Germanische Gottheiten
Südgermanische Gottheiten
Nordgermanische Religion
Angelsächsische Religion
Kontinentalgermanische Mythologie




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Germanische Gottheiten

Eine Germanische Gottheit kann anhand der nordischen (an.), angelsächsischen (ae.) und althochdeutschen (ahd.) Überlieferung erschlossen werden und führt in eine Zeit, als noch keine Berichte über die Germanen geschrieben wurden. Dass diese bereits in der vorrömischen Eisenzeit an anthropomorphe Gottheiten glaubten, beweisen einfache menschenähnliche Astgabelidole aus den vorchristlichen Jahrhunderten, die in Dänemark und im nördlichen Deutschland gefunden wurden. Bemerkenswerterweise trugen diese germanischen Götter Namen, die eine klare einfache Bedeutung hatten, wie "Donner" oder "Überfluss". Zu welchem Zeitpunkt diese germanischen Götternamen aufkamen, kann nur spekuliert werden, es muss aber in einer Periode geschehen sein, als sich die verschiedenen Dialekte noch sehr nahe standen.

Über das Wesen der damaligen Götter kann nicht viel gesagt werden. So ist anhand der vergleichenden indogermanischen Religionswissenschaft zwar plausibel, dass Wodan-Odin immer einäugig gedacht wurde, aber wann diese Idee aufkam, die auch bei Balten (Velinas), Kelten (Lug, schließt beim Zaubern ein Auge) und ansatzweise bei den Römern (Horatius Cocles) bekannt ist, kann nicht eruiert werden.

Sehr spärlich sind die Zeugnisse von den Sachsen (as.) und Goten (got.).


  • 1 Germanische Gottheiten
  • 2 Germanische Kosmologie und Eschatologie
  • 3 Nordische Gottheiten
  • 4 Angelsächsische Gottheiten und mythische Helden
  • 5 Kontinentalgermanische Gottheiten und mythische Helden
  • 6 Gotische Gottheiten
  • 7 Literatur
  • 8 Siehe auch

Germanische Gottheiten 

*Wôðanaz "Herr der (heiligen) Inspiration": Hauptgott Odin bzw. Wodan (an. Óðinn; ae. Wóden; as. Woden; ahd. Wuotan). Zur ie. Wurzel *H2weH2- "inspirieren"; vgl. gall.-lat. vates "Seher", air. fáith "Dichter" und heth. ḫuwaši "Orakelvogel". Nach *Wôðanaz wurde der Mittwoch (engl. Wednesday, niederländisch Woensdag) benannt. Der Gott darf wohl bereits als einäugig gedacht werden.

*Þunraz "Donner": Donnergott Thor bzw. Donar (an. Þórr; ae. Þunor; as. Thunaer; ahd. Donar). Zu ie. (s)tenH2- "donnern"; vgl. lat. tonare. Nach *Þunraz ist der Donnerstag benannt. Dem Donnergott kann eine primitive Waffe zugeschrieben werden (Keule, Axt, Hammer) und alt ist der Mythos, dass er gegen ein Wassermonster ankämpfte. Zumindest bei den Nordgermanen hat dieser Mythos aber eine starke Änderung erfahren, indem der Kampf ins Endzeitalter verlegt wurde.

*Teiwaz "Gott": Rechts- & Kriegsgott Tyr bzw. Ziu (an. Týr; ae. Tiig; ahd. nur als Runenname überliefert: ᛠ ziu). Zu ie. *deiwós "Gott"; vgl. lat. deus. Nach *Teiwaz ist der Dienstag (alem. Zyschtig, engl. Tuesday) benannt. *Teiwaz dürfte vorerst Gott der Rechtsordnung gewesen sein und erst mit der Militarisierung der Thingversammlung zu einem Kriegsgott geworden sein. Dieser Prozess kann sehr alt, aber auch erst durch die aggressive Politik der Römer verursacht sein.

*Frîjô "Ehefrau": Muttergöttin Frigg bzw. Frija (an. Frigg; ahd. Friia). Zu ie. *priHéH2 "Geliebte, Ehefrau"; vgl. skrt. priyā "Geliebte, Ehefrau". Nach *Frîjô wurde der Freitag benannt. Gattin des Hauptgottes und Göttermutter. Nicht zu verwechseln mit der Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttin.

*Fullô "Überfluss": Fruchtbarkeitsgöttin (an. Fulla; ahd. Uolla, zudem der männliche Phol). Zu ie. plH1nós "voll"; vgl. lat. plenus. Bei den Germanen finden sich mehrere Götterpaare gleichen Namens (Phol & Uolla; Fjörgynn & Fjörgyn; Njördr & Nerthus) die sämtliche der Sphäre der Fruchtbarkeit angehören. Dieser Zug findet sich nur noch bei den Römern mit Liber und Libera.

*Gautaz: Stammvater diverser Königsfamilien (an. Gautr; ae. Géat; as. Hathagat "Vater der Väter"; ahd. Gausus, Vorfahre der Langobardenkönige Audoin und Alboin; got. Gapt, Urahne von Ermanarich und Theoderich).

*Ermunaz/*Erminaz "Großer, Universaler": (an. Jörmunr; as. Hirmin). Wohl eine Form von *Wôðanaz oder *Teiwaz.

