wenn
Hexenzeug in den Betten oder Kissen von den Leuten gefunden wird,
Menschenhaare oder Froschfüße oder Menschennägel oder
andere Dinge, die
der Zauberei dienen ....“ und „Wenn einer Frau bewiesen wird, dass sie
ein Troll ist, dann soll sie mit ihrer Habe die Gegend verlassen, da
sie nicht daran schuld ist, ein Troll zu sein.“[72] Auch die sogenannte
„weiße Magie“ war verboten: „Eine Frau, die glaubt, mit
verbotenen Mitteln heilen zu können, büßt mit drei Mark
...“. Ein anderer Brauch ist, „wenn eine Frau ihrem Neugeborenen einen
Finger oder einen Zeh abbeißt zu langem Leben ...“, wobei unklar
bleibt, wessen Leben verlängert werden soll.
Seele und Person
Die Seele war nach allgemeiner
Auffassung das
immaterielle Ich und
das Zentrum des geistigen Vermögens der Person. Sie wurde als so
selbständig gedacht, dass sie sich vom Körper lösen und
unabhängig von
diesem handeln konnte. Für die sehr komplexe Vorstellung gab es
den
Begriff "hugr" = "Sinn, Seele, Herz, Gemüt, Gesinnung, Wunsch,
Neigung,
Verlangen, Ansicht, Gesanken, Gedächtnis, innere Stimme, Ahnung,
tapferer Sinn und Mut."[73]
Dahinter stand die Erfahrung und Deutung des Traumes als
eigenständige
Handlungsform der Seele, während der Körper schläft.
Wenn die Seele
sich vom Körper befreite, konnte sie auch eine andere physische
Gestlt
annehmen. Das nannte man "hamnskifte" = "Gestaltwechsel". "Hamn" war
die materielle Hülle, die die Seele umgibt. Allerdings war dieser
Gestaltwechsel nicht jedem möglich, sondern nur bestimmten
Personen mit
besonderer Veranlagung. Diese waren zauberkundig. So war der
Großvater
Egil Skallagrímssons Úlfr mit dieser Fähigkeit
ausgestattet.
„En dag hvern, er að
kveldi leið, þá gerðist hann
styggur, svo að fáir menn máttu orðum við
hann koma; var hann
kveldsvæfur. Það var mál manna, að hann
væri mjög hamrammur; hann var
kallaður Kveld-Úlfur.“
„Aber
jedesmal, wenn es zum
Abend ging, wurde er so unwirsch, dass nur wenige Leute mit ihm ins
Gespräch kommen konnten. Beim Dunkelwerden pflegte er
schläfrig zu
werden. Man erzählte sich, dass er des Nachts häufig in
verwandelter
Gestalt umging. Die Leute nannten ihn Kveld-Ulf (=Abendwolf).“
–
Egils
saga Kap. 1
Wenn die Seele bei ihrer Wanderung eine
andere
Person aufsuchte, so
machte sich diese Annäherung bei der Person bemerkbar.
Gewöhnlich
überfiel ihn eine plötzliche Müdigkeit, ein
unwiderstehliches
Schlafbedürfnis. Eine solche plötzliche Müdigkeit wurde
umgekehrt dahin
gedeutet, dass sich eine fremde Seele näherte, in der Regel in
feindlicher Absicht. Eine damit verwandte Vorstellung war, dass sich
herannahende Feinde durch Warnträume bemerkbar machen. Wenn also
ein
Mann von einem Rudel Wölfe träumte, so deutete er diesen
Traum, dass
die Wölfe die Seelen feindlicher Männer seien. Wölfe
galten durchgehend
als Zeichen für Feindseligkeit.
„Þórður
segir: ‚Bæta mun það vora ferð fóstri minn
að
þú farir. Segir mér svo hugur um að í
þessi ferð mun eg þín mest þurfa
ef mínir draumar vita nokkuð.‘ Eiður mælti:
‚Hvað dreymdi þig fóstri
minn?‘ Þórður segir: ‚Það dreymdi mig að
eg þóttist kominn til Hvítár í
Borgarfirði og eiga tal við útlenda menn, eigi
síst um kaup nokkur. Og
í því komu í búðina vargar eigi
allfáir og var mér mikill viðbjóður
við
þeim. Síðan réðu þeir á mig og
vildu drepa mig og rifu af mér klæðin en
eg brá sverðinu og hjó eg í sundur einn
varginn í miðju og höfuðið af
öðrum. Síðan hlupu að mér vargarnir
öllu megin en eg þóttist verjast og
varð eg mjög móður og eigi þóttist eg
vita hversu mér mundi vegna. Í
því hljóp fram fyrir mig einn bjarnhúnn og
vildi verja mig og í því
vaknaði eg. Nú þykir mér draumurinn
tíðindavænlegur.‘“
„Thord
sagte: ‚Das wird
unserer Reise zustatten kommen, mein Junge, wenn du mitreitest. Mir
ahnt es so, als wenn ich dich auf dieser Reise besonders nötig
haben
werde, wenn meine Träume etwas bedeuten.‘ Eid sagte: ‚Was hast du
geträumt, Vater?‘ Thord antwortete: ‚Ich träumte, ich sei zur
Hvítá im
Borgarfjord gekommen und unterhielte mich mit ausländischen
Männern,
hauptsächlich über einige Geschäfte. Da kamen in unsere
Bude viele
Wölfe herein, vor denen ich Abscheu empfand. Sie griffen mich an
und
wollten mich zerreißen und zerrten mir die Kleider herunter. Ich
zog
mein Schwert und zerhieb einen Wolf mitten durch, und einem anderen
schlug ich den Kopf ab. Da stürzten die Wölfe von allen
Seiten auf mich
ein. Mir war es, als ob ich mich verteidigte, und ich wurde sehr
müde
und glaubte nicht zu wissen, wie es ablaufen würde. Da sprang ein
junger Bär vor mich und wollte mir helfen, und in dem Augenblick
erwachte ich. Nun scheint mir, der Traum zeige Dinge an, die kommen
werden.‘“
–
Þórðar saga hreðu Kap 3, in der Übersetzung
von Vogt und Fischer Kap. 8.
Man nannte diese Traumgestalten
"fylgja".
Normalerweise traten sie
in Tiergestalt auf, wobei sich die Gestalt nach den
Charaktereigenschaften der jeweiligen Person richteten. Aber es gab
auch menschliche Folgegeister der eigenen Familie, die im Traum
Warnungen vorbrachten. In der Vatnsdæla saga wird berichtet, dass
dieZauberin Groa Thorstein zu einem Gastmahl einlud, um ihn durch
Zauber für sich zu gewinnen.
„ Og hina
þriðju
nótt áður Þorsteinn skyldi heiman
ríða dreymdi hann að kona sú er fylgt hafði
þeim frændum kom að honum
og bað hann hvergi fara. Hann kvaðst heitið hafa.
Hún mælti: "Það líst
mér óvarlegra og þú munt og illt af
hljóta." Og svo fór þrjár nætur að
hún kom og ávítaði hann og kvað honum eigi
hlýða mundu og tók á augum
hans.“
„Drei
Nächte, bevor er von
Hause reiten sollte, träumte Thorstein, dass die Frau, die seine
Ahnen
begleitet hatte, zu ihm komme und ihn bitte, ja nicht zu reiten. Sie
sprach: ‚Das scheint mir unklug, und es wird dir auch Unglück
bringen.‘
Und so ging es drei Nächte, dass sie kam und ihm Vorhaltungen
machte,
es werde ihm nicht taugen, und sie berührte seine Augen.“
–
Vatnsdæla saga Kap. 36.
Schicksalsglaube
Ein besonderes Charakteristikum
nordgermanischen Lebensgefühls ist
sein Schicksalsglaube. Demgemäß ist er sehr komplex und
besteht aus
vielen unterschiedlichen Elementen. So gibt es eine Auffassung
über ein
unpersönliches Prinzip, das von außen die Geschicke lenkt.
Daneben gibt
es die Vorstellung von einer im Innern des Menschen wirksamen Macht der
Lebensgestaltung. So gibt es den Glauben an eine von Geburt an
vorbestimmte Lebensdauer. Daneben existiert die Vorstellung, dass
göttliche Mächte auf Leben und Lebensdauer Einfluss nehmen.
Auch der
Gedanke, dass im Augenblick der Geburt Disen
das Schicksal des Neugeborenen bestimmen, wird oft vertreten.
Ursprünglich war es die Funktion der Disen, der werdenden Mutter
bei
der Geburt beizustehen. Daraus ergab sich dann die Funktion der
Schicksalsbestimmung. Diese Funktion brachte ihnen dann den besonderen
Namen Nornen ein.[74] Während die Nornen SkuldWerdandi keine
Tradition in den nordischen Mythen aufweisen, wird Urd
als die eigentliche und ursprüngliche Schicksalsmacht angesehen.
Das
Schicksal wurde als unausweichlich angesehen. Es konnte daher auch
nicht durch Gebete beeinflusst werden. Es handelte sich um eine blind
wirkende Ordnung, die von außen das Leben des Menschen bestimmte.
Insofern unterschied sich der Schicksalsaglaube prinzipiell vom
Götterglauben.[75]
Daneben gab es aber auch eine andere Tradition, wonach das Schicksal
eine Eigenschaft des Menschen selbst sei. In den isländischen
Sagas ist
diese Ansicht reich belegt und wird mit dem Begriff "hamingjá" =
"Glück" belegt. Dabei handelte es um eine Personeneigenschaft, die
als
Ursache für das Gelingen, das Glück und dessen Kraft
angesehen wurde.
Wem hamingjá fehlte, dem fehlte Tüchtigkeit und Mut.
Hamingjá
war nicht nur auf einen einzelnen bezogen, sondern wohnte einem
Geschlecht als Ganzem inne. In der Vatnsdæla saga misslingt der
Zauber der Groa auf Grund einer Warnung des Schutz- und Folgegeistes
(Zitat im vorigen Abschnitt). Groas Reaktion auf dieses Misslingen wird
wie folgt geschildert: und
„Þann aftan
þá er sól var undir gengin sá
sauðamaður
Gró að hún gekk út og gekk andsælis um
hús sín og mælti: ‚Erfitt mun
verða að standa í mót giftu Ingimundarsona.‘“
„Diesen
Abend, als die Sonne
untergegangen war, sah ein Schafhirt Groa, wie sie aus dem Gehöfte
trat
und entgegen dem Sonnenlauf um ihr Gehöft schritt und sprach:
‚Schwer
ist es, dem Glück der Ingimundssöhne zu widerstehen.‘“
–
Vatnsdæla saga Kap. 36.
Am stärksten hatte diese
Eigenschaft das
Herrschergeschlecht. Harald
Hårfagre war in außergewöhnlichem Maße mit
diesem Glück ausgestattet,
was sich in seinem Schlachtenglück widerspiegelte.
Feste
Die christlichen Sagaverfasser gingen
davon
aus, dass es heidnische
Gemeinden gegeben habe, die an einen Tempel gebunden waren, und dass
der Häuptling am Tempel so etwas wie eine Tempelsteuer erhoben
habe.
Dass es Tempel gegeben hat, bezeugen die Ortsnamen auf -hov (= Tempel)
vergleichend hierzu bedeutet der gotische Begriff Alhs, Alah den
heidnischen Weiheort, Kultort schlicht den Tempel. Wulfila verwendete
im 4. Jahrhundert diesen Begriff in seiner Bibelübertragung u.a.
in Mk 15,38 EU
für das griechische „ναός“ (Naós), Allerheiligstes, das
Heiligtum.
Diese Örtlichkeiten liegen im allgemeinen ziemlich zentral im
besiedelten Gebiet. Aber es sieht auf sprachlicher Grundlage so aus,
als ob sie nicht sehr alt und erst in der Wikinger-Zeit entstanden
seien. Es ist auch unwahrscheinlich, dass es sich dabei um ein
Gebäude
gehandelt hat, wie die Bezeichnung "templum" in lateinischen Quellen,
z.B. bei Adam von Bremen nahelegt. Genauere Untersuchungen bei
Ausgrabungen von Kirchen haben ergeben, dass diese auf den Resten
älterer Kirchen, nicht aber von heidnischen Tempeln erbaut wurden.
Daher ist der Schluss gerechtfertigt, dass die heidnischen Kulte in der
Regel im Freien abgehalten wurden. Da die Häuptlinge reich waren,
kann
es natürlich sein, dass die Versammlungen auch in ihrem Langhaus
stattfanden, aber nicht in besonderen Gebäuden.[76] Ein Beispiel
dafür könnte das Langhaus in Borg sein. Als wichtiges Zeugnis
der damaligen Festpraxis gilt die Festhalle von Helgö
in Ostschweden. Dort wurden zahlreiche Scherben von
Glasgefäßen, 26
kleine Goldbleche mit Darstellungen von Liebespaaren, die Krümme
eines Bischofsstabes und eine Buddha-Figur ausgegraben.[77]
Nach allem, was man weiß,
dürfte
der Tempel in Uppåkra eine Ausnahme
gewesen sein. Aber es ist auch damit zu rechnen, dass die Nutzung von
Gebäuden zu religiösen Feiern regional sehr unterschiedlich
war.
Sicher ist, dass es rituelle Feste gab.
Jedes
Fest benötigt so etwas
wie einen „maître de plaisir“. Aber schon die Frage, ob über
das
Gesamtgebiet die Feste gleichartig waren, oder nicht vielmehr lokalen
Traditionen folgten, lässt sich nur näherungsweise
beantworten, da sich
bei den Festbeschreibungen tatsächliche Abläufe von
christlich
eingefärbten Schilderungen nur schwer trennen lassen. Jedenfalls
unterscheidet sich die Schilderung des Festes in Uppsala bei Adam von
Bremen[78] erheblich vom Opferfest von Lade, das Snorri Sturluson
schildert.[79]
Adam berichtet von Priestern, Snorri nicht. Der oben abgebildete
Hammarsstein von Bunge stellt eine Opferszene dar, zu der es kein
schriftliches Gegenstück gibt. Es ist nicht sinnvoll, an den
Schilderungen zu zweifeln, da es keine Gegeninformationen gibt. Wenn
gegen Adam die Vielzahl christlicher Gräber aus dem 11.
Jahrhundert in
Uppsala ins Feld geführt wird, so weiß man aus der
Geschichte der
Christianisierung des Römischen Reiches im 3. bis 5. Jahrhundert,
dass
dies kein Gegenbeweis für einen gleichzeitigen heidnischen Tempel
am
gleichen Ort ist. Wenn man bei Snorris Schilderung der Rituale
christlich anmutende Elemente feststellt, so ist zu
berücksichtigen,
dass es bestimmte Archetypen von Weihehandlungen (Besprengen mit Blut)
gibt, die nicht unbedingt in einem Filiationsverhältnis stehen
müssen.