*Wurðiz: Personifikation des Schicksals Urd (an. Úrðr; ae. Wyrd; as. wurd). Vielleicht noch keine menschlich gedachte Gottheit.

*ansewez: Götterfamilie der Asen (got. anseis; an. æsir; ae. ésa). Zu ie. H2ens-; vgl. ai. ásura "Halbgott, Dämon". Die andere Familie der Wanen findet sich nur in Skandinavien. Überholt gilt die These, dass die Asen = kriegerische Indoeuropäer und die Wanen = Altes friedliches Matriarchat darstellten.

Mit Bestimmtheit verehrten die Germanen eine Sonnengöttin (germ. *Sawelô; an. Sól; ahd. Sunna), einen Mondgott (germ. *Mênan; an. Máni) und die Erdmutter (germ. *Erþô; an. Jörð; ae. Erce eorþan módor).

Als halbgöttliche Wesen zu betrachten sind:

*Auzawandilaz: ein Sternenheld, wohl der Morgenstern (an. Aurvandill; ae. Éarendel). Zu ie. *H2eus- "leuchten"; vgl. agriech. Heosphoros und lett. Auseklis, beide Götter des Morgensternes. Im mittelalterlichen deutschen Heldenbuch gilt Orendel als erster der Helden, was ebenfalls ein Hinweis auf den Morgenstern (als erster Vorkämpfer des Tages) sein könnte.

*Wêlanduz: der elbenhafte Wieland der Schmied (an. Volundr; ae. Wéland; ahd. Uuielant).

Andere Wesen sind: Riesen (*þurisaz; aisl. þurs; ae. þyrs; ahd. duris), Zwerge (*dwergaz; aisl. dvergr, ae. dweorg, ahd. twerc), Elfen (*albaz; aisl. álfr, ae. ylfe, ahd. alb), Wassergeister (*nikwuz, ahd. nichus) und Pfahlgötzen.

Germanische Kosmologie und Eschatologie 

*Meðjanagarðaz "Mittelhof": Midgard, die Erde als Wohnort der Menschen (got. midjungards; an. Miðgarðr; ae. middangeard; as. middilgard; ahd. mittigart).

*erþo anþi uppahemenaz "Erde und Himmel" (got. airþa jah himins; an. jörð oc upphiminn; ae. eorðe 7 upheofon; as. ertha endi uphimil; ahd. ero 7 ufhimil). Dies ist eine feste stabende germanische Formel und steht im Gegensatz zum biblischen "Himmel und Erde" mit umgekehrter Reihenfolge.

*hemenabergaz "Himmelberg": Wohnsitz von Göttern (aisl. Himinbjörg; ahd. himilinberg). Den Germanen scheint der Glaube vorgelegen zu haben, dass auf gewissen Bergen Götter oder göttliche Wesen lebten.

*haljô "Hölle": unterirdische Totenwelt (got. halja; an. Hel; ae. hell; as. hellia; ahd. hellea). Die Hölle war für die Germanen mehr eine düstere, kühle Aufenthaltsstätte der Toten als ein Ort der Strafe. Daneben gibt es die Vorstellung, dass die Totenwelt eine grüne Wiese war (germ. *wangaz; got. waggs "Paradies", ae. neorxnawong).

*muþspell- ?: Weltuntergang (aisl. Muspell; as. mutspelli; ahd. muspilli). Die Etymologie des Wortes ist unbekannt.

Nordische Gottheiten 

Edda: Aurvandill, Balder, Bragi, Fjölnir, Jörd, Fjörgynn, Forseti, Freya, Freyr, Frigg, Fulla, Gautr, Gefjon, Gerda, Gna, Heimdall, Hel, Hermodr, Hödur, Hoenir, Idun, Jörd, Lofn, Loki, Magni und Modi, Mani, Mimir, Nanna, Njörd, Nott, Odin, Rán, Rindr, Sif, Sigyn, Skadi, Sol, Surt, Tyr, Thor, Uller, Urd, Wali, Vé, Vidar, Vili, Yngvi, Ägir, u.v.a.m.

Varitäten des Saxo Grammaticus (Dänemark): Balderus, Bous, Frigga, Frø, Gevarus, Høtherus, Horvendillus, Mimingus satyrus, Mithothyn, Nanna, Ollerus, Othinus, Rinda, Thoro, Utgarthilocus. Saxo beschreibt diese wie sterbliche Helden.

Angelsächsische Gottheiten und mythische Helden 

Ærta, Éarendel, Éastre, Erce, Folde, Géat, Hengist und Horsa, Hréðe, Ing, Mæðhilde, Seaxnéat, Tíg, Þunor, Wéland, Wóden, Wyrd. (Nicht bezeugt, aber häufig in der Literatur erwähnt, sind *Fríg, *Fréa, Grím.)

Kontinentalgermanische Gottheiten und mythische Helden 

Sachsen und Friesen: Fositae, Fricco, Hathagât, Hirmin, Iring, Saxnôte, Thunaer, Wôden, Wurth.

Franken, Thüringer, Alemannen, Langobarden ("Hochdeutsche Stämme"): Balder, Donar, Fol, Folla, Frîja, Gaus, Sinhtgunt, Sunna, Wieland, Wuotan, Zîu.

Gotische Gottheiten 

Anses, Gapt, Dounabis (die Donau).

Literatur 

  • Georges Dumézil: Gods of the Ancient Northmen. Berkely 1977.
  • Jacob Grimm: Deutsche Mythologie. K.W.Schütz-Verlag, Coburg 2001, ISBN 3-87725-133-1.
  • Wolfgang Golther: Handbuch der Germanischen Mythologie. Marix, Wiesbaden 2004.
  • Jan de Vries: Altgermanische Religionsgeschichte (2. Bände). de Gruyter, Berlin 19703.
  • Åke V. Ström, Haralds Biezais: Germanische und Baltische Religion. Kohlhammer, Stuttgart 1975, ISBN 3-17-001157-X.
  • M. Axboe; U. Clavadetscher; K. Düwel; K. Hauck; L. v. Padberg: Die Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit. Ikonographischer Katalog, München 1985-1989.
  • Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. Kröner, Stuttgart 1985 – 2005.
  • Rudolf Simek: Religion und Mythologie der Germanen. WBG, Darmstadt 2003, ISBN 3-534-16910-7.
  • Rudolf Simek: Götter und Kulte der Germanen. Beck, München 2004, ISBN 3-406-50835-9.
  • Wolfgang Beck: Die Merseburger Zaubersprüche. Wiesbaden 2003, ISBN 3-89500-300-X.
  • Wolfgang Meid: Aspekte der germanischen und keltischen Religion im Zeugnis der Sprache. Innsbruck 1991.

Nordgermanische Religion


Nordgermanische Religion ist ein Sammelbegriff für die Kulte und die mit ihnen verbundenen religiösen Vorstellungen, die in vorchristlicher Zeit im skandinavischen Raum Verbreitung gefunden hatten.

Man muss die Mythologie von der eigentlichen Religion, dem religiösen Kultus trennen, da die Mythologie als Dichtung nicht unbedingt den tatsächlichen Glauben widerspiegelt, allenfalls Versatzstücke reflektiert. Hinzu kommt, dass eine Barriere der Überlieferung im 9. und 10. Jahrhundert und die Grenze zwischen Christentum und Heidentum nur scheinbar überschritten werden kann. Denn die Überlieferung setzt erst in der christlichen Zeit ein. So kann man in den Dichtungen nicht zwischen der alten Überlieferung und den Zutaten des Verfassers unterscheiden, so finden sich z. B. die eddischen Nornen eher als Entsprechung zu den lat. Parzen. Die Edda-Geschichten sind literarisch gestaltete Episoden mit Göttern in der Hauptrolle. Sie sind, wie der niederländische Altgermanist und Religionswissenschaftler Jan de Vries sagt, "Spekulation und dichterische Phantasie". Sie sind nicht notwendigerweise repräsentativ für das kollektive Bewusstsein.

Ein weiteres gilt es zu beachten: Es werden Überlieferungen und Erkenntnise aus einem großen Raum, der vom nörlichsten Norwegen bis Zentraleuropa reicht, vorgestellt. Während einige religiöse Kulte tatsächlich über diese gesamte Region verbreitet gewesen zu sein scheinen, dürften andere nur lokal geübt worden sein. Eine Kulttopographie oder eine regionale Religionsgeschichte ist mit diesem Material nicht zu erstellen. Eine flächendeckende Verallgemeinerung von Überlieferungen, die bestimmte Kultorte betreffen, ist sehr kritisch zu betrachten.

Inhaltsverzeichnis


  • 1 Vorwikingische Zeit
    • 1.1 Jüngere Steinzeit
    • 1.2 Bronzezeit
    • 1.3 Eisenzeit
  • 2 Die Götterwelt der Germanen
  • 3 Religiöse Praxis
    • 3.1 Archäologische Quellen
    • 3.2 Textquellen
    • 3.3 Sakralkönigtum
    • 3.4 Der öffentliche Kult
      • 3.4.1 Personen
      • 3.4.2 Orte
      • 3.4.3 Opfer
    • 3.5 Der private Kult
    • 3.6 Seele und Person
    • 3.7 Schicksalsglaube
    • 3.8 Feste
    • 3.9 Magie
  • 4 Tod und Jenseits
  • 5 Christianisierung
  • 6 Der späte Synkretismus
  • 7 Siehe auch
  • 8 Weblinks
  • 9 Literatur
    • 9.1 Fußnoten