Dass in Uppsala bestimmte Funktionen einem besonders Kundigen, den man
als Priester bezeichnen kann, übertragen wurden, liegt nahe, da
man
davon ausgehen kann, dass ein Ritus, der nur alle 9 Jahre
ausgeführt
wird, einen erhöhten Komplexitätsgrad der Feierlichkeiten
aufweist.
Die Feste hießen „blót“.
„Blót“ heißt „stärken“. Gestärkt sollten die
Götter werden. Von den Festen sind einige überliefert:[80]
Nach der Jahreszeit:
- Herbstblót: Es wurde um die
Mitte
des Oktobers gefeiert. Hauptperson war Frøya.
- Winterblót: Das wurde
irgendwann im
Winter gefeiert und hatte die besondere Bezeichnung jól. Auch
hier war Frøya die Hauptperson. Es dürfte sich um ein
privates Fruchtbarkeitsfest gehandelt haben. Denn im Gulathingslov wird
vorgeschrieben, dass das zu trinkende Bier Christus und der Hl. Maria
mit dem Spruch „til árs ok friðar“ zu weihen sei, der dem
Heidentum entstammenden Bitte um Fruchtbarkeit.
- Zu Beginn des vierten Wintermonats
þorri wurde das þorra-blót gefeiert.
- Im Frühjahr wurde das
Gói-blót gefeiert, dass wie das jólblot mit
Fruchtbarkeitsriten in Verbindung steht.
- Sommerblót wurde um die Mitte
des
April gefeiert. Dieses Fest war
Odin gewidmet. Mit diesem Fest begann die Saison für die Ausfahrt
und
den Kriegszug.
- Elfenblót: Von ihm wissen wir
so gut
wie nichts. Es war lokal und
wurde von Frauen geleitet und Fremde hatten keinen Zutritt. Da es den
Elfen als allgegenwärtigen Mächten gewidmet war und es von
Frauen
geleitet wurde, vermutet man, dass es um Ahnen und Fruchtbarkeit ging.
Die einzige Nachricht von dem Fest liefert Sigvat, der Skalde Olafs des
Heiligen. Der Skalde macht eine Reise nach Osten, und da
widerfährt ihm folgendes:
„Þá kom
hann
að öðrum garði. Stóð þar
húsfreyja í durum, það hann ekki ðar inn
koma, segir að þau sættu álfablót.“
„Da
kam er an einen anderen
Hof. Stand da die Hausfrau in der Türe, sagt, dass er nicht
hineinkommen dürfe, es werde gerade das Elfenopfer abgehalten.“
–
Heimskringla. Saga Ólafs hins helga Kap. 91.
nach dem Ort:
- Blót in Uppsala: Aus der
letzten
Phase des Heidentums berichtet darüber Adam von Bremen.
Danach soll in Uppsala ein vergoldeter Tempel mit einer großen
Statue
des Thor gestanden haben, an seiner Seite Odin und Frøy. Jeder
habe
seine Priester gehabt. Bei Seuche und Hungersnot werde Thor geopfert,
bei Krieg dem Odin und bei Hochzeiten Frøy. Jedes neunte Jahr
werde für
alle Landschaften Schwedens ein Hochfest gefeiert. Von allen Lebewesen
würden neun männliche Exemplare geopfert. Ihr Blut werde den
Göttern
geopfert, die Körper im nahen heiligen Hain aufgehängt. Es
handele sich
um Hunde, Pferde und auch Menschen. Dabei würden viele Lieder
gesungen.
Man zweifelt oft an der Richtigkeit seiner Schilderung, weil ihm als
Missionar an einer Negativ-Darstellung des Heidentums gelegen gewesen
sei. Nur war seine Leserschaft bereits christlich, die kaum vom
Heidentum abgeschreckt zu werden brauchte. Sein christlicher
Hintergrund reicht nicht aus, seine Schilderung generell in Zweifel zu
ziehen, zumal es in Resten von gewebten Wandbehängen aus der Zeit
Szenen mit Menschen, die am Baum hängen, gefunden worden sind.
Auch
Odin selbst hing neun Tage an einem Baum, um Weisheit zu erlangen. Das
Fest fand zum Vollmond im Monat nach dem Júlmonat statt. Das
Fest war
auch gleichzeitig mit einer großen Thingversammlung
verknüpft.
- Blót in Mære (Steinkjer)
in
Trøndelag. Snorri Sturluson schildert das Fest in groben
Zügen.
„Sigurðr
Hlaðajarl var
hinn mesti blótmaðr, ok svá var
Hákon, faðir hans. Hélt Sigurðr jarl upp
blótveizlum öllum af hendi
konungs þar í Þrœndalögum. Þat var forn
siðr, þá er blót skyldi vera,
at allir bœndr skyldu þar koma sem hof var ok flytja þannug
föng sín,
þau er þeir skyldu hafa, meðan veizlan stóð.
At veizlu þeirri skyldu
allir menn öl eiga; þar var ok drepinn allskonar smali ok
svá hross; en
blóð þat alt, er þar kom af, þá var
kallat hlaut, ok hlautbollar þat,
er blóð þat stóð í, ok hlautteinar,
þat var svá gert sem stöklar; með
því skyldi rjóða stallana öllu saman, ok
svá veggi hofsins utan ok
innan, ok svá stökkva á mennina; en slátr
skyldi sjóða til
mannfagnaðar. Eldar skyldu vera á miðju gólfi
í hofinu ok þar katlar
yfir; ok skyldi full um eld bera. En sá er gerði veizluna ok
höfðingi
var, þá skyldi hann signa fullit ok allan
blótmatinn. Skyldi fyrst
Óðins full, skyldi þat drekka til sigrs ok
ríkis konungi sínum, en
síðan Njarðar full ok Freys full til árs ok
friðar. Þá var mörgum
mönnum títt at drekka þarnæst Braga full. Menn
drukku ok full frænda
sinna, þeirra er göfgir höfðu verit, ok váru
þat minni kölluð.“
„Sigurd,
der Jarl von Lade,
war ein eifriger Opferer, und dies war auch schon sein Vater
Håkon
gewesen. Sigurd stand allen Opferfesten dort in Drontheim an Stelle des
Königs vor. Es war alter Brauch, dass, wenn ein Blutopfer
stattfinden
sollte, alle Bauern an die Stätte zu kommen hatten, wo der Tempel
stand, und dass sie dort alle Lebensmittel mitbringen mussten, die sie
nötig hatten, solange das Fest währte. Und zu diesem Fest
sollten
außerdem alle Männer Bier mitbringen. Man schlachtete dort
auch Vieh
aller Art und besonders Pferde. Alles Blut aber von diesen nannte man
Opferblut, die Schalen, in denen das Blut stand, Opferschalen. die
Opferwedel waren aber nach Art von Sprengwedeln gemacht. Mit diesen
sollten die Götteraltäre allesamt bespritzt werden, ferner
die Wände
des Tempels innen und außen. Auch auf die Menschen sollte man das
Opferblut mit ihnen sprengen. Das Fleisch aber sollte gesotten werden
zu frohem Schmaus für die Anwesenden. Feuer aber waren in der
Mitte des
Tempelflures angezündet, und Kessel sollten darüber sein, und
man
sollte die vollen Becher über das Feuer hin reichen. Der
Veranstalter
und Leiter des Festes aber sdollte die Bescher und die ganze
Opferspeise segnen. Zuerst sollte man den Odinsbecher für den Sieg
und
die Herrschaft seines Königs trinken, und dann die Becher des
Njörd und
des Frey für fruchtbares Jahr und Frieden. Danach pflegten manche
Männer den Bragi-Becher zu trinken. Man trank auch Becher auf
seine
Verwandten, die schon im Grabe lagen, und diese nannte man
Gedächtnis-Becher.“
–
Heimskringla. Saga Hákonar góða. Kap. 16.
Übersetzt von Felix Niedner
und nach der Gelegenheit: Hier wird
nicht der
Ausdruck „blót“
verwendet, sondern „øl“ (Bier). Opfer waren nämlich nicht
nur an Gott
gerichtet, es waren auch soziale Ereignisse, in der die sogenannte
„Trinkgemeinschaft“ eine besondere Rolle spielte. Das Wort "Øl"
bedeutete im Norwegischen nicht nur Bier, sondern auch "religiöses
Gelage". Der Beginn des Lebens bildete das "Barnsøl"
(Kindsbier), dann kamen "Brudeøl" (Brautbier) und am Ende
"Gravøl"
oder "Arveøl"[81]Festensøl" (Festbier). Die
Kulthandlungen hatten vorwiegend die Funktion, den Zusammenhalt der
Kultgemeinde zu erneuern. (Begräbnisbier, Erbenbier), dazwischen
oft auch "
Auch beim normalen festlichen
Beisammensein
wurde religiöse Rituale beachtet. Man trank gerne zum
Gedächtnis Verstorbener.
„Síðan var
þeim borið öl að drekka. Fóru minni
mörg,
og skyldi horn drekka í minni hvert. En er á leið um
kveldið, þá kom
svo, að förunautar Ölvis gerðust margir
ófærir, sumir spjóu þar inni í
stofunni, en sumir komust út fyrir dyr.“
„Jetzt
wurde ihnen Bier zum
Trinken gebracht. Viele Erinnerungsbecher für Verstorbene
kreisten, und
bei jedem Gedächtnistrunk sollte ein Horn geleert werden. Und
während
der Abend so dahinging, wurden viele Mannen Ölvirs schwer auf den
Füßen. Einige spieen in den Saal, andere gingen vor die
Tür.[82]“
–
Egils
saga Kap. 44.
Magie
Für Norwegen und Island wird von
Runenzauber berichtet. Auch in
Schweden scheint man den Runen Zauberkraft beigemessen zu haben. In der
Egils saga wird dem Skalden Egil die Kenntnis des Runenzaubers
zugeschrieben. Bei einem Gastmahl sollte er von seinem Gastgeber und
der Königin vergiftet werden.
„Drottning og
Bárður blönduðu þá drykkinn
ólyfjani og
báru þá inn; signdi Bárður fullið,
fékk síðan ölseljunni; færði
hún
Agli og bað hann drekka. Egill brá þá
knífi sínum og stakk í lófa sér;
hann tók við horninu og reist á rúnar og
reið á blóðinu. Hann kvað:
Rístum rún á
horni,
rjóðum spjöll í dreyra,
þau velk orð til eyrna
óðs dýrs viðar róta;
drekkum veig sem viljum
vel glýjaðra þýja,
vitum, hvé oss of eiri
öl, þats Báröðr signdi.
Hornið sprakk í sundur, en
drykkurinn fór niður í hálm.“
„Die
Königin und Barð mischten
da einen Trank mit Gift und brachten ihn herein. Barð weihte den
Becher
mit dem Zeichen von Thors Hammer und händigte ihn dann der
Schenkin
ein. Sie brachte ihn Egil und forderte ihn auf, zu trinken. Egil aber
zog sein Messer und stach sich in die Hand. Er nahm das Horn, ritzte
Runen hinein, bestrich sie mit Blut und sprach:
Runen ritzt ins Horn ich:
Rot wie Blut sie lohten.
Wählte kernigen Wahlspruch
Wisents Hauptschmuck, ihr Disen:
Gern gutlauniger Dirnen
Goldigen Trank ich schwinge!
Was du, Barð weihtest:
Wie's bekommt, jetzt siehe!
Da sprang das Horn entzwei, und der Trunk
floss
nieder auf die Streu.[83]“
–
Egils
saga Kap. 44.
Auch heilt er ein Mädchen durch
Heilrunen
(die Geschichte ist im Artikel Runen geschildert).
Auch die Merseburger Zaubersprüche
scheinen auf Vorstellungen gefußt zu haben, die räumlich
sehr weit
verbreitet waren. Ihre bildliche Umsetzung findet man auf
Goldbrakteaten, die in Gudme auf Fünen gefunden wurden. Auch die
Chiffren der Odins– und Balderdarstellungen ist von Dänemark bis
nach Obermöllern im südlichen Niedersachsen und Straubing in
Bayern gleich.[84] Deren Mythen waren überall bekannt.
Tod und Jenseits
Die Grabbeigaben zeugen von einem
Glauben an
ein Weiterleben nach
dem Tode. Der Verstorbene blieb im Familienverband. Das Verhältnis
zwischen Lebenden und Toten beruhte auf Gegenseitigkeit. Die Toten
bildeten eine Kraftquelle, die durch Opfergaben unterhalten werden
musste. Diese wurden weniger aus Pietät als vielmehr im eigenen
wohlverstandenen Interesse dargebracht. Die Grabbeigaben zeugen auch
davon, dass die soziale Schichtung nach dem Tode erhalten blieb. Die
Germanen kannten auch für das Totenreich keine egalitäre
Gesellschaft.
Die Waffen in den Gräbern lassen darauf schließen, dass es
im Jenseits
nicht friedlich zuging.[85] Aber das reichhaltige Geschirr zeigt, dass
man auch Feste erwartete.
Die Toten bekamen zur Fahrt ins Jenseits
alles
mit, was sie zur
Fortsetzung des Lebens dort brauchten. So beschreibt die sterbende
Brynhild das, was Siegfried und ihr auf dem Scheiterhaufen mitzugeben
sei:
|
þeygi mun ór för
aumlig vera.
Því at hánum fylgja
fimm ambáttir,
átta þjónar,
eðlum góðir,
fóstrman mitt
ok faðerni,
þat er Buðli gaf
barni sínu.[86]
|
Unsere Fahrt wird
nicht ärmlich sein.
Ihm folgen mit mir
der Mägde fünf,
Dazu acht Knechte
edeln Geschlechts,
Meine Milchbrüder
mit mir erwachsen,
Die seinem Kinde
Budli geschenkt.[87]
|
Archäologische Funde
bestätigen eine
solche Ausstattung der
Totenreise, auch die Totenfolge. Bei hochgestellten Personen waren es
oft die Ehefrauen, ja sogar der Mundschenk und der Marschall.[88] Die
beigegebenen Transportmittel geschirrte Pferde, Schiff und Wagen lassen
sich mit Hilfe der Bildsteine interpretieren.[89] Sie waren für
die verschiedenen Etappen der Totenreise erforderlich.
Neben den Grabbeigaben wurden in
Südschweden weiterhin absichtlich
zerbrochene Gegenstände gefunden, die sorgfältig
zusammengestellt in
der Nähe der Begräbnisstellen und nur wenig unter der Erde
vergraben
waren. Sie stammen aus dem 5. Jahrhundert. Man deutet dies so, dass sie
den Toten mitgegeben werden sollten. Es handelte sich um Sattel- und
Zaumzeug und Waffen. Es handelt sich um Opferfunde in Hösdala (in
der
Kommune Hässleholm), Fulltofta (in der Kommune Hörby) und
Vennebo (bei Roasjö, Västergötland). Sie werden unter
dem Sammelnamen „Sösdalagruppe“ geführt.[90]Sie haben
große Ähnlichkeit mit entsprechenden Funden aus den Gebieten
der südöstlichen Reiternomaden (Hunnen, Heruler).