Vorwikingische Zeit 

Für die religiöse Praxis der Stein- und Bronzezeit in Skandinavien gibt es keine erzählenden Quellen. Vielmehr ist man auf die Deutung von Felszeichnungen und auf Grabbeigaben angewiesen wie beispielhaft am Grab von Kivik. Weitere Quellen sind die Darstellungen auf Goldbrakteaten und Goldblechprägungen sowie die archäologischen Funde bei Begräbnis– und Opferplätzen. Außerdem zieht man gewisse Schlüsse aus bekannten Vorstellungen von Völkern ähnlicher Entwicklungsstufe. Danach geht man davon aus, dass die damaligen Menschen die Erscheinungen um sie herum nicht als separate Einheiten betrachteten, sondern von einem inneren mystischen Zusammenhang von allem ausgingen. Ähnliches war miteinander verwandt.[1] Das galt auch zwischen Menschen und dem jagdbaren Wild. So musste die Jagd mit religiösen Zeremonien vorbereitet werden. Man deutet die Felszeichnungen mit jagdbarem Wild in diesem Zusammenhang. Dafür sprechen Linien in den Umrissen jagdbarer Tiere, die sich auch in entsprechenden Zeichnungen heute lebender Jägerkulturen finden.[2] Als weiteres Indiz wird die Lage der Zeichnungen angesehen: Sie sind häufig an steilen Felswänden und schwer zugänglichen Stellen angebracht. In Vingen bei Bremanger (Nordnorwegen) sind ungefähr 400 Hirsch- und Rentierzeichnungen an einer steil abfallenden Felswand angebracht. Alle Tiere richten ihren Kopf nach dem Wasser unterhalb der Felswand. Dies soll mit der Jagdmethode zusammenhängen, bei der man die Tiere über die Felswand trieb.[3] Die Grabfunde aus der älteren Steinzeit sind zu dürftig, um daraus religiöse Vorstellungen ableiten zu können. Allenfalls die Nähe der Begräbnisstellen zu den Siedlungen lassen auf ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Lebenden und Toten schließen.

Jüngere Steinzeit 

In der jüngeren Steinzeit weisen die allmählich auftretenden Grabhügel mit ihrer Ausstattung auf eine ausgeprägte Pietät gegenüber den Verstorbenen hin. Man nimmt an, dass mit dem Vordringen des Ackerbaus etwaige Götter der Jägerkulturen durch solche der Fruchtbarkeit abgelöst wurden.[4] Aus dieser Zeit stammen die ersten Moorfunde. Sie werden als Opfergaben angesehen. Die reichen Speisevorräte in den Grabhügeln lassen darauf schließen, dass man glaubte, die Toten würden in den Grabhügeln ein dem irdischen Leben vergleichbares Leben weiterführen.[5] Dies gilt allerdings nur für die Oberschicht. Was mit den übrigen Menschen nach dem Tode geschah, darüber gibt es keine Hinweise. Die Menschengruppe, die man der Streitaxtkultur zurechnet, begruben ihre Toten ohne besonderen Aufwand in hockender Stellung.[6] Über deren religiöse Vorstellungen gibt es keine Zeugnisse.

Bronzezeit 

Sonnenzeichen als Felsritzung

Sonnenzeichen als Felsritzung

Sonnenwagen von Trundholm

Fruchtbarkeitsritual.

Figur mit Strahlenhand und Blitzaxt.

In der Bronzezeit (ab 1500 v. Chr.) entstanden Grabhügel mit mächtigen Dimensionen, oft in der Nähe der Küste oder auf besonderen Anhöhen. Auch kam die Sitte der Brandbestattung auf. Welche religiösen Vorstellungen hinter dieser Veränderung liegen, ist nicht bekannt. Man vermutet, dass die vorherige sehr körperliche Auffassung von der Existenz nach dem Tod von einer mehr spirituellen Ansicht abgelöst wurde, nach welcher eine weiterlebende Seele vom Körper befreit werden musste.[7] Erdbestattung und Brandbestattung wurden oft nebeneinander oder in zeitlichem Wechsel geübt. Der Sonnenwagen von Trundholm und die vielen kreisförmigen Felszeichnungen lassen auf einen Sonnenkult schließen. Ein Nachhall davon ist noch in der Edda zu finden:

Skinfaxi heitir,
er inn skíra dregr
dag of dróttmögu;
hesta beztr
þykkir hann með Hreiðgotum;
ey lýsir mön af mari.[8]

Skinfaxi heißt er,
der den hellen Tag zieht
über die Volkssöhne fährt;
Kein Ross
gilt den Reidgoten mehr,
seine Mähne glänzt morgenhell.[9]

Die Vorstellung, dass die Sonne auf ihrer Bahn von goldglänzenden Pferden über den Himmel gezogen werde, ist eine im indogermanischen Raum allgemein vorkommende Vorstellung. Nach Oscar Almgren[10] handelt es sich bei den Felsritzungen der Bronzezeit in aller Regel um kultische Szenen: Prozessionen, Adoranten usw. Auch die Schiffe sind nach ihm keine profanen Schiffe, sondern religiöse Schiffsprozessionen. Das Umhertragen der Zeremonialaxt als Symbol des Blitzes bei entblößtem Phallus auf der nebenstehenden Abbildung solle Regen und Fruchtbarkeit herbeirufen. Wenn Ström[11] damit recht hat, dass Figuren mit überdimensionalen Händen und besonders großer Axt den Himmelsgott mit Strahlenhand und Blitz darstellen sollen, ergäbe sich daraus, dass bereits zu dieser Zeit eine antropomorphe Gottesvorstellung existierte.

Während der gesamten Bronzezeit war das Moor bevorzugte Opferstätte. Besonders die dänischen Funde weisen geopferte Pferde, Ochsen, Schafe und Schweine. Auch Menschenopfer sind nachgewiesen.