Ähnlich Funde wurden zum Beispiel auch in UntersiebenbrunnIbn
Fadlān
beschreibt ausführlich die Bestattung eines
Warägerfürsten bei den Rus.
Dabei ist allerdings fraglich, wieweit die dort geschilderten Riten
für
ganz Skandinavien repräsentativ sind. gemacht.
Ein zentrales Element der Totenfeier
für
einen Hausvorstand war der Leichenschmaus (gravøl,
arveøl).
Er wurde am siebten Tag nach dem Tode abgehalten. Die frühen
Christenrechte zeugen davon, dass der Leichenschmaus in
verschwenderischer Weise stattfand, indem sie sich scharf gegen die
übermäßige Üppigkeit wenden, die als heidnisch
angesehen wurde. Der
Wortbestandteil "-øl" (= Bier) weist auf das zentrale Element
des
Leichenschmauses hin, nämlich das Gedächtnistinken. In dessen
Mittelpunkt stand der "bragarfull", der Schwurbecher. Das Leeren
des Schwurbechers war ein rituell-rechtlicher Akt, mit dem der Erbe
Anspruch auzf die Nachfolge nach dem Verstorbenen und auf dessen Platz
am Hochsitz erhob.[91]
Der feierliche Schwur beim Trinken des Schwurbechers für eine
beabsichtigte Tat belegte die Würdigkeit, nunmehr der Vornehmste
seines
Geschlechtes zu sein. Man dachte sich den Verstorbenen beim
Gedächtnistrinken unsichtbar anwesend, und man stärkte so die
Gemeinschaft mit ihm. Aus den Quellen ist eine Fortsetzung des
Totenkultes in der Folgezeit nicht unmittelbar zu entnehmen. Aber die
frühen Christenrechte wenden sich gegen Riten, die an Hügeln
vollzogen
werden, womit sicher auch Grabhügel gemeint sind.
Über den Aufenthaltsort der Toten
gab es
unterschiedliche Auffassungen. In den Quellen tritt vor allem Hel
als Göttin der Unterwelt in Erscheinung. Ihr Gesicht war zur
Hälfte
blauschwarz, zur Hälfte hatte es normale Hautfarbe. Sie war gierig
und
gnadenlos; wen sie einmal hatte, den ließ sie nicht mehr los.
Diese
Personifikation des Todesreiches ist in der Religion des Nordens
wahrscheinlich nicht sehr alt, sondern stammt wohl erst aus der
Wikingerzeit, wenn auch das Wort "hel" älter und im
gemeingermanischen Gebrauch ist und wahrscheinlich mit dem Verb hylja
= verbergen zusammenhängt. Auch die Düsternis des Totenreichs
muss
nicht ein ursprüngliches Element gewesen sein. Als Hel Balder
erwartete, heißt es, sie habe ihre Säle festlich
geschmückt.[92] Man dürfte sich das Totenreich so konkret
vorgestellt haben wie das Hügelgrab, in dem der Tote lag.
Eine andere Vorstellung war, dass der
Tote in
einen Berg
hineinversterbe. Der Berg Helgafell in Island (Heiliger Berg) hat daher
seinen Namen. In der Eyrbyggja saga heißt es: „Diesen Hügel
nannte
Thorolf Helgafell (Heiligenberg) und glaubte, dass er in ihn eingehen
werde, wenn er sterbe, und so auch alle Verwandten auf der Landspitze.“
und später: „An einem Herbstabend wollte der Schafhirt Thorsteins
nördlich von Helgafell das Vieh nach Hause treiben. Da sah er den
Hügel
nach der Nordseite offen. Er erblickte im Hügel große Feuer
und hörte
aus ihm fröhlichen Lärm und Hörnerklang. Und als er
genau horchte, ob
er einige Worte unterscheiden könne, hörte er, wie man dort
dem
Thorstein und seinen Gefährten Gruß entbot und sagte, er
werde bald auf
dem Hochsitz gegenüber seinem Vater sitzen ...“ Diese Vorstellung
hält
man für jünger als die vom Totenreich der Hel und für
einen Vorläufer
von Walhall.[93]
Im 10. Jh. begegnet in den
Skaldengedichten
ein anderes Totenreich,
Odins "Walhall". Dorthin kamen die, die im Kampfe fielen. Sie
vergnügten sich jeden Tag miteinander und schlugen sich. Wer fiel,
stand am Abend wieder auf. Wie tief dieser Glaube ging, ist schwer zu
sagen. Es handelt sich um ein literarisches Produkt und scheint eher
die ideale Welt einer Kriegerkaste widerzuspiegeln, als ein Ausdruck
von Religiosität zu sein.[94]
Dafür spricht, dass Frauen in dieser Vorstellung keinen Platz
haben. Im
Christentum wurde das Reich der Hel mit der Hölle
gleichgesetzt.[95]
In vorchristlicher Zeit scheint der Tod
auch
eine erotische
Komponente gehabt zu haben. So heißt es in der Ynglingatal, dem
ersten
Text der Heimskringla, dass die verstorbenen Könige in Hels
Umarmung
lägen. Auch die Skalden verwenden erotische Wendung bei der
Beschreibung des Todes eines Seekriegers auf dem Meer: Es heißt
da, sie
bestiegen Rans Bett oder sie lägen in der Umarmung ihrer
Töchter.[96]
Im Volksglauben spielte auch der
Wiedergänger
eine große Rolle. Wenn der Tote nicht genau der Sitte
gemäß beerdigt
war, dann fand er im Grab keine Ruhe. Der Tote konnte dann umgehen und
Schaden anrichten. Besonders in Krisenzeiten wurden viele
schädigende
Ereignisse den Wiedergängern zugeschrieben. Daher musste der Tote
noch
einmal getötet werden. Man rammte einen Pfahl in das Grab durch
den
Leichnam, um den Toten festzunageln, oder man hieb ihm den Kopf ab,
dass er nicht zu den Lebenden zurückfinde.[97]
Das bedeutet auch, dass man das Grab selbst als Aufenthaltsort des
Toten sah. Daher wurden dort auch die kultischen Handlungen der
Totenverehrungen vollzogen. Der vorchristliche Ahnenkult hielt sich
lange.
Man gab den Namen eines kürzlich
verstorbenen nahen Verwandten einem
Neugeborenen und glaubte, dass dessen Eigenschaften auf diese Weise auf
das neue Familienmitglied übergingen. Der Name war ein
wesentlicher
Ausdruck der Persönlichkeit.[98]
Die Lebenden waren ein Glied in der Kette der Generationen und
Verwalter des Glückskapitals, das die Verstorbenen angesammelt
hatten.
Christianisierung
Während
die Mythologie von der Christianisierung unbehelligt blieb, ja von
Christen ausführlich überliefert wurde, wurde die Kultpraxis
rigoros
unterdrückt. Insbesondere von Olav dem Heiligen wird berichtet,
dass er Opferfeste mit militärischen Mitteln unterdrückte.
„Það haust
voru
sögð Ólafi konungi þau tíðindi innan
úr Þrándheimi að bændur hefðu
þar haft veislur fjölmennar að
veturnóttum. Voru þar drykkjur miklar. Var konungi svo
sagt að þar væru
minni öll signuð ásum að fornum sið.
Það fylgdi og þeirri sögn að þar
væri drepið naut og hross og roðnir stallar af
blóði og framið blót og
veittur sá formáli að það skyldi vera til
árbótar. Það fylgdi því að
öllum mönnum þótti það
auðsýnt að goðin höfðu reiðst
því er Háleygir
höfðu horfið til kristni. … „Það er yður
satt að segja konungur ef eg
skal segja sem er að inn um Þrándheim er nálega
allt fólk alheiðið í
átrúnaði þótt sumir menn séu
þar skírðir. En það er siður
þeirra að
hafa blót á haust og fagna þá vetri,
annað að miðjum vetri en hið
þriðja að sumri, þá fagna þeir sumri.
Eru að þessu ráði Eynir og
Sparbyggjar, Verdælir, Skeynir. Tólf eru þeir er
fyrir beitast um
blótveislurnar og á nú Ölvir í vor
að halda upp veislunni. Er hann nú í
starfi miklu á Mærini og þangað eru til flutt
öll föng þau er til þarf
að hafa veislunnar.“ … Konungur kom um nóttina inn á
Mærina. Var þar
þegar sleginn mannhringur um hús. Þar var Ölvir
höndum tekinn og lét
konungur drepa hann og mjög marga menn aðra. En konungur
tók upp veislu
þá alla og lét flytja til skipa sinna og svo
fé það allt, bæði húsbúnað
og klæðnað og gripi, er menn höfðu
þangað flutt og skipta sem herfangi
með mönnum sínum. Konungur lét og veita
heimferð að bóndum þeim er
honum þóttu mestan hluta hafa að átt þeim
ráðum. Voru sumir höndum
teknir og járnsettir en sumir komust á hlaupi undan en
fyrir mörgum var
féið upp tekið.“
„In diesem Herbst
erhielt der
König [Olav Haraldsson
(der Heilige)] Nachrichten aus Inner–Trondheim, dass die Bauern dort
viel besuchte Feste zu Wintersanfang abhielten und dass es dort
große
Gelage gebe. Dem König wurde erzählt, dass alle Becher dort
nach altem
Brauch den Asen geweiht wurden. Auch wurde ihm weiter erzählt,
dass man
Rinder dort schlachtete und sogar Pferde, und dass man die Altäre
mit
ihrem Blut besprengte. Blutopfer hätten stattgefunden, und das sei
als
Grund angegeben, sie sollten einer besseren Ernte dienen. Endlich
hieß
es noch, alles Volk sei des Glaubens, es sei deutlich zu sehen, dass
die Götter in Wut gearten seien, weil die Helgeländer sich
dem
Christenglauben zugewandt hätten. … [Thoralsi erzählte dem
König:]
‚Dies muss ich wahrheitsgemäß berichten, König, wenn
ich erzählen soll,
wie die Dinge liegen. In ganz Inner-Trontheim ist fast das ganze Volk
heidnisch in seinem Glauben, wenn auch einige Männer dort getauft
sind.
Nun ist es ihr alter Brauch, im Herbst ein Opferfest zu begehen, um den
Winter zu begrüßen, ein zweites im Mittwinter und ein
drittes im
Sommer, um den Sommer zu begrüßen. So ist es Brauch bei den
Bewohnern
der Inseln wie bei denen von Sparbuen, von Verdalen und von Skogn. Dort
sind zwölf Männer, die es auf sich nehmen, die Opferfeste zu
leiten,
und jetzt im nächsten Frühjahr ist Olvir daran, das Fest zu
geben. Eben
weilt er in großer Geschäftigkeit in Mären, und dorthin
hat man alles
Gut gebracht, was man zur Veranstaltung des Festes braucht.‘ … Der
König langte in der Nacht in Mären an, und dort wurden sofort
die
Häuser von einem Kreise von Mannen umstellt. Dort ergriff man
Olvir,
und der König hieß ihn töten zusammen mit manchem
anderen Mann. Der
König ließ alle Vorräte für das Fest wegnehmen und
an Bord seiner
Schiffe bringen, sowie sämtlichen Hausrat, Teppiche, Gewänder
und
Kostbarkeiten, die das Volk dorthin gebracht hatte. Er ließ sie
als
Kriegsbeute unter seine Leute verteilen. Der König ließ auch
die Männer
in ihren Häusern ergreifen, die nach seiner Meinung den meisten
Anteil
an diesen Veranstaltungen hatten. Einige von ihnen nahm man gefangen
und legte sie in Eisen, anderen gelang es durch Flucht zu entrinnen,
aber vielen wurde ihre Habe weggenommen.[99]“
– Òlafs saga helga
Kap.
107, 109
Die Kultkontnuität ist ein erst in
neuerer Zeit erforschter Gegenstand der skandinavischen
Religionsgeschichte. Dabei wird zwischen
Kultstätten-Kontinuität, Kultbauten-Kontinuität,
Kultverwaltungs-Kontinuität und Kultinhaltskontinuität
unterschieden.
Die Theorie der
Kultstättenkontinuität ist die älteste und
geht davon aus, dass die christlichen Kirchen auf oder in unmittelbarer
Nähe zu heidnischen Kultplätzen errichtet worden sind.
Gerhard Schøning
schloss aus den Ortsnamen in seinem Reisebericht aus den 70er Jahren
des 18. Jahrhunderts, dass Kirchen in unmittelbarer Nähe zu
heidnischen
Opferplätzen errichtet worden waren.[100] Dem schloss sich Magnus
Olsen in seinen Forschungen an.[101]
Das ist bis heute herrschende Meinung geblieben. Er postulierte
darüber
hinaus, dass die Heiden auf dem Kontinent mit christlichen Kirchen
bekannt geworden seien und für ihre Heiligtümer ähnliche
Bauten aus
Holz errichtet hätten. Das wird heute nicht mehr so gesehen.
Vielmehr
wird bezweifelt, dass es besondere religiöse Bauten, die klar von
Profanbauten geschieden waren, gegeben habe. Insbesondere der
dänische
Historiker Olaf Olsen betonte, dass der vorchristliche Kult nicht
notwendigerweise in besonderen Kultbauten sondern vielmehr in
Profanbauten, besonders in der Festhalle des Häuptlings oder im
Freien
stattgefunden habe. Er wandte sich auch gegen die Vorstellung, dass es
in der vorchristlichen Zeit eine organisierte Religionsausübung
gegeben
habe.[102] Diese Arbeit führte zu einer nuancierteren Betrachtung
des Kontinuitätsproblems.[103]
Die Tradition, dass die heidnische
Religion
eine Kultreligion
gewesen war, wurde im Christentum noch lange fortgesetzt. Das kam auch
in der Sprache zum Ausdruck. Die heidnische Religion hieß "der
alte
Brauch" (forn siðr), das Christentum hieß "der neue Brauch".
Ein Wort für den heutigen Begriff der Religion gab es nicht.
Der späte Synkretismus
Der während der Missionszeit
entstehende
Synkretismus
ist noch wenig erforscht. Man findet in der Überlieferung
altnordischer
Zauberbücher die unterschiedslose Anrufung heidnischer Götter
und
christliche Gebetsformeln. Die Göttin Frija/Frigg, Mutter Balders
und zauberkundige Göttin, wird auf einem Brakteat aus dem Hort von
Gudme mit einem Zauberstab in der einen und einem Kreuz in der anderen
Hand dargestellt.[104] Und im Zusammenhang mit dem Primsigning
wird ausdrücklich hervorgehoben, dass die heidnischen Händler
zwar das
Kreuzzeichen empfingen, aber das glaubten, was ihnen am besten gefiel.
Die allmähliche Ausbreitung von den Bischofsstädten aus in
die
ländlichen Gebiete führte zu ausgeprägten
Mischkulten,[105]
die allenfalls sich in den Verboten der ältesten verschriftlichten
Gesetzen Gulathingslov und Frostathingslov widerspiegeln. Weitere
Zeichen des Synkretismus sind die Bildschnitzereien in den
altnorwegischen Stabkirchen, die viele aus der Edaa und anderen Mythen
bekannte heidnische Motive aufweisen.