Eisenzeit 

Auffallend ist, dass in der Älteren Eisenzeit in den norwegischen und schwedischen Gräberfeldern die Frauengräber deutlich überwiegen, während in der Wikingerzeit die Männergräber in der Mehrzahl sind.[12] Viele reiche Frauengräber wurden in Sogn gefunden. Manche Forscherinnen nehmen an, dass es sich um Gräber von Frauen mit kultischen Funktionen im Zusammenhang mit Fruchtbarkeitskulten handelt.[13]

Zu den ältesten Funden gehört der Hjortspringfund, der auf die Zeit um 300 v. Chr. datiert wird. Die Waffen dieses Fundes wurden vorsätzlich zerstört und so niedergelegt. Die meisten Opferfunde zeigen bis ungefähr 400 n. Chr. ein ähnliches Bild.

Das vermehrte Auftreten von Bootsgräbern und Schiffssetzungen neben oder in Kombination mit Brandbestattung setzt die Linie aus der Bronzezeit fort. Man denkt sich den Toten geistig auf eine weite Reise gehend.[14] Die vielerorts gefundenen Boot- und Schiffssetzungen finden in der mythologischen Dichtung der damaligen Zeit keine Entsprechung. Auch lassen sich aus der Mythologie keine Hinweise auf die übrigen Steinsetzungen entnehmen. Auch fällt auf, dass unter den Grabbeigaben überraschend wenig religiöse Symbole zu finden sind. Nur hier und da findet man Thorshammer-Amulette,[15] möglicherweise von bewussten Traditionalisten in der Missionszeit.

Orosius schildert den Opferbrauch der Kimbern und Teutonen nach der siegreichen Schlacht bei Arausio 105 v. Chr.:

„uestis discissa et proiecta est, aurum argentumque in flumen abiectum, loricae uirorum concisae, phalerae equorum disperditae, equi ipsi gurgitibus inmersi, homines laqueis collo inditis ex arboribus suspensi sunt, ita ut nihil praedae uictor, nihil misericordiae uictus adgnosceret.“

„Die Kleidung zerrissen sie und warfen sie fort, Gold und Silber warfen sie in den Fluss, die Panzer zerschlugen sie, den Schmuck der Pferde zerstörten sie, die Pferde selbst ertränkten sie in der reißenden Strömung, die Menschen wurden mit einer Schlinge um den Hals in den Bäumen aufgehängt, so gut wie nichts erkannte der Sieger als Beute, kein Mitleid gab er den Lebenden.“

– Pauli orosii histriae adversum paganos, 5. Buch Kap. 16.

Die Zerstörung des Opfergutes ist für die Eisenzeit charakteristisch. Wieweit diese Opfer allein Kriegsgottheiten vorbehalten waren, ist nicht auszumachen. Aber die zerstörten Opfergaben bestanden im wesentlichen aus Kriegsgerät.[16] Außerdem sind zahlreiche menschliche Moorleichen entdeckt worden, die in der weit überwiegenden Zahl den Tod durch Erhängen gefunden haben. Das lässt darauf schließen, dass sie Odin geweiht waren.[17] Folke Ström weist noch auf eine weitere Interpretation der Menschenopfer hin, die vertreten wird: Tacitus berichtet im 14. Kapitel der Germania von dem Kult für die Erdgöttin Nerthus. Sie wird in der Edda zum männlichen Gott Njörðr. Dieser Wechsel wird so gedeutet, dass es sich ursprünglich um ein Götterpaar gehandelt habe, bei dem zur Zeit des Tacitus nur die Göttin von Bedeutung war, weshalb der Gewährsmann des Tacitus den männlichen Partner nicht erwähnt habe. In der Edda ist das Götterpaar ein Geschwisterpaar. Man meint nun, dass der männliche Repräsentant nach Vollzug der der heiligen Hochzeit getötet worden sei, um das heilige Geheimnis zu bewahren.[18] Wichtiges religiöses Element ist aber die Rundreise des Nerthus-Wagens durch die Gebiete ihrer Verehrung, die die Fruchtbarkeit des Landes sicherstellen soll. Eine Parallele findet sich in der Ögmundar þáttur dytts: Der landflüchtige Gunnar helming kommt ins heidnische Schweden, wo man Freyr als Hauptgott verehrt. Dieser hatte eine junge Priesterin, die sein Heiligtum verwaltete. Sie bat Gunnar um Schutz. Sie behielt ihn bei sich, und er begleitete sie neben dem Götterbild auf ihrer Rundfahrt durch das Land zur Hebung der Fruchtbarkeit. Sie wird schwanger, die Schweden werden nach anfänglicher Begeisterung misstrauisch, und er muss fliehen. Diese an sich unhistorische und schwankhafte Abenteuererzählung baut auf der dieser Rundreise des Götterbildes auf, die demnach als bei den Lesern bekannt vorausgesetzt wird.[19] Man darf davon ausgehen, dass sowohl die Rundfahrt der Fruchtbarkeitsgottheit als auch der kultische Beischlaf in diesem Zusammenhang sehr weit verbreitet war. Bei der Frage, ob die erhängten Moorleichen Odin oder der Fruchtbarkeitsgottheit geweiht waren, ist auch noch die anonyme Historia Norvegiae heranzuziehen. Dort wird über den Ynglinga-König Domald berichtet, dass er als Opfer für die Göttin Ceres aufgehängt wurde. Ceres ist die lateinische Entsprechung zu einer nicht näher identifizierbaren Fruchtbarkeitsgöttin in Schweden.