Manche christliche angeordnete Riten
lassen
noch die vorherigen
heidnischen Vorstellungen erkennen: Die Beerdigungsriten des Priesters
zum Beispiel werden nicht nur als Segen für den Verstorbenen,
sondern
auch als Schutz der Lebenden vor den im Heidentum gefürchteten
Wiedergängern
gesehen. Die Gebete und das Besprengen des Sarges mit Weihwasser haben
magische Funktionen. Das (lateinische) Leichenlied
(líksöngr) gilt als
Zauberlied. Wenn die Leiche in Abwesenheit des Priesters beerdigt wird,
so hat dieser alsbald den Zauber nachzuholen:
„en þa er prestr
kemr
heim. þa scal staura niðr i kistu. oc steypa helgu vatne i.
En hann scal syngia ivir liksong.“
„Wenn
der Priester heimkommt,
da soll er in den Sarg hineinbohren und geweihtes Wasser
hineinschütten
und den líksöngr darüber singen.“
–
Gulathingslov § 23
Literatur
- Morten Axboe: Die Goldbrakteaten der
Völkerwanderungszeit – Herstellungsprobleme und Chronologie. In
Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen
Altertumskunde (Band
38.). de Grueyter, Berlin 2004.
- Walter Baetke (Hrsg.): Die
Geschichten von
den Orkaden, Dänemark und der Jomsburg. Düsseldorf 1966.
- Inge Beck: Studien zur
Erscheinungsform des
heidnischen Opfers nach altnordischen Quellen. München 1967.
- Liv Helga Dommasnes: Arkeologi og
religion.
In: Nordisk Hedendom. Et symposium. Odense 1991.
- Klaus Düwel: Germanische Opfer
und
Opferriten
im Spielgel altgermanischer Kultworte. In: Horst Jankuhn:
Vorgeschichtliche Heiligtümer und Opferplätze in Mittel- und
Nordeuropa. V&R Verlag, Göttingen.*Klaus Düwel: Das
Opferfest von Lade. Quellenkritische Untersuchungen zur germanischen
Religionsgeschichte. Wien 1985.
- Detlev Ellmers: Die
archäologischen
Quellen
zur Germanischen Religionsgeschichte. In: Heinrich Beck, Detlev
Ellmers, Kurt Schier (Hrsg.): Germanische Religionsgeschichte. Quellen
und Quellenprobleme (Ergänzungsbände zum Reallexikon der
Germanischen
Altertumskunde Bd. 5). de Greuyter, Berlin 1992.
- Charlotte Fabech: Offerfundene fra
Sösdala,
Fulltofta og Vennebo. Eksempler på rytternomadiske riter og
ceremonier
udført i sydskandinaviske jernaldersamfund.(Die Opferfunde von
Sösdala,
Fultofta und Vennebo. Beispiele für reiternomadische Riten und
Zeremonien in der südskandinavischen Eisenzeitgesellschaft). In:
Nordisk Hedendom. Et Symposium.. Odense 1991.* Rudolf Meißner:
Norwegisches
Recht. Das Rechtsbuch des Gulathings. In: Germanenrechte Bd. 6.
(Übersetzunge der Orginalausgabe vonKayser, Munch. Christiana
1846). Weimar 1935.
- Hans Egil Hauge: Levande begravd
eller
bränd i nordisk folkmedicin. En studie i offer och magi. Stockholm
1965.
- Karl Hauck (Autor u. Hrsg.):
Frühmittelalterliche
Bildüberlieferung und der organisierte Kult." In: Der historische
Horizont der Götterbild-Amulette aus der Übergangsepoche von
der
Spätantike zum Frühmittelalter. V&R, Göttingen 1992.
- Henri Hubert, Marcel Mauss: Essais
sur la
nature et la fonction du sacrifice. – Sacrifice: Its Nature and
Function. Paris,London 1898–1899, 1964.
- Anders Hultgård:
Övergangstidens
eskatologiska föreställningar (Die eschatologischen
Vorstellungen der Übergangszeit). In: Nordisk Hedendom. Odense
1991.
- Edith Marold: Die Skaldendichtung als
Quelle
der Religionsgeschichte. In: Heinrich Beck, Detlev Ellmers, Kurt Schier
(Hrsg.): Germanische Religionsgeschichte. Quellen und Quellenprobleme.
(Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen
Altertumskunde Bd. 5). de Grueyter, Berlin 1992.
- Eugen Mogk: Die Menschenopfer bei den
Germanen. In: Abhandlungen der Königlich Sächsischen
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- Britt-Mari Näsström:
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- Britt-Mari Näsström: Blot.
Tro
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- Margret Clunies Ross: Prolonged
Echoes: Old
Norse Myth in a Medieval Society (2. Bände). Odense 1994 – 1998.
- Gro Steinsland: Kvinner og kult i
vikingetid. In: Kvinnearbeid in Norden fra vikingtiden til
reformasjonen. Bergen 1985.
- Gro Steinsland / Preben Meulengracht
Sørensen: Menneske ok Makter i vikingens verden. (Menschen und
Mächte in der Welt der Wikinger).. Universitetsforlaget,
1994
- Folke Ström: Nordisk hedendom
(Nordisches Heidentum). Göteborg 1961.
- Folke Ström: Tro og blot. In:
Arv.
1951.
- Snorri Sturlusson, Felix Niedner
(Hrsg.
Übs.): Snorris Königsbuch (Heimskringla), Bd. 2. WBG,
Darmstadt 1965.
- Fredrik Svanberg: Vikingatiden i
Skåne. Lund 2000.
- Jan de Vries: Altgermanische
Religionsgeschichte (2 Bände). de Grueyter, Berlin 1970³.
Fußnoten
- ↑ Ström S. 12.
- ↑ Ström S. 14.
- ↑ Ström S. 14.
- ↑ Ström S. 17.
- ↑ Ström S. 17 f.
- ↑ Ström S. 18.
- ↑ Ström S. 19.
- ↑
Vafþrúðnismál Str. 12.
- ↑ Übersetzung
von
Heusler.
- ↑
Hällristningar och
kultbruk Stockholm 1927.
- ↑ Sröm S. 24.
- ↑ Dommasnes S. 57.
- ↑ Dommasnes S. 57
mit
weiterer Literatur.
- ↑ Ström S. 28.
- ↑ Svanberg S. 49.
- ↑ Ström S. 29.
- ↑ Ström S.
33/34.
- ↑ P. V. Glob:
Jernaldersmanden fra Grauballe. Kuml 1956.
- ↑ Ström S. 38.
- ↑ Marold S.689.
- ↑
Näsström
(2002b) S. 12.
- ↑
Näsström
(2002b)S. 14.
- ↑ Ellmers S. 106 f.
- ↑ Ellmers S. 98.
- ↑ Ellmers S. 104.
- ↑ Ström S. 45.
- ↑
Víga–Glúms saga Kap. 9.
- ↑ Ström S. 51.
- ↑
So antwortet Arnljot Gellini auf eine entsprechende Frage König
Olavs
des Heiligen „nur so viel von seinem Glauben, dass er auf seine eigene
Macht und Kraft baue. ‚Und dieser Glaube hat mir bisher gute Dienste
geleistet. Aber jetzt bin ich noch geneigter, an dich zu glauben,
König‘.“ Heimskringla. Ólafs saga helga. Kap. 215.
- ↑ Ström S. 48.
- ↑ Ström S. 48.
- ↑ Ström S. 49.
- ↑ Ynglinga saga
Kap. 15.
- ↑ Ström S. 50.
- ↑
Näsström
(2002b) S. 41 f.
- ↑ Jan de Vries,
Altnordisches Etymologisches Wörterbuch S. 648, 657.
- ↑ John
Kousgård
Sørenden: Personfornavnene og det før-kristne
præsteskab. (Personenvornamen und die vorchristliche
Priesterschaft.). In: Nordisk Hedendom. Et Symposium. Odense 1991. S.
207-208.
- ↑ Ström S. 44.
- ↑
Näsström
(2002b) S. 96.
- ↑ Steinsland (1985)
S. 34.
- ↑ Zum Bsp. Steinvor
in
der Vápnfirðinga saga Kap 5; Turid hofgyðja und Sigrid
hofgyðja in der Vatnsdœla saga.
- ↑ Steinsland (1985)
S. 34
f. mit weiteren Nachweisen.
- ↑ Steinsland (1985)
S. 37
f.
- ↑ Steinsland (1985)
S. 40.
- ↑ Ellmers S. 100.
- ↑ Svanberg S. 48.
- ↑ Kulthaus von
Uppåkra
- ↑ Olaf Olsen:
Hørg, hov og kirke. Kopenhagen 1966. Steinsland (1985) S. 34.
- ↑
Näsström
(2002b) S. 30.
- ↑ Übersetzung
Felix
Niedner.
- ↑
Hávamál
Str. 109.
- ↑ Übersetzung
Simrock.
- ↑
Näsström
(2002b) S. 32.
- ↑ Heimskringla. Die
Geschichte von Hakon dem Guten Kap. 17.
- ↑ Axboe S. 270 ff.
- ↑ Übersetzung
Klaus
Böldl.
- ↑ Essais sur la
nature et
la fonction du sacrifice (1898–1899)
- ↑
Näsström
(2002b) S. 49.
- ↑
Näsström
(2002b) S. 52.
- ↑
Näsström
(2002b) S. 56.
- ↑
Näsström
(2002b) S. 56 mit weiteren Beispielen.
- ↑ Hauge S. 145.
- ↑ Svanberg S. 48.
- ↑ Thietmar von
Merseburg:
Chronik, I 17. In: MGH Scriptores rerum Germanicarum, Nova series 9:
Die Chronik des Bischofs Thietmar von Merseburg und ihre Korveier
Überarbeitung (Thietmari Merseburgensis episcopi Chronicon).
Herausgegeben von Robert Holtzmann. Berlin 1935, S. 23–24 (Digitalisat).
- ↑ de Vries I, S.
411 f.
- ↑ Nesström S.
59.
- ↑ "… blotaþu
Þair synnum oc dydrum sinum Oc fileþi. miþ matj oc
mundgati."
- ↑ Ström S. 57.
- ↑
Eine der Strophen, von der Magd über den ihr gereichten Penis
gesprochen, lautet: „Sicherlich könnte ich mich nicht davon
zurückhalten, / ihn in mich zu stecken, wenn wir alleine in
Wollust da
lägen. / Nehme Maurnir dieses Opfer an. / Aber du, Grim, unser
Gast,
ergreif du Völsi.“ "Völsi" ist der beim Ritus herumgereichte
Pferdepenis. "Maurnir" wird als Kollektiv weiblicher
Fruchtbarkeitsgöttinen gedeutet, deren Kult im Gegensatz zum
Odisnskult
gestanden habe, was sich auch im Unwillen einiger Teilnehmer, den Ritus
zu vollziehen, widerspiegele. Ström S. 59.
- ↑
Wenn auch die Rahmenhandlung der Mission Olavs des Heiligen
unhistorisch ist, so wird die Beschreibung des Ablaufs doch für
alt und
authentisch gehalten. Denn sie widersprach der Einstellung der
christlichen Verfasser zu den Erfordernissen rituellen Tuns. Diese
hätten eine Überlieferungslücke sicher mit einer ihnen
geläufigen
Feierlichkeit und Würde ergänzt und sich darauf
beschränkt, den Inhalt
als verwerflich darzustellen. Ström S. 58.
- ↑
Er nahm eine Haselstange in die Hand und ging damit auf eine
Felsenspitze, die weit ins Land hineinschaute. Er nahm einen
Pferdekopf, steckte ihn oben auf die Stange. Dann tat er den
Fehdespruch und sagte: „Hier stelle ich die Neidstange auf und wende
diese Beschimpfung gegen König Erik
und die Königin Gunnhild.“ Er richtete dann den Rosskopf gegen das
Innere des Landes und fuhr fort: „Auch wende ich diese Beschimpfung
gegen die Schutzgeister des Landes, die in diesem Lande wohnen, dass
sie alle umherirren sollen und nirgends eine Ruhestätte finden,
ehe sie
nicht König Erik und Gunnhild aus dem Lande vertrieben haben.“
(Egils
saga Kap. 57.)
- ↑ Borgarthingslov
I, 16
- ↑ Walter Baetke:
Wörterbuch zur Altnordischen Prosaliteratur. Berlin 1987. S. 279 f.
- ↑ Ström S. 142.
- ↑ Ström S. 144.
- ↑ Svanberg S. 48.
- ↑ Ellmers S 102.
- ↑
Bischofsgeschichte der
Hamburgischen Kirche IV, 26 ff.
- ↑ Heimskringla. Die
Geschichte von Hakon dem Guten. Kap. 14–16.
- ↑ Das folgende ist
aus
Steinsland/Sørensen S. 71 ff. entnommen.
- ↑ Auf dem
Skadeberg-Stein
(Stavanger-Museum) der Wikingerzeit aus Sola in Rogaland steht: Die
Teilnehmer der Trinkgemeinschaft (Ølhúsmenn) errichteten
diesen Stein nach Skarðe, als sie sein arveøl tranken.
- ↑ Übersetzung
von
Felix Niedner
- ↑ Übersetzung
von
Felix Niedner. “Wisents Hauptschmuck” = Horn. “Dirnen” = die
ausschenkenden Mädchen.
- ↑ Hauck S. 450
- ↑ Ellmers S. 98.
- ↑
Sigurðarkviða
in skamma Str. 69, 70.
- ↑ Übersetzung
von
Simrock.
- ↑ Detlev Ellmers:
"Fränkisches Königszeremoniell auch in Walhall." In:
Beiträge zur Schleswiger Stadtgeschichte 25, 1980. S. 115–126.
- ↑ Ellmers S. 99.
- ↑ Fabech S. 106.
- ↑ Ström S. 157.
- ↑
Steinsland/Sørensen S. 91.
- ↑ Ström S. 159
f.
- ↑ Ström S. 160.
- ↑
Steinsland/Sørensen S. 92.
- ↑
Steinsland/Sørensen S. 92.
- ↑
Steinsland/Sørensen S. 87.
- ↑ Ström S. 149.
- ↑ Übersetzung
Felix
Niedner
- ↑ Gerhard
Schøning: Reise gjennem Norge 1773, 1774 und 1775. Trondheim
1910. Bd. II.
- ↑ Magnus Olsen:
Ættegård og helligdom: norske stedsnavn i socialt og
religionshistorisk belyst. Oslo 1926.
- ↑ Olaf Olsen:
Hørg, hov og kirke: historiske og arkeologiske
vikingetidsstudier. Kopenhagen 1966.
- ↑ Røskaft
S. 228.
- ↑ Hauck S. 464.
- ↑ Hultgård
S. 164.
|
|
Angelsächsische
Religion
|
Unter
angelsächsischer Religion ist
die vorchristliche Religion des germanischen Sammelvolks der
Angelsachsen in England
zu verstehen. Religionswissenschaftlich klassifiziert stellt sich die
angelsächsische Religion als ein Teil der kontinentalen
Südgermanischen
Religion dar, und ist darüber hinaus insgesamt ein Teil der
Germanischen Religion.[1]
|
Inhaltsverzeichnis
- 1
Quellenlage zur angelsächsischen Religion
- 2 Die
Gottheiten
- 3
Geister
und Wesen der Mythologie
- 4 Kult
- 4.1
Tempel und Priester
- 4.1.1
Tempel, Kultorte
- 4.1.2
Priester, andere sakrale Personengruppen
- 4.2
Opfer und kultische Feste und Festzeiten
- 4.2.1
Gebet und Idolatrie
- 4.3
Seelen, Ahnen und Totenkult
- 5
Christianisierung
- 6
Siehe auch
- 7
Literatur
|
Quellenlage zur
angelsächsischen
Religion
Wie für die gesamte
germanische
Religion
gilt auch für die angelsächsischen Verhältnisse zum
Einen, dass die
Religion dezentral und regional angesiedelt war, mit den sich daraus
ergebenden lokalen Verschiebungen und Schichtungen. Und zum Anderen
gilt ein nur geringes Vorhandensein von zuverlässigen
Quellentexten,
unter anderen in Glossen, Zaubersprüche und Stammbäume. Bei
späteren
Berichten (klerikales Schrifttum, Historien - insbesondere
Kirchenhistorien, besonders Beda Venerabilis in Historia ecclesiastica
gentis Anglorum) ist zu unterscheiden zwischen den Einflüssen aus
nordischen Mythologien und nordgermanischer Religion der heidnischen
Dänen (Danelag) zur Wikingerzeit,
die in Englands Nordosten siedelten, und alter authentischer,
einheimischer Überlieferung. Hier sind besonders die Ortsnamen mit
Gottesbezug (theophor) zu nennen, die zu dieser Zeit regional auch mit
den nordischen Namensformen der Hauptgottheiten belegt wurden. Einen
wichtigen Beitrag zur Ermittlung Religion der Angelsachsen hinsichtlich
Ritus und Kult
hat die archäologische Forschung und deren Untersuchungen von
Fundorten
in ehemaligen Opfermooren außerhalb der angelsächsischen
Gebiete in
Deutschland und Skandinavien ergeben, wodurch es erlaubt ist,
vergleichende Rückschlüsse zu ziehen. Grabungsbefunde von
Bestattungsweisen in England lassen anhand von Grabbeigaben und
allgemeine Gestaltung auf die geistig-religiöse Haltung der
Angelsachsen schließen.
Die Gottheiten
Die Angelsachsen kannten folgende
Gottheiten und mythische Helden: Ærta,
Éarendel, Éastre, Erce, Folde, Géat, Hengist /
Horsa, Hréðe, Ing,
Mæðhilde, Seaxnéat,
Tíg, Þunor, Wéland, Wóden, Wyrd. (Nicht
bezeugt, aber häufig erwähnt, sind *Fríg,
*Fréa, *Grím.)
- Wóden: Hauptgott, dem
für
Sieg und Manneskraft geopfert wurde. In den Stammbäumen ist er der
Stammvater der Königshäuser von Kent, Wessex, Essex, East
Anglia, Mercia, Bernicia und Deira. Eine Stelle in Salamon and Saturn
sagt, dass Mercurius se gygand als erster Buchstaben festsetzte, ein
möglicher Hinweis, dass Wóden, wie der nordische Gott Odin,
die Runen erfunden hat, da in Glossen Wóden stets mit Mercurius
gleichgesetzt wurde. Im Neunkräutersegen
(Nine Herbs Charm) erscheint Wóden als Magier.
- Géat: Ahnherr der
Königsfamilien und in den Stammbäumen Vorfahre von
Wóden. Das Klagegedicht des Sängers Deor nennt seine
Liebschaft zu Mæðhilde.
Und weil die Angelsachsen diesen Gott mit lauten Lobliedern besangen,
wurde er von König Alfred als "komödienhafte Gottheit"
bezeichnet.
- Þunor: Donnergott, mit
"feuriger Axt". Wurde mit Jupiter gleichgesetzt. Dass der Gott
über die Wolken fuhr, erhellt das Wort þunorrád
"Donnerschlag".
- Tíw / Tíg: Wurde
in
Glossen mit Mars gleichgesetzt.
- Seaxnéat :
Erschient im
Stammbaum der Könige von Essex als
Sohn von Wóden. Er entspricht dem Gott Saxnôte in der
Sächsischen
Abschwörungsformel. Ob er mit Tíw gleichgesetzt werden
darf, sei
dahingestellt.
- Ing : Held der
Ostdänen,
der nur im Runengedicht genannt wird. Auch Name der ᛝ-Rune (Ing(waz)-Rune).
„Ing wæs
ærest mid Eástdenum gesewen secgum, oð he
síððan eást ofer wæg gewát.
wæn æfter ran. þus Heardingas þone hæle
nemdon“
„Ing wurde unter
den
Ost-Dänen gesehen zuerst, bis er
nach Osten zog über das Meer. Sein Wagen zog ihm nach. So nannten
die
Herdinger ihren Helden.“
- Éastre: Nur bei Beda
genannt.
Ihr ist ein Fest im April (éosturmónað) geweiht. Aus
dieser einen Erwähnung hatte J. Grimm eine deutsche Göttin
*Ôstara rekonstruiert, die dann heute in neopaganen
Kreisen zu höchsten Ehren gekommen ist.
- Walküren : In Glossen
wird
wælcyrge mit Bellona, Eurynis, Tisifone, Alecto übersetzt.
- Erce, Folde: Erdgöttin.
Der
angelsächsische Flursegen
(Charm for Unfruitful Land) ist ein Gemisch von altheidnischen und
christlichen Elementen. Der Bauer wendet sich nach Osten und betet:
eorðan ic bidde and upheofon! ("Die Erde bitte ich und den
Obhimmel!", Vs. 4). Die Erde wird dann mehrfach angerufen: Erce, Erce,
Erce eorðan módor ("Erce, Erce (der) Erden Mutter", Vs. 14)
und Folde fíra módor ("Folde, der Menschen Mutter", Vs.
30). Aber auch Maria und der Christengott werden darin angerufen.
- Éarendel: In den Glossen
mit
iubar (Morgenstern) übersetzt. Ein Lobgedicht auf Christus vergleicht diesen mit
Éarendel.
- Hréðe : Sie
erhielt
im März (hréðmónað) Opfer.
- Módra :
"Mütter".
Ihnen wurde in der Nacht vom kürzesten Tag (24. Dez.:
módraneht) geopfert.
Geister und Wesen der
Mythologie
|
Kult
Der Mönch Beda Venerabilis, selbst
angelsächsischer Herkunft, berrichtet von einem Brief den Papst
Gregor I. im Jahr 601 an dem anglischen Abt Mellitus für den
Bischof Augustinus von Canterbury sendete. Indirekt wird darin
über die religiös-kultischen Gebräuche der Angelsachsen
berichtet:
„...videlicet quia fana
idolorum destrui in eadem
gente minime debeant, sed ipsa quae in eis sunt idola destrunatur... Et
quia boves solent in sacrificio daemonum multos occidere, debet eis
etiam hac de re aliqua sollemnitas immutari: ut die dedicationis...
tabernacula sibi circa easdem ecclesias, quae ex fanis commutatae sunt,
de ramis arborum faciant, et religiosis conviviis sollemnitatem
celebrant“
„...nämlich, dass
man die
Heiligtümer der Götzen in
diesem Volk sehr wenig zerstören soll, sondern nur die
Götzenbilder
selber, die dort sind, zerstören. Und weil sie den Dämonen
viele Ochsen
zum Opfer zu schlachten pflegen, soll ihnen auch dafür irgendein
Fest
umgestaltet werden, so dass sie sich am Tage der Kirchenweihe... um die
Kirchen herum, die aus veränderten Heiligtümern entstanden
sind, Hütten
aus Baumzweigen machen und das Fest durch religiöse Schmäuse
feiern.“
– Beda, Historia
ecclesiastica
gentis Anglorum I, 30
Die Angelsachsen feierten an bestimmten
heiligen Orten im freien
oder in Kulthallen öffentliche rituelle Feste, begleitet durch
Opferkulten und Opfermahlen, dies in Perioden mit unterschiedlichen
Bestimmungen und Zwecken. Die bestimmten Orte der religiösen
Praxis
durch die Gemeinschaft der Volks- Stammes und örtlichen
Bevölkerung
zeichneten sich durch gemeingermanisch geteilte Gestaltung aus unter
Vergleich zu kontinentalen Verhältnisen der frühen
römischen
Kaiserzeit, und den späteren nordisch-isländischen
Verhältnisen. Die
Gottheiten waren nicht nur geistig vorgestellt, sondern wurden
bildnerisch dargestellt in der Regel herkömmlich als
Pfahlgötzen. Zu
diesen öffentlichen, und gemeinschaftlichen religiösen Riten
kommt der
private Kult in der agraisch lebenden Haus- und Hofgemeinschaft.
Tempel und Priester
Tempel, Kultorte
Wie bei den kontinentalen
südgermanischen
Stämmen und
Stammesverbänden lagen auch die angelsächsischen
Heiligtümer im Freien,
an markanten Orten wie Quellen, Steinen die als Kultorte neu
erschlossen wurden, oder von den nichtchristianisierten heidnischen
Briten übernommen wurden. Ursprünglich im Wald
beziehungsweise auf
Waldlichtungen angelegt, oder solche als baumbestandene Haine separiert
und kultiviert (Tac. Germ. Kap.39 Opferhain der Semnonen), wurde diese
später eingehegt und stehen eng mit dem indogermanisch ererbten
Baumkult in Verbindung.[2]
In der angelsächsischen
Sprache wird der „Tempel, Hain“ mit „ealh, alh“ bezeichnet, zum
Vergleich in der gotischen Sprache als alhs. Beide Begriffe bedeuten
ursprünglich „heiliger Hain“ und sind auf die indogermanische Wurzel *eleq – „heiliger
Baum, Holzgötze“ zurückzuführen, aber auch zu
Bedeutungen von „Kraft, Macht und Schutz“.
Ein anderer Begriff ist „bearu“ – „Wald“
der
mit „heiliger Hain“ übersetzt werden kann, da nach Beda „æt
Bearwe“, also dort vor Ort, Kirchen errichtet wurden (Hist. Ecc. IV, 3;
V, 2).
Ein Dritter angelsächsischer
Begriff
für „Tempel“ ist „hearg“[3]
und hat die Bedeutung von „Steinhaufe, Opferstätte“. Bei alten
Opferstätten sind Steinhaufen archäologisch festgestellt
worden,
vermutlich als Altar oder Sitz eines Idols, verehrten Pfahls, oder
Götterfigur.[4]
Auf die germanischen Kultstätten in
England deuten zahlreiche Ortsnamen hin die von ealh, hearg abzuleiten
sind. Bedas Bericht über die Bekehrung des anglischen Priesters
Coifi nennt den den Standort des Tempels Godmundingaham aus der
Zusammensetzung mit God. Viele Kirchen sind auf ehemaligen heidnisch
genuzten Orten errichtet worden, so unter anderen auch die Kathedrale
von Canterbury,
die auf dem Boden eines ehemaligen angelsächsischen Tempelbezirks
errichtet wurde. Zwar wurde von päpstlicher Seite aus geraten
heidnische „Tempel“ in christliche Kirchen umzuwandeln, es ist jedoch
bis heute kein Nachweis erbracht das tatsächlich ein germanischer
Tempelbau kirchlichen Zwecken zugeführt wurde, eher wird von deren
Zerstörung berichtet. Dem päpstlichen Brief an Augustin ist
letztlich
nicht zu entnehmen, dass die Angelsachsen „Tempel“ mit Wänden und
Dächern gemäß dem lateinischen Verständnis
nutzten.[5]
Der zum Christentum bekehrte Coifi
verbrannte
in Folge den Tempel in Godmundingaham
und andere Heiligtümer, was nicht nur für eine hölzerne
Einhegungung,
sondern auch für eine massive hölzerne Gesamtstruktur
spricht. Zum
anderen sind deshalb auch keine konstruktiven Spuren erhalten geblieben
beziehungsweise archäologisch nachweisbar.[6]
Die eigentliche, und spezifisch
angelsächsische Begriffsneubildung ist „friðgeard“
„heiliger eingefriedigter Ort“, der Frieden der am Kultort herrschte
hängt direkt mit dem germanischen Rechtsverständnis zusammen
wie der
Vergleich zu dem isländischen „Thingfrieden“ zeigt und auch zum
kultischen Selbstverständnis der unbedingten Gebundenheit. Eine
Verletzung dieses Friedens hatte drastische Sanktionen zur Folge. Die
angelsächsischen Begriffe für „Tempel“ werden somit alle
unter dem
Gesichtspunkt des gemeingermanischen Charakters von Kultstätten,
als
einen eingefriedeten Hain gesichert bestätigt.[7]
Priester, andere sakrale
Personengruppen
„Statimque, abiecta
superstitione uanitatis, rogauit
sibi regem arma dare et equum emissarium, quem ascendens ad idola
destruenda ueniret. Non enim licuerat pontificem sacrorum uel arma
ferre, uel praeter in equa equitare.“
„Sogleich warf er den
abergläubischen Wahn ab und bat
den König, ihm Waffen und einen Hengst zu geben, damit er ihn
besteigend hinreiten könne, die Götterbilder zu
zerstören. Es war
nämlich dem Opferpriester nicht erlaubt gewesen, Waffen zu tragen
noch anders als auf einer Stute zu reiten.“
– Beda Hist. ecc.
Anglorum II,
13
Die gottesdienstlichen Handlungen der
Germanen
werden bei Tacitus
(Germ. Kap.10) unterteilt in öffentliche Kulthandlungen eines
Staatspriesters „sacerdos civitates“, und die eines „pater familias“,
dem Familienoberhaupt als Hauspriester.[8]
Die priesterlichen Aufgaben, von Tacitus beschrieben, bilden ein
gemeingermanisches Muster mit lokalen Verschiebungen. Diese Aufgaben
beinhalten vor allem die Leitung der Opferhandlungen, von feierlichen
Riten und Umzügen an Festtagen, okulten Handlungen von
Viehbesprechungen und Exorzitien, die medizinische Betreuung,
richterliche Befugnisse, Eheschließungen, Eröffnung der
Thingversammlung. In Island hatte das Hof- und Familienhaupt diese
Funktion inne als „Gode“, Besitzer des privaten Tempels und
Götterbildes (Idolatrie).