Die Götterwelt der Germanen 

Es lässt sich folgendes für die Wikingerzeit ausmachen:

Man wird diese unter Nordische Mythologie referierten Mythen nur mit Vorbehalt als Grundlage der nordgermanischen Religion ansehen dürfen. Denn auf der einen Seite sind die Namen zweifellos sehr alt, auf der anderen Seite handelt es sich aber auf weiten Strecken um intellektuelle Dichtung einer königlichen Kriegerkaste,[20] so z.B. die Institution des Walhall. Auch dass Odin um des Gewinns der Weisheit willen ein Auge verpfändete, dürfte der ursprünglichen bäuerlichen Gesellschaft der Bronzezeit ferngelegen haben. Vielmehr ergibt sich insbesondere aus den Brakteaten, dass die schamanistische Seite wohl im Vordergrund stand. Auch das pessimistische Weltbild des Ragnarök ist sicher keine ursprüngliche Auffassung einer bäuerlichen Gesellschaft. Man kann anhand der Votivtexte von einem ausgeglichenen und zuversichtlichen Verhältnis zu den schicksalbestimmenden Mächten bei der bäuerlichen Bevölkerung ausgehen.

Die Ortsnamenkunde gibt weitere Aufschlüsse: Die Götter Ullr und Njörðr kommen als Namensbestandteile relativ häufig vor, insbesondere in der Vorwikingerzeit, was auf eine große Popularität schließen lässt, obgleich die Mythenautoren Snorri und Saxo Grammaticus fast gar nicht erwähnen. In der Wikingerzeit ist der Bestandteil Thor, Frey und Freya weit verbreitet. Aber sehr selten wird der Name Odin verwendet, was darauf schließen lässt, dass er in der Bevölkerung nicht tief verwurzelt war. In den Ortsnamen haben sich auch völlig vergessene Götter erhalten, wie die Göttin *Njärd, die Frau des Gottes Njördr in den Namen “Njärta” und “Nälsta”.[21]

Obgleich es viele Götter gab, so war es doch üblich, dass man einen Gott besonders bevorzugte und oft folgte dieser dem Geschlecht von Generation zu Generation, wie dies in den isländischen Familiensagas für Thor und Frey der Fall ist. Odin war der typische Gott der Könige und Häuptlinge. Mit dem Kriegsgott Thor konnten sich eher die Bauernkrieger identifizieren, und Frey war für alle da, die eine gute Ernte brauchten. Es gab auch lokale Götter und solche für spezielle Probleme, Hausgötter, die die Heilige Birgitta in einem Brief aus dem 14. Jahrhundert als „leere Götter“ bezeichnet hat.[22] Dazu gehören Disen, Nornen, Elfen und andere Geistwesen.

Außerhalb des Kultes standen Götter, die nur in der konstruierten Mythologie ihren Platz haben. Dazu gehören Balder, Loki und die Riesen, die gegen die Asen kämpfen.

Religiöse Praxis 

Das Leben des gläubigen Heiden war von Kulthandlungen begleitet. Die nordgermanische Religion war eine reine Kultreligion. Auf die Gesinnung kam es nicht an. Es gibt keinerlei Anzeichen für eine Frömmigkeit im heutigen Sinne.

Archäologische Quellen 

Die archäologischen Quellen sind Gegenstände, die aus der vorchristlichen Zeit überkommen sind. Sie selbst geben über ihre Verwendung und Bedeutung keine Auskunft. Vielmehr bedürfen sie der textlichen Bezüge, um gedeutet werden zu können. Wo diese fehlen, wie dies für die Gegenstände aus der Bronzezeit und der Zeit davor gilt, lässt sich zwar aus der Tatsache, dass der Gegenstand zu keinem profanen Gebrauch tauglich ist, oft (nicht immer z. B. Spielzeug, Übungsstücke) die kultische Bestimmung ableiten, aber darüber hinaus sind keine Aussagen über die Bedeutung möglich.[23]

Die ältesten archäologischen Quellen, die über religiöse Vorstellungen Auskunft geben, sind die Begräbnisplätze. Hier lassen insbesondere Grabbeigaben wichtige Schlüsse über die Jenseitsvorstellung zu.[24] Diese werden unter Tod und Jenseits behandelt. aber auch Gebäudegrundrisse und Funde innerhalb der Grundrisse zeigen hin und Wieder eine Überlagerung von religiösem Ritus und profanem Fest wie zum Beispiel in der Festhalle von Helgö.

Weitere archäologische Quellen sind die großen Kessel (Kessel von Gundestrup, Kessel von Rynkeby) und kostbaren Trinkhörner, z. B. die Goldhörner von Gallehus. Die Kessel entstammen der vorrömischen Eisenzeit und sind in Südskandinavien gefunden worden, sind aber keltischen Ursprungs. Ihre konkrete kultische Verwendung ist nicht bekannt. Daher lassen sich diese Quellen bislang nicht deuten.