Vermutlich hatten die angelsächsischen Eigennamen Gode, Goda und
die Bezeichnung „heargweard“ die Nebenbedeutung von der des
„Tempelbesitzers“. Andere Eigennamen sind vermutlich mit Priestertitel
in Verbindung zu setzen.[9]
Die Ansätze einer priesterlichen Organisation beziehungsweise
einer
gesonderten Priesterkaste sind wenn, dann auf
römisch-hellenistische
und keltische Einflüsse begründet. Neben den Angelsachsen
sind diese
Ansätze bei den Langobarden festzustellen die ebenfals solche
kulturelle Einflüsse aufnahmen.[10]
Die Frage einer weiblichen Priestschaft
bleibt
unbeantwortet, aus
dem Wortschatz des angelsächsischen und aus den
zeitgenössischen
Quellen ist dies nicht zu entnehmen. Die angelsächsischen Priester
durften keine Waffen tragen, sie gehörten nicht zu den Kriegern,
und
durften nur Stuten als Reitiere benutzen. Neben der zentralen Aufgabe
der Verrichtung von Opferhandlungen –als Opferpriester– war die
Position des Ratgebers, besonders für den Adel und den politischen
Entscheidungsträgern, eine weitere bedeutende Funktion. Ausgehend
vom
Begriff für Opfer/Opfern blōtan, und vergleichend der
späteren christlichen Wortbildung „wēofod-ƿegn“ „Altardiener“,
bedeutet der Begriff „ƿyle“ „Kultredner“ in den schriftlichen Quellen
aber „Rat der Fürsten“.[11]
Wie der gemeingermanische Adel, so hatte
auch
der angelsächsische
Adel, insbesondere der König, neben der offiziellen politischen
Macht
und Gewaltenausübung immer auch eine sakrale Bedeutung und
Funktion.
Die angelsächsischen Könige hatten einen nicht zu
unterschätzenden
hohen Grad an Einfluss auf den Staatskult. Tacitus berrichtete schon
über ein Königspriestertum, dessen sakrale Funktion auch in
den
wikingerzeitlichen nordischen Quellen zu finden ist. Nordische
Könige
gaben zu Lebzeiten Segen und wurden nach ihrem Tod vergöttert, und
angelsächsische Könige führten Ihre Sakralabstammung auf
Wōdengermanischen Staatswesen zurückzuführen.[12]
zurück. Das frühmittelalterliche Staatschristentum der
Angelsachsen und
der Franken ist auf den ehemaligen heidnischen Kult und dessen enge
Verbindung zum
Opfer und kultische Feste und
Festzeiten
„..ita ut in morem
antiquorum
Samaritanorum et Christo
seruire uideretur et diis, quibus antea seruiebat; atque in eodem fano
et altare haberet ad sacrificium Christi, et arulam ad uictimas
daemoniorum..“
„..es hatte den
Anschein, als
ob er (Redwald) nach dem
alten Brauche der Samariter zugleich Christus und den Göttern
diente,
denen er vorher anhing, denn im selben Heiligtum hatte er einen
Christus geweihten Altar und einen kleinen Altar für die Opfer an
die
Heidengötter..“
– Beda, Hist. ecc. gen.
Angl.
II, 15
Das germanische Opfer bestand vor allem
aus
Bitt- und
Dankopferhandlungen. Die Opfer wurden bei dem öffentlichen
Gemeinschaftsritus, wie bei den privaten Kulthandlungen aus dem Zweck
heraus durchgeführt, der in der Regel mit den Opfergaben
inhaltlich in
Verbindung stand. Die angelsächsischen Begriffe für das Opfer
beziehungsweise die konkrete Opferhandlung ist zu Einem, das oben
genannte blōt, blōtan, welches im altnordischen blót und im
althochdeutschen bluotzenlāc, welcher mit dem gemeingermanischen
Begriff *laikaz tanzen, hüpfen in semantischer Verbindung steht
(siehe auch bei Oslac). Blōtan hat die Bedeutung von stark machen.[13]
Erwiederung findet. Und zum anderen der Begriff
Gebet und Idolatrie
Seelen, Ahnen und Totenkult
Christianisierung
Wohl ab dem 6. Jahrhundert begann die
Christianisierung
der angelsächsischen Völker. Es waren zuerst die Adeligen,
die sich dem
neuen Glauben zuwandten. Beda berichtet, welche Gründe sie
bewegten: Im
Rat von König Edwin
vergleicht einer seiner Gefolgsleute das Leben, wie sie es bisher
kannten, mit dem Flug eines Spatzes, der aus einem eiskalten Sturm in
eine warme, erhellte Met-Halle fliegt – und wieder hinaus in den Sturm.
„Ipso quidem tempore,
quo
intus est, hiemis tempestate
non tangitur, sed tamen paruissimo spatio serenitatis ad momentum
excurso, mox de hieme in hiemem regrediens, tuis oculis elabitur. Ita
haec uita hominum ad modicum apparet; quid autem sequatur, quidue
praecesserit, prorsus ignoramus. Unde si haec noua doctrina certius
aliquid attulit, merito esse sequenda uidetur“
„Während der Zeit,
in der
er sich drinnen aufhält,
wird er vom Wintersturm nicht berührt, doch nach einem kurzen
Moment
der Heiterkeit verschwindet er bald aus deinen Augen, geht zurück
in
den Winter, aus dem er gekommen ist. So erscheint das Leben der
Menschen für kurze Zeit; was aber darauf folgt, oder was ihm
vorausging, darüber wissen wir nicht das Geringste. Wenn nun diese
neue
Lehre (Christentum) irgendwelches sichereres Wissen beiträgt,
verdient
sie es, befolgt zu werden.“
– Beda, Hist. ecc. gen.
Angl.
II,12-13
Bis zum 9. Jahrhundert hatte das
Christentum
den ursprünglichen
Glauben der Angelsachsen verdrängt; dieser lebte nur im
Volksglauben
weiter.
Literatur
- Arno Borst: Lebensformen im
Mittelalter.
Ullstein, Berlin 1999, ISBN 3-548-26513-8.
- Jan De Vries: Altgermanische
Religionsgeschichte (2 Bände). Walter De Gruyter, Berlin 19703.
- Karl Helm: Altgermanische
Religionsgeschichte (2 Bände). Carl Winter, Heidelberg 1913 – 1953.
- Rudolf Much, Herbert Jankuhn,
Wolfgang
Lange: Die Germania des Tacitus. Carl Winter, Heidelberg 1967.
- Ernst Alfred Philippson: Germanisches
Heidentum bei den Angelsachsen (Kölner anglistische Arbeiten
Bd.4).
Verlag Bernh. Tauchnitz, Leipzig 1929.
- Louis J. Rodrigues: Anglo-Saxon Verse
Charms, Maxims & Heroic Legends. Pinner, 1993, ISBN 1-898281-01-7.
- Rudolf Simek: Lexikon der
germanischen
Mythologie. Kröner Verlag, Stuttgart 1984 – 20063, ISBN 3-520-36802-1.
- Rudolf Simek: Religion und Mythologie
der
Germanen. WBG, Darmstadt 2003, ISBN
3-534-16910-7.
- Ake V. Ström, Haralds Biezais:
Germanische und Baltische Religion. W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart
1975, ISBN 3-17-001157-X..
Einzelnachweise
- ↑
Die wissenschaftliche Klassifizierung wird u. a. bei A.Ström,
Karl Helm
und in der Theologischen Real-Enzyklopädie unter dem Stichwort
Germanische Religion erläutert.
- ↑ Philipsson: S.183,
184.
die Begriffe der lateinisch sprechenden, oder schreibenden zeigen
diesen Umstand an, templum et castrum, und meistens als lucus, fanum,
nemus wiedergegeben. Zum Vergleich, Franz Rolf Schröder:
Ingunar-Freyer Tübingen 1941, S. 9–15. Betreffend des germanischen
Baumkultes.
- ↑ In
althochdeutscher
Sprache harug(c), haruch, altnordisch hórgr
- ↑ Ström,
Biezais: S.
110, 111. Walter Baetke: Das Heilige im Germanischen, Tübingen
1942, S. 90 – 92. Das altenglische wēoh und anglische wíg
gehört zum urgermanischen *wīhaz und könnte auch in England
„Heiligtum“ bedeutet haben.
- ↑ Philipsson: S. 185
incl.
Fußnoten. De Vries: Bd. 1 §§ 264, 265, 266.
- ↑ Simek:Religion und
Mythologie der Germanen, S. 89.
- ↑ Philipsson: S.190
- ↑ Much, Jankuhn,
Lange: S.
192; u.a. Priester am Stammesheiligtum.
- ↑ Ealhweard,
Ealhmund,
Oshelm, Oslac (Os vergl. altnordisch Ase), Godmund u.a.
- ↑ Helm: Bd. 2., Teil
2.,
§126 S. 189.
- ↑ Philipsson: S.
182.
Helm: Bd.2, Teil 2, §126 S.188,189.
- ↑ Rudolf Simek:
Lexikon
der germanischen Mythologie. S. 358 – 360 „Sakralkönigtum“.
Philipsson: S. 180 – 182.
- ↑ Unter anderem
bei;
Walter Baetke: Wörterbuch zur Altnordischen Prosaliteratur, Berlin
1976, S. 59. Philipsson: S. 192.
|
|
Kontinentalgermanische
Mythologie
Unter kontinentalgermanischer Mythologie
ist die vorchristliche Mythologie der germanischen Stämme auf dem
europäischen Festland, ohne Skandinavien, zu verstehen. Dabei sind
folgende Zeitperioden zu unterscheiden.
- vorrömische Eisenzeit (ca. 800
v. Chr. bis Christi Geburt). Aus dieser Periode sind nur
archäologische Funde bekannt (z. B. Opfermoor
von Niederdorla).
- Römische Kaiserzeit (ca. 50
v.Chr. - ca. 450 n.Chr.). Hauptquelle ist die Germania von Tacitus und mehrere Weihesteine.
- Frühmittelalter (ca. 450 -
Christianisierung). Verschiedene Quellen, wie Runeninschriften, Zaubersprüche, Glossen.
- Hochmittelalter und frühe
Neuzeit:
Verdecktes Weiterleben von einigen Numina im Volksglauben und in Sagen.
Diese wurden in der folgenden Periode gesammelt. Weitere Erkenntnisse
können mittels der Sprachgeographie
gewonnen werden.
- In der Neuzeit sind die
Glaubensvorstellungen der germanischen Mythologie weitgehend erloschen.
Allerdings beginnt mit Jacob Grimm ihre wissenschaftliche Erforschung.
Seither gibt es auch Gruppierungen, die versuchen, die alte Religion
wiederzubeleben (Neopaganismus, Asatru).
|
Inhaltsverzeichnis
- 1
Vorrömische Eisenzeit
- 2
Römische Kaiserzeit
- 3
Frühmittelalter
- 4 Weibliche
Volksglaubensgestalten im Mittelalter
- 5 Neuzeit
- 6 Siehe auch
- 7 Literatur
|
Vorrömische Eisenzeit
Aufgrund sprachwissenschaftlicher
Befunde kann geschlossen werden, dass damals die Namen der
Hauptgottheiten wie Wodan-Odin, Ziu-Tyr, Donar-Thorr und Frija-Frigg
in der Sprache gebräuchlich waren. Ob und in welcher Form sie
verehrt
wurden, entzieht sich unserer Kenntnis. Jedenfalls opferten die
Germanen damals, wie Begleitfunde zeigen, anthropomorphen Gottheiten in
Form von einfachen menschenähnlichen Holzidolen (sog.
Pfahlgötzen). Im Opfermoor von Oberdorla
(Thüringen), das spätestens im 6. Jh. v. Chr. eingerichtet
wurde, wurde
neben vielen kleinen Holzklotzidolen aus der keltischen Eisenzeit ein
großes weibliches Idol mit einem bronzenen Halsreif aufgefunden.
Dieses
wurde um 75 v. Chr. ersetzt durch zwei Astgabelidole, ein weibliches
und ein phallisches. Im benachbarten Opfermoor von Possendorf
(Thüringen; 1. Jh. v. u. Z.) wurde ein Pfahlidol mit Frauenkopf
und
angesteckten, erhobenen Armen gefunden, in Wittemmor (Niedersachsen; 2.
Jh. v. Chr.) dagegen ein eher abstrakteres brettartiges
Götterpaar.
Reichhaltiger sind die Funde in Dänemark.
Römische Kaiserzeit
Hintergrund: Die vermutete
Auflösung des "Keltischen Riegels"
durch die Römer und deren Versuch Germanien bis an die Elbe zu
unterwerfen, führte zu neuen Impulsen, auch in der Religion
(Runen,
Wochentage). Das Opfermoor von Oberdorla wurde um 30 v.Chr. offenbar
erstmals gewaltsam zerstört. Während der Römerzeit
lösten sich die laut
Tacitus bestehenden alten (kultischen) Stammesverbände der
Irminonen, Istwäonen und Ingwäonen auf und wurden abgelöst
durch Groß-Stämme wie Franken und Alamannen. Geiseln und
germanische Krieger in römischen Diensten brachten neue
religiöse Ideen mit (z. B. der Alamannenkönig Serapio, der nach dem ägyptischen Gott
Serapis benannt ist).
Römerzeitlicher Altar der Ubier aus
Bonn
Hauptquelle ist Tacitus, der in seiner Germania
ausführlich über einige germanische Kulte berichtet. Die
Hauptgottheiten benennt er nach antiker Gepflogenheit mit
römischen Namen, es sind dies Mercurius, Mars, Hercules und Isis.
Aber er kennt auch die kultische Umfahrt der Erdgöttin Nerthus bei
den Angeln und Varinern, beschreibt
den schauderhaften Kult des Regnator omnium deum ("Herrscher aller
Götter") bei den Semnonen und Sueben und berichtet, wie beim
friesischenBaduhenna 900 römische
Soldaten niedergemetzelt wurden. Hain der
Während der Römischen
Kaiserzeit wurden auch die germanischen
Wochentagnamen gebildet. Daraus kann die Existenz folgender
westgermanischer Gottheiten für die Römerzeit als gesichert
gelten: 1) Sol : *Sunna - 2)
Luna
- *Mâno 3) Mars : *Tîw oder *Þings
- 4) Mercurius : *Wôðan - 5) Jupiter : *Þonar
- 6) Venus : *Frîja - 7) Für Saturnus wurde keine
Entsprechung gefunden. Bemerkenswert ist, dass der germanische
Donnergott *Þonar sonst mit dem römischen Gott Hercules
gleichgesetzt wurde.
Hatte das Opfermoor von Oberdorla
während seinen ersten 500 Jahre
eine ruhige Zeit mit langsamen Veränderungen, so durchlebte es nun
eine
wildere Zeit mit mehreren Zerstörungen. Nach dem Sieg der
Hermunduren über die Chatten
im Jahre 58 n.Chr. erreichte das Heiligtum eine neue Blütezeit.
Rund 25
Opferstätten entstanden um den damaligen See. Der Hauptkult galt
einer
männlichen Triade (sowie einem Schwertidol) und es wurden
Menschen,
Rinder sowie andere Tiere geopfert. Mit dem Verschwinden der
Hermunduren um 180 n.Chr. wurde auch das Heiligtum aufgegeben. Die
neuen Bewohner der Umgebung errichteten nun ein großes
rechteckiges
umhegtes Heiligtum mit einem weiblichen Kantholzidol, das nach
gallorömischer Art gearbeitet war. Neben diesem Idol, dem Ochsen,
Eber,
Hirsche und Vögel geopfert wurden, wurde auch eine Priesterin
begraben.
Offenbar im Jahre 406 wurde die ganze Anlage im Zuge der
Völkerwanderung vernichtet. Danach bestanden für kurze Zeit
zwei
schifförmige Heiligtümer mit einem Pfahlidol mit dem Kopfe
eines
Hengstes und einer Göttin.
- Germanische Gottheiten in der antiken
Literatur: Mercurius - Mars - Hercules - Isis - Regnator omnium deum -
Tuisto - Mannus - Nerthus Terra Mater - Baduhenna
- Tamfana - Alcis.
Auf römischem Gebiet siedelnde
Germanen errichteten nach gallorömischer Sitte Weihesteine
ihren Gottheiten, vorab lokalen Muttergottheiten (Matronae, Matres).
Eine klare Abgrenzung zu gallischen Gottheiten ist hier nicht immer
möglich.
- Germanische Gottheiten auf
römerzeitlichen Weiheinschriften (Auswahl): Mercurius
Channinus - Mars Thingsus mit
den beiden Alaisiagae - Hercules
Magusanus und seine Begleiterin Haeva
- Hludana - Requalivahanus - Nehalennia - Alateivia - Vihansa - Hariasa. - Mütter: Afliae
- Vatviae - Saitchamiae
u. v. a. m.
Frühmittelalter
Hintergrund: Nach turbulenten
Umwälzungen der Völkerwanderungszeit gewannen die Franken
unter den Merowingern nach und nach die politische Macht über
Mitteleuropa, das zudem immer mehr unter den Einfluss des Christentums
geriet. So bildet denn diese Periode religionsgeschichtlich gesehen den
Übergang vom germanischen Heidentum zum Christentum, (mit
unterschiedlicher Entwicklung bei den verschiedenen Stämmen).
Längere
Zeit existierten beide Religionen nebeneinander und nicht selten kam es
- zum Leidwesen der Geistlichkeit - zu Vermischungen (Synkretismus).
Der Zusammenbruch des Römischen Reiches führte zu einer
vorübergehenden Verarmung der materiellen Kultur.
Reiter mit mythischem Wesen auf der
alamannischen Reiterscheibe von Pliezhausen
Ab der 2. Hälfte des 5.
Jahrhunderts bestand das Heiligtum am
Opfermoor von Oberdorla nur noch aus einem einfachen rechteckigen Zaun
im damaligen See. Innerhalb dieses Zaunes wurden dann verschiedene
Opfer versenkt. Nach der Christianisierung zerfielen alle
Baulichkeiten, doch wurde ununterbrochen - wohl heimlich - noch bis ins
11. Jahrhundert kleinere Opfergaben niedergelegt.
Die literarischen Zeugnisse sind etwas
bunter aber dennoch spärlich. Der Langobarde Paulus Diaconus
erzählt wie der Göttervater Wodan von seiner Frau Frea
überlistet wurde und er so den Langobarden
nicht nur ihren Namen sondern ihnen auch den Sieg verlieh. Ein
aufsehenderregender Fund bietet die Runeninschrift auf einer Fibel aus
Nordendorf, die die Götter Wodan und Wigi-Þonar nennt.
Gleichzeitig,
als diese Fibel ins Grab gelangte, wurde der irische Missionar Columban
bei Bregenz
Zeuge eines Bieropfers an Wodan. Nicht minder erschreckte ihn, dass in
der dortigen Aurelius-Kirche neben dem christlichen Gott auch
heidnische Götter verehrt wurden. Und ein Gesetz von Karl dem
Großen
über Unzucht meint, dass diese von einem Manne namens Fricco
herrührten, ein deutlicher Hinweis auf den phallischen
Fruchtbarkeitsgott, wie er z.B auch im Tempel zu Uppsala in Schweden
verehrt wurde.
Der Zweite Merseburger Zauberspruch
erzählt, wie Wodan und Phol in den Wald ritten und einen kleinen
Unfall
erlitten, worauf sich mehrere Göttinnen ans Werk machten, doch
erst die
Zauberkenntnisse von Wodan verhalfen dem gestrauchelten Pferd wieder
auf die Beine. Der alemannische Pariser Segen gegen Fallsucht beginnt
mit dem stabreimenden Anruf des Donnergottes: "Doner diutigo diete
wigo!" (Donar Vertrauter, Volks-Kämpfer!)
Aus den überlieferten
frühmittelalterlichen Quellen sind folgende mythische Gestalten
bekannt:
- Gottheiten: Wodan - Donar - Frija -
Volla - Phol - Sunna - Sinhtgunt - Gaus - Saxnote
- Hirmin - Fositæ - Fricco - Idisi.
- Mythische Helden: Wieland der Schmied
- Langobarden: Gungingi: Ibor und Agio sowie deren Mutter Gambara -
Sachsen: Hathagat, Iring.
- Mythischer Berg: Himilinberc.
- Literarisch genannte Kultplätze:
"Donareiche" (Robur Iovis) in Thüringen - Irminsul bei den Sachsen.
Die wichtigsten Zeugnisse dieser Zeit
sind:
- Texte: Langobarden: Paulus Diaconus;
Origo Gentis Langobardorum; Edictus Rothari - Alemannen: Vita
Columbani; Pariser Segen - Franken & Thüringer:Merseburger
Zaubersprüche - Sachsen: Abrenuntiatio Sax.; Widukind von Corvey;
Rudolf von Fulda - Friesen: Vita Willibrordi.
- Runeninschriften: Nordendorf -
Pforzen
- Balingen - Schretzheim
- Brakteaten:
Daxlanden - Welschingen - Aschersleben - Obermöllern
Obwohl die Goten zu den Ostgermanen
zählen, seien sie hier aufglistet. Gottheiten: Gapt
- Ansis - Dounabis (die Donau). Quellen:
Jordanes, Runeninschrift von Pietroassa;
röm. Schriftsteller.
Siehe auch die Südgermanische
Gottheiten in der frühmittelalterlichen Überlieferung.
Ausdrücke aus der Kosmologie und
Eschatologie: Erde und Himmel: ahd. ero 7 ufhimil, as. ertha endi
uphimil, got. airþa jah himins; Erde als Wohnort der Menschen:
ahd. mittigart, as. middilgart, got. midjungards; Unterirdische
Totenwelt: ahd. hellea, as. hellia, got. halja; Weltuntergang: ahd.
muspilli, as. mutspelli. Als literarische Zeugnisse liegen vor das
Wessobrunner Schöpfungsgedicht (Kosmogonie) und das in Stabreimen
abgefasste Muspilli (Eschatologie).
Nicht direkt zur Mythologie gehören
Heldensagen, die teilweise auf historischen Personen basieren (Etzilo,
Dietrîch von Berne, Hiltibrant, Nebulones, Gibicho, Gunthari,
Walthari Manufortis).
Weibliche Volksglaubensgestalten im
Mittelalter
Im Mittelalter und der frühen
Neuzeit waren im gesamten deutschen Sprachgebiet Sagen über
weibliche Numina weit verbreitet. In Süddeutschland war das
entsprechende Numen unter dem Namen Perchta bekannt, in
Mitteldeutschland unter dem Namen Frau Holle
und in Norddeutschland unter verschiedenen Namen wie Frau Herke/Harre,
Frau Frick(e), Frau Gode/Wode. Insbesondere Frauen brachten ihnen auch
noch in christlicher Zeit kleinere Speiseopfer dar. Die KircheAberglauben.
bekämpfte solche Handlungen energisch und bezeichnete sie als
Diese Numina traten nach den Sagen und
Erzählungen insbesondere in den Zwölften
auf und kontrollierten, ob das zu dieser Zeit bestehende Spinnverbot
eingehalten wurde. Zudem bestraften sie faule Spinnerinnen, indem sie
ihnen die Rocken
verwirrten. Verstöße gegen Festspeisegebote, aber auch
Unsauberkeit und
Ungehorsam bei Kindern bestrafen diese Gestalten, indem sie den
Schuldigen den Bauch aufschlitzen, das Gegessene herausnahmen und statt
dessen Kehricht oder ähnlich wertlose Substanzen einfüllten (Gastrotomie).
Sie waren auch für die
Fruchtbarkeit im Land zuständig, sorgten für
eine gute Getreideernte, spendeten Regen und liessen es schneien. Es
wird auch berichtet, dass Frau Holle Kuchen, Blumen oder Obst schenkt
und insbesondere Frauen und Mädchen hilft, ihnen "so manches gutes
Jahr" wünscht und sie gesund und fruchtbar macht.
Die Volksglaubensgestalten gelten nach
anderen Sagen auch als
Bringerin der Kinder, bzw. führen die Seelen der ungetauft
gestorbenen
Kinder mit sich.
Erika Timm, Professorin für
Germanistik an der Universität Trier,
hat zahlreiche Belege zu diesen Voksglaubensgestalten ausgewertet. So
sind Frau Holle und Frau Percht mit Sicherheit bis ins 13. Jahrhundert
zurück schriftlich belegt, möglicherweise sogar bis ins 11.
Jahrhundert. Des weiteren konnte sie mit der Methode der
Sprachgeographie feststellen, dass diese Gestalten mindestens bis zur
zweiten Lautverschiebung (7. Jahrhundert) zurückreichen
müssen.
Sie geht davon aus, dass der Name Holle
(in etwa: die Huldvolle) ursprünglich ein Beiname der germanischen
Göttin Frigg
war. Dieser hat sich nach der Christianisierung verselbständigt,
unter
anderem deshalb, weil es jetzt nicht mehr ratsam war, den Namen einer
"heidnischen"
Göttin zu nennen oder sie gar anzurufen. Denn das wäre als Götzendienst sanktioniert worden.
Nach dem gleichen Muster hatte sich die
im süddeutschen und alpenländischen Raum bekannte Perchta
(etwa: die Glänzende) aus einem anderen Beinamen von Frigg
entwickelt, mit der Besonderheit, dass bei dieser Figur auch noch
zusätzlich Glaubensvorstellungen aus dem keltischen Noricum eine
Rolle spielten.
In Norddeutschland stellt sich die
Situation etwas komplizierter dar. Das Stammesherzogtum Sachsen war in
vorchristlichen Zeiten ein Zentrum der Wodansverehrung.
Wodan hat in den Regionen des späteren Schleswig-Holsteins und des
nördlichen Niedersachen viele Funktionen anderer Götter an
sich
gerissen, so auch die Spinnstubenkontrolle in den Zwölften
(=Kontrolle
der Einhaltung des Spinnverbotes), die ansonsten das Refugium von
weiblichen Numina blieb. Deshalb sind sie dort unbekannt. Etwas weiter
südlich tritt dann Frau Wode/Gode auf. Hierbei handelt es sich
offenbar
auch um die Göttin Frigg, die ja die Frau von Wodan war. Sie hat
zwar
ihren Namen verloren, ist aber noch als weibliche Gestalt erkennbar.
Noch etwas weiter südlich wird die entsprechende
Volksglaubensgestalt
Frau Herke/Harre genannt. Dieser Name leitet sich nach Auffassung von
Erika Timm ab vom Herlequin, dem Anführer der Wilden Jagd,
also auch von Wodan. In drei weit voneinander entfernten kleineren
Gebieten war Frigg noch unter ihrem richtigen Namen bekannt.
Erzählungen über die oben
genannten Numina wurden insbesondere in den Spinnstuben
tradiert, denn das war nahezu der einzige Raum, in dem Frauen und
Mädchen ungestört miteinander kommunizieren konnten. In
Regionen, in
den solche Spinnstuben nicht üblich waren, weil es nur
Einzelhöfe gab
(so in Westfalen), verblasste der Glauben an diese Gestalten relativ
frühzeitig[1].
Neuzeit
Hintergrund: Nach der völligen
Christianisierung lebten alte
mythologische Ideen nur noch im Volks(aber)glauben weiter und es kann
kaum von einer einheimischen Mythologie gesprochen werden. Mit dem
bekanntwerden der nordischen Götterliedersammlung Edda wurde in
Deutschland das Interesse nach einer "Deutschen Mythologie" geweckt,
das Jacob Grimm
gründlich untersuchte. Sein dreibändiges Werk legte nicht nur
den
Grundstein der modernen (süd-)germanischen und
angelsächsischen
Religionsforschung sondern auch das Interesse und die Phantasie
deutscher Künstler und Romantiker
Die damals noch junge Forschung
postulierte neben den in den
vorhergegangenen Kapiteln genannten Gottheiten auch solche wie Ostara
oder Hertha. Diese haben ihren Ursprung teilweise in der Folklore
(Hulda,
Berchta, Fricka), falschen Lesungen und
Interpretationen alter Schriften (Hertha, Fosta)
oder Vermischung mit slawischen Sagengestalten (Siwa). Mit der Zeit
verschwanden diese Gestalten aus wissenschaftlichen Arbeiten.
Mit dem Aufkommen des Romantischen
Zeitalters und später des
Nationalismus wurde von Künstlern zum teil regelrecht neue
Mythologien
entwickelt. So haben die Werke des Musikers Richard Wagners zwar
germanische Gottheiten und Helden als Vorbild, aber die Wagnersche
Mythologie
hat mit der altgermanischen nicht mehr viel gemein. Aber auch Maler und
andere Künstler wurden von der deutschen Mythologie angregt.
Selbst der
Psychologe Carl Gustav Jung verfasste 1936 einen Aufsatz namens "Wotan"
und Jung arbeitete länger mit dem Indologen Jakob Wilhelm Hauer
zusammen, welcher die Deutsche
Glaubensbewegung gründete. Doch aufgrund der
politischen Situation in Deutschland zog sich C.G. Jung
schließlich von Hauer zurück.
Verwirrter sind die Entwicklungen
neopaganer
Strömungen, die oft unkritisch alles in ihr Gedankengut aufnehmen,
was
gerade gefällt. Wenn schon die Namen ihrer Gottheiten teilweise
obskur
tönen, so entstammen die Charaktere und Gebete, die diesen
Gottheiten
zugeschrieben werden, Romantikern, die der bunten und lebensfrohen
Mythologie der Griechen eine "deutsche Mythologie" entgegensetzen
wollten. Nicht selten wirken (neo-)nationalsozialistische
Ideen mit. Auffallend ist zudem, dass sehr häufig germanische und
keltische Gottheiten miteinander vermischt werden. Ein typisches und
gut untersuchtes Objekt stellt die Göttin Ostara dar.
- Gestalten der germanischen Mythologie
bei Richard Wagner im Ring des Nibelungen:
Wotan, Fricka, Freia, Froh, Donner, Erda, Loge.
- Historisch nicht bezeugte Gottheiten:
Allemann Hercules, Biel, Fosta, Hama, Hertha, Jecha, Krodo, Lollus, Ostara,
Reda, Ricen, Satar, Siwa, Stuffo, Teut, Thisa u. v. a. m.