Eine andere Gruppe sind die menschengestaltigen Holzpfähle. Sie sind nur in Mooren in Dänemark, Schleswig–Holstein, Oldenburg und Thüringen erhalten und wurden in der vorrömischen Eisenzeit bis zur Völkerwanderungszeit gefertigt. Außerdem gibt es zwei kleine Götterstatuen aus Bronze im wikingerzeitlichen Schweden.[25] Aus der römischen Kaiserzeit sind Bronzestatuetten römischer Götter bekannt, die ins freie Germanien importiert worden sind. Als große Ausnahme werden die Weihesteine für die Schifffahrtsgöttin Nehalennia angesehen, die sowohl eine Abbild der Göttin als auch eine Inschrift tragen, die von Kaufleuten und Schiffern stammen.

Bereits auf Felsritzungen sind Fellboote skandinavischer Jägerkulturen mit Tierköpfen am Steven abgebildet. In der Schelde wurden drei holzgeschnitzte Drachenköpfe aus der Völkerwanderungszeit gefunden. Bei einem Kopf ist am Hals noch der Zapfen erhalten, mit dem man ihn auf dem Steven aufsteckte. Nach Ulfljóts Gesetz für Island (um 1060) sollten die Schiffe, die nach Island fahren, diese Köpfe von den Steven abnehmen, sobald Island in Sicht war, damit die Landgeister nicht erschreckt würden.

Auch Darstellungen auf den Goldbrakteaten geben gewisse Aufschlüsse über die Kultpraxis.

Textquellen 

Eine wichtige Textquelle über die alltägliche heidnische Religionsausübung sind die ersten christlichen Gesetze Gulathingslov und Frostathingslov, die bestimmte heidnische Riten verbieten.

Die Haltung zu den Göttern war von der Haltung innerhalb der abrahamitischen Religionen fundamental verschieden. Man trat den Göttern nicht als Herrschern über das Geschick gegenüber, die man hätte um etwas bitten können. Als der Skalde Egill Skallagrimsson seinen letzten Sohn auf dem Meer verlor, verfasste er ein ergreifendes Klagegedicht. Er wendet sich darin aber bezeichnenderweise nicht an einen Gott, sondern spricht von den Göttern, die ihm dieses Leid zugefügt haben, nur in der dritten Person. Auch die überlieferten Gebetssprüche werden höchst selten an eine Gottheit adressiert; vielmehr bittet man ohne Nennung eines Gottes um „ár ok friðr“, um „ein gutes Jahr und Frieden“, wobei mit "Frieden" nur die Ruhe und Sicherheit innerhalb des eigenen Gesellschaftsverbandes gemeint ist.[26] Eine Ausnahme bildet das Gebet Thorkels in der Víga-Glúms saga, wo er sich direkt an Frey als seinen speziellen Schutzgott wendet und ihn anredet.[27]

Der Glaube drückte sich im Ritual aus, das seinerseits Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens war. Diese Verankerung in der Einhaltung des Brauchtums ist für dogmenfreie Religionen charakteristisch.[28]

Die Einstellung der Menschen zu Göttern und Kult war sehr unterschiedlich. Neben solchen, die sich um die Rituale bemühten, gab es viele, die an nichts glaubten. Als sich eine Gruppe von Wikingern König Olav auf seinem allerletzten Heereszug anschließen wollten, fragte dieser er ihren Anführer Gauka-Þórir, ob sie Christen seien. Er antwortete, sie seien weder Christ noch Heide:

„Höfum vér félagar engan annan átrúnað en trúum á okkur og afl okkað og sigursæli og vinnst okkur það að gnógu.“

„Wir Gesellen hier haben keinen anderen Glauben, als dass wir auf unsere eigene Macht und Kraft uns verlassen und unser gutes Siegesglück. Das ist für uns genug.“

– Heimskringla. Olafs saga helga Kap 201. Übersetzt von Felix Niedner

Ähnliche Äußerungen sind noch andernorts überliefert.[29] Zu den Göttern gab es keine persönliche Beziehung, wie es für eine Frömmigkeit Voraussetzung ist. Wie diese Menschen in die heimische Gesellschaft eingebettet waren, in der der Thingplatz eine heilige Stätte war, das Recht unter göttlicher Aufsicht stand, der Meineid straflos war, weil er von der Gottheit unmittelbar und selbst bestraft wurde, ist unbekannt. Möglicherweise handelte es sich auch nur um die Verweigerung der Teilnahme an den Kulten oder darum, dass man sie zwar mitvollzog, aber ihnen keine Bedeutung beimaß.