Literatur
- Jacob Grimm: Deutsche Mythologie.
Marix Verlag, Wiesbaden 2007, ISBN
978-3-86539-143-8.
- Wolfgang Golther: Handbuch der
Germanischen Mythologie. Marix Verlag, 2004.
- Jan de Vries: Altgermanische
Religionsgeschichte (2. Bände). de Gruyter, Berlin 19703.
- Günther Behm-Blancke:
Heiligtümer der Germanen und ihrer Vorgänger in
Thüringen - die Kultstätte Oberdorla. 2002.
- Åke V. Ström, Haralds
Biezais: Germanische und Baltische Religion. Kohlhammer, Stuttgart
1975, ISBN 3-17-001157-X.
- Rudolf Simek: Lexikon der
germanischen Mythologie. Kröner, Stuttgart 1985 – 2006, ISBN 3-520-36802-1.
- Rudolf Simek: Religion und Mythologie
der Germanen. WBG, Darmstadt 2003, ISBN
3-534-16910-7.
- Erika Timm: Frau Holle, Frau Percht
und verwandte Gestalten. 160 Jahre nach Jacob Grimm aus germanistischer
Sicht betrachtet. Hirzel, Stuttgart 2003, ISBN
3-7776-1230-8.
Einzelnachweise
- ↑ vgl. Erika Timm: Frau
Holle, Frau Percht und verwandte Gestalten.
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Südgermanische
Gottheiten
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Liste der südgermanischen
Gottheiten und mythischen Helden: Balder, Donar, Fol, Folla, Fositae,
Fricco, Frîja, Gaus, Hathagât, Hirmin, Iring, Saxnôte,
Sinhtgunt, Sunna, Wieland, Wuotan, Wurth, Zîu. (Nicht bezeugt,
aber oft in der Literatur erwähnt, sind *Ôstara, *Frô.)
Zu den Südgermanen zählen in
der Ethnographie allgemein – von
Süd nach Nord – Langobarden, Alemannen, Bayern, Thüringer,
Franken, Sachsen und Friesen.
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Inhaltsverzeichnis
- 1 Germanische
Gottheiten in der frühmittelalterlichen Überlieferung
- 1.1 Balder
- 1.2 Donar
- 1.3 Fol
- 1.4 Folla
- 1.5 Fricco
- 1.6 Frîja
- 1.7 Saxnôt
- 1.8 Sinhtgunt
- 1.9 Sunna
- 1.10 Wieland
- 1.11 Wuotan
- 1.12 Zîo
- 2 Quellen
- 3 Literatur
- 4 Siehe auch
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Germanische
Gottheiten in der frühmittelalterlichen Überlieferung
Balder
Im zweiten Merseburger Zauberspruch
genannt, wo er eventuell als Glosse hineingeraten ist. Als Personenname
ist Paltar überliefert.
Diskussion: Wolfgang Beck kommt
nach einer Neubewertung der
Merseburger Zaubersprüche zum Schluss, dass Phol Wodan und Balder
verschiedene Gestalten sind [1].
Siehe auch unten bei Fol.
Donar
Donnergott. Sein Name erscheint auf der
Nordendorfer Runenspange als Wîgi-Þonar ( ᚹᛁᚷᛁᚦᛟᚾᚨᚱ
) ("Kampf-Donner" oder "Weihe-Donner"), in der altsächsischen
Abschwörungsformel als Thunaer und in einem Brief in
Versform an Karl den Grossen von Paulus Diaconus: Thonar [2]. Interessant ist der
alemannische Pariser Segen 1, ein ziemlich schwer deutbarer
Zauberspruch gegen Fallsucht. Der
Segen beginnt mit den Worten: Donerdutigo dietewigo.
Hier liegt eindeutig ein altheidnischer Anruf des Donnergottes vor:
"Donar Vertrauter, des Volkes Kämpfer (oder Weiher)!". Im
verwandten
St. Emmeraner Segen lautet der Vers: Doner dutiger diet mahtiger.
Als Personenname sind Albthonar, Donarpreht, Donarad
und as. Thunerulf überliefert. Bekannt ist die Donareiche (Quercus
robur iovis) bei Geismar, die von Bonifatius gefällt wurde.
Aus dem Holz wurde eine Kapelle für St. Petrus errichtet.
Diskussion: Die germanischen
Götter gingen teilweise in
christlichen Heiligen ein. Einige Versionen der altdeutschen
Pferdesegen zeigen, dass Wodan in St. Michael und Fol
in St. Stefan [3].
aufgegangen sind, während Donar im Heiligen Petrus
weiterlebt, der ja noch heute für das Wetter zuständig ist.
Aber lokal können auch andere Heilige eingetreten sein.
Fol
Nur im zweiten Merseburger Zauberspruch
überliefert als Phol. Dieser Gott begibt sich zusammen mit
Wôdan
in den Wald um den verletzten Fuss von Balders Fohlen wieder
einzurenken. Mehrere Göttinnen beschwören das Pferd.
Schließlich macht
sich Wôdan ans Werk, der "es wohl konnte".
Diskussion: Fol und Folla
entsprechen aller Wahrscheinlichkeit nach dem nordischen
Götterpaar Freyr und Freyja,
Gottheiten der Fruchtbarkeit. So bedeutet der Name Folla auch
"Überfluss". Eine Gleichsetzung von Fol mit dem nordischen
Balder ist durch den Zauberspruch nicht zwingend [4].
Folla
Nur im zweiten Merseburger Zauberspruch
überliefert als Uolla, Schwester der Friia. Diese
Göttin wird auch in der Edda genannt, als Fulla und ist
dort Dienerin der Göttin Frigg, der nordischen
Entsprechung von Frîja.
Fricco
In einem Capitulare des Jahres 802 von Karl dem Großen werden die Strafmasse
für Unzucht festgelegt, wobei diese Praktiken umschrieben werden
mit "wie sie Fricco als erster ausübte" [5]. Da nun Adam von Bremen in seinem
Beschrieb über den Tempel in Uppsala den dort verehrten
Fruchtbarkeitsgott Fricco nennt und dieser mit einem gewaltigen
Priapos dargestellt wird, dürfte Fricco der Name des
sächsischen Fruchtbarkeitsgottes gewesen sein.
Diskussion: Die Gründungsage
des Klosters Freckenhorst deutet darauf hin, dass dort einst ein
Heiligtum von Fricco (und vielleicht seiner Schwester ?)
gestanden hatte: Der Schweinehirt Freckyo trieb die Schweine
seines Herrn Evverwordus
("Eberward") in den Wald und sah ein mysteriöses Licht, wo
letztere
dann ein Kloster errichtet und es nach seinem Diener benannt. In
Skandinavien reitet der Gott Freyr auf einem Eber [6].
Frîja
In der Sage vom Ursprung der
Langobarden,
wird Frea, die Frau von Wodan von den Brüdern Ibor
und Agio auf Anraten ihrer Mutter Gambara um Sieg im
Kampf gegen die Wandalen angebetet. Frea
überlistet ihren Mann, so dass er den Langobarden den Sieg
verleiht. Im zweiten Merseburger Zauberspruch versucht FriiaVolla
das gestürzte Fohlen zu heilen. Die sogenannte zauberkundige
Göttin auf fünf Brakteaten
(Welschingen, Südwest-Deutschland,
Oberwerschen, Großfahner)
dürften nach Ausweis des Brakteatenhortes von Gudme auf Fünen
(Dänemark) die Göttermutter Frîja darstellen [7]. zusammen mit ihrer
Schwester
Nachleben: In Norddeutschland
lebt eine Sagengestalt Fru Freke weiter. Der Name ist nicht
etwa eine Form von aisl. Frigg, sondern Verkleinerungsform von Frîja,
so wie dort Wôdan als Wedke weiterlebt [8].
Saxnôt
Nur in der altsächsischen
Abschwörungsformel genannt. Seine Funktion
ist unbekannt und Meinungen der Forschung gehen auseinander. Bei den
AngelsachsenWóden den Namen Saxnéat. Der
Name bedeutet "Schwertgenosse". trägt ein Sohn von
Sinhtgunt
Im Merseburger Zauberspruch die
Schwester von Sunna.
Diskussion: Die Deutungen der
Göttin divergieren. Ob sie als
Schwester der Sonnengöttin zwangsläufig eine Mondgöttin
sein muss, ist
fraglich, zumal im Germanischen der Mond stets als männlich
gedacht wird, siehe Máni.
Sunna
Sonnengöttin. Nur im zweiten
Merseburger Zauberspruch zusammen mit ihrer Schwester Sinhtgunt
genannt.
Wieland
der Schmied. Mythischer Held. Im
lateinisch verfassten Heldengedicht Walthari Manufortis
heißt das Schwert des Protagonisten fabrica Vuielandia.
Diskussion: Eine Runeninschrift
aus Pforzen lautet: Aigil andi Aïlrûn, elahun
gasôkun. (Aigil und Ailrûn verurteilten die Elche.) Da
in der nordischen Heldensage Egill, der Bruder von Völundr
mit der Walküre Ölrún verheiratet ist, wird
ein Zusammenhang der Runeninschrift mit der Wielandsage angenommen.
Doch ist die Deutung umstritten [9].
Wuotan
Hauptgott. Er ist der bestbezeugte Gott,
dennoch bleibt sein Wesen
unklar und kann eigentlich nur durch Vergleich mit dem nordischen Odin
begriffen werden. In der langobardischen Sage wird Wodan / Gwodan
von den Wandalen um Sieg gebeten, verleiht ihn aber durch
Überlistung seiner Frau Frea den Langobarden. Diese Sage
ist in mehreren Fassungen überliefert, so in der Origo gentis
Langobardorum, bei Gottfried von Viterbo, dem Dänen Saxo
Grammaticus und beim langobardischen Gelehrten Paulus Diaconus.
Letzterer verfasste auch ein Gedicht über einen dänischen
König, worin er die Götter Waten und Thonar
nennt [10]. Die
Namensform entspricht am ehesten der alemannischen
Form Woatan, das als Personenname überliefert ist (neben Wôtan
und Wuotan).
Die Vita
Columbani berichtet von einem Bieropfer, das die Bewohner am
Bodensee bei Bregenz dem Wodan darbringen. Erwähnt ist der
Gott auch auf der RunenspangeNordendorf: ( ᚹᛟᛞᚨᚾ ) hier zusammen mit Wîgi-Þonar.
Ob der in der gleichen Inschrift genannte logathore
( ᛚᛟᚷᚨᚦᛟᚱᛖ ) einen Gott bezeichnet oder eher mit "Lügenbold" zu
übersetzen ist, bleibt umstritten. Ähnlich wird in einer
alemannischen
Glosse Wôtan mit "tyrannus, herus malus"
übersetzt. Im zweiten Merseburger Zauberspruch tritt er als
fähiger Magier auf, der ein verletztes Pferd heilt. Als die
Sachsen
bekehrt wurden, mussten sie den Göttern "Thunaer, Uuoden
und SaxnoteKärlich, die
die Inschrift "Wodani hailag" ( ᚹᛟᛞᚨᚾᛁ ᛡᚨᛁᚨᛚᚷ ) ("Dem
Wôdan heilig") trägt. Dagegen ist das Runensteinchen von
Arguel (s.v. Besançon) bestimmt eine Fälschung. Der Gott
ist offensichtlich auch auf den BrakteatenDaxlanden
und Aschersheim abgebildet. von und
allen Genossen, die bei ihnen sind" abschwören. Umstritten in der
Echtheit ist die Runenspange von von
Nachleben: Bekannt sind die Sagen
vom Wütenden Heer oder der Wilden Jagd. Erstmals belegt im
hochmittelalterlichen Nachtsegen aus München, wo von "Wutanes
her und alle sine man gesprochen wird.
Zîo
Der Name ist nur als Name der ᛠ-Rune
überliefert, eine Variation der
alten ᛏ-Rune. Enthalten ist er im Namen des Dienstags, ahd. ciestag
und heute noch alemannisch Ziischtig. Als Personenname kennen
wir ein Ziolf ("Zîo-Wolf").
Diskussion: Ob der
Völkername Cyuuari Suuapa auf den Gott zurückgeht,
bleibt fraglich, wahrscheinlicher ist eine Verstümmelung von *Raetiwari
d.i. "Bewohner von Rätien".
Quellen
- ↑ Wolfgang
Beck: Die Merseburger Zaubersprüche. Wiesbanden 2003
- ↑ Karl Neff: Die
Gedichte des Paulus Diaconus, München 1908
- ↑ Åke
v. Ström: Germanische Religion, Mainz 1975
- ↑ Wolfgang
Beck: Die Merseburger Zaubersprüche. Wiesbanden 2003
- ↑ Capitulare
Missorum Generale: §33; Cod. Paris. 4613 fol. 91
- ↑ Wilhlem
Kohl: Eine germanische Kultstätte als Vorgängerin eines
sächsischen Frauenklosters in: Irene Crusius: Beiträge
zu Geschichte und Struktur der mittelalterlichen Germania Sacra,
Göttingen 1989
- ↑ Karl Hauck:
Der Kollierfund vom fünischen Gudme … in: Die
Franken und die Alamannen bis zur Schlacht bei Zülpich
(Ergänzungsband zum RGA 19); Berlin 1998
- ↑ Erika Timm:
Frau Holle, Frau Percht und verwandte Gestalten;
Stuttgart: Hirzel 2003. ISBN 3-7776-1230-8
- ↑ Alfred
Bammesberger, Gaby Waxenberger: Pforzen und Bergakker;
Göttingen (1999)
- ↑ Karl Neff: Die
Gedichte des Paulus Diaconus, München 1908
Literatur
- Jacob Grimm: Deutsche
Mythologie. K.W.Schütz-Verlag, Coburg 2001, ISBN 3-87725-133-1.
- Wolfgang Golther: Handbuch
der Germanischen Mythologie. Marix, Wiesbaden 2004.
- Jan de Vries: Altgermanische
Religionsgeschichte (2. Bände). de Gruyter, Berlin 1970³.
- Åke V.
Ström, Haralds Biezais: Germanische und Baltische Religion.
Kohlhammer, Stuttgart 1975, ISBN 3-17-001157-X.
- M. Axboe; U.
Clavadetscher; K. Düwel; K. Hauck; L. v. Padberg: Die
Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit. Ikonographischer
Katalog, München 1985-1989.
- Rudolf Simek: Lexikon
der germanischen Mythologie. Kröner, Stuttgart 1985 – 2005.
- Rudolf Simek: Religion
und Mythologie der Germanen. WBG, Darmstadt 2003, ISBN 3-534-16910-7.
- Rudolf Simek: Götter
und Kulte der Germanen. Beck, München 2004, ISBN 3-406-50835-9.
- Wolfgang Beck: Die
Merseburger Zaubersprüche. Wiesbaden 2003, ISBN 3-89500-300-X.
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Die Goetter mit Euch! Falkin

Tradition meint nicht Asche verstreuen, sondern das Feuer weiterreichen
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