Sakralkönigtum 

Die religiöse Stellung des Königs ist zwar umstritten, wird aber überwiegend angenommen. Auf dem Stentoftenstein von Sølvesborg in Blekinge heißt es, dass Hådulf ein „gutes Jahr“ gegeben habe. Man vermutet, dass Hådulf ein lokaler Stammeskönig gewesen ist.[30] Das würde bedeuten, dass es zur Funktion des Königs gehörte, ein “gutes Jahr” zu geben, also für gute Ernte zu sorgen. Er war dann Vermittler zwischen der Fruchtbarkeitsgottheit und seinem Stamm. Die deutlichste Ausgestaltung eines solchen Sakralkönigtums findet sich im schwedischen Uppland. Die Dynastie der Ynglinger leiteten ihre Herkunft vom Fruchtbarkeitsgott Yngvi/Freyr ab. Daher war er auch für das Wachstum der Feldfrucht, aber auch für den inneren Frieden und das Kriegsglück verantwortlich.[31][32] Die norwegischen Könige strebten danach, ihr Geschlecht an die Ynglinger anzuknüpfen, um sich so eine Legitimation zu verschaffen. Von Halfdan dem Schwarzen schreib Snorri, dass unter ihm die größte Fruchtbarkeit geherrscht habe, so dass man glaubte, dass noch seine Leiche dem Lande, in dem er beerdigt werde, Fruchtbarkeit bescheren würde. Snorri berichtet auch, dass König Domald geopfert wurde, um den Missernten ein Ende zu bereiten.[33] Im Gegensatz zur “Historia Norvegiae” wurde er bei Snorri nicht aufgehängt, sondern blutig getötet und mit seinem Blut der Altar besprengt. Moorleichenfunde legen nahe, dass Hängen und tödlich Verwunden beim rituellen Königsmord zusammen verübt wurden.[34] Der kultische Zusammenhang ist umstritten. Ursprünglich meinte man, man habe den König für die Missernten verantwortlich gemacht. Heute steht diese Erklärung nicht mehr im Vordergrund. Vielmehr meint man, dass der König das Wertvollste war, was dem Gotte dargebracht werden konnte, um ihn versöhnlich und gnädig zu stimmen.[35] Diese Ansicht hielt sich lange im Volk. Noch Gustav Vasa klagte bitter über diese Unsitte unter den Bauern.

Der öffentliche Kult 

Man kann zwischen öffentlichem und privatem Kult unterscheiden. Der öffentliche Kult war für einen Herrschaftsbezirk gemeinsam und wurde auf einem sakralen Kultplatz durchgeführt, der häufig mit einem Thingplatz verbunden war. Die religiösen Feiern dienten gleichermaßen der Stärkung des sozialen Zusammenhalts, als auch den Göttern.  

Personen 

Die Archäologie hat bislang keine Anzeichen für religiöse Spezialisten, wie eine Priesterschaft entdeckt. Allerdings glaubt die Namenforschung, Anzeichen für eine Priesterschaft gefunden zu haben. Das Wort “vé” bedeutet “Heiligtum”. “Véseti” ist der, der am Heiligtum sitzt, der Priester.[36] Namen, die auf -ve enden, werden als Namen von Priestern gedeutet.[37] Die Existenz niederer Tempeldiener bei großen Heiligtümern wird für möglich gehalten.[38] Im Goden, eine in Norwegen und Island nachgewisene Bezeichnung, vereinigte sich weltliche Machtstellung und religiöses Amt. Er hielt das Thing ab und leitete die Gerichtsverhandlungen. Das Wort "Gode" ist mit dem Wort "Gott" verwandt und zeigt, dass die Machtposition offenbar wesentlich religiös legitimiert wurde. Zum Amt des Goden gehörte auch die Pflege der heiligen Stätten und Opferplätze in seinem Bezirk und das Abhalten öffentlicher Opfer. Dafür soll er auch eine Abgabe erhalten haben.[39]

Die Rolle der Frauen im Kult ist aus den Quellen nur mittelbar zu erschließen und scheint regional und zeitlich sehr unterschiedlich gewesen zu sein. Hintergrund ist zunächst, dass man davon ausgeht, dass der Vanenkult spezifisch altskandinavisch ist, während die Asen gemeingermanisch erst später nach Skandinavien vordrangen. Im Vanenkult waren Männer und Frauen gleichberechtigt, während im Asenkult die Männer dominierten. Man hält den Krieg zwischen Asen und Vanen für einen Überrest dieser Auseinandersetung.[40] Die Schilderung des Nerthuskultes bei Tacitus wird dem altnordischen Vanenkult zugerechnet.

In den isländischen Sagas werden des öfteren Frauen genannt, die den Opferzeremonien vorstanden und “gyðja” genannt wurden.[41] Sie entsprachen kultisch den männlichen Goden. Die meisten in Island erwähnten Gyðja kamen aus dem norwegischen Trøndelag oder aus der Umgebung. Hier war ein Zentrum der Freyr-Verehrung. Auch Sogn scheint ein solches Zentrum gewesen zu sein. Jedenfalls werden die ungewöhnlich reich ausgestatteten Frauengräber so gedeutet, dass der Status der Frauen weit über die eigene Familie hinausging, dass sie also Gyðja waren.[42] Im Unterschied zum Goden konnte eine Gyðja kein Thing leiten.

Eine weitere weibliche Kult-Person war die Völva. Ihre Rolle in der gesamten Kultlandschaft ist nicht endgültig geklärt. Aus Völuspá und dem Hyndluljóð glaubt man entnehmen zu können, dass sie einem Heimdall-Kult zuzurechnen ist, der sich außerhalb der üblichen Kultpraxis entwickelt hat und auf Magie und Wahrsagung baute.[43] Möglicherweise reicht der Kult weit zurück zu einem Kult für Riesinnen, weibliche Jötunnen, einem Geschlecht, das Thor permanent bekämpft.[44]

Orte 

Flüsse, Seen und Moore waren besonders geheiligte und damit für Opfer besonders geeignete Orte. Hier wurden offenbar Kollektivopfer vorgenommen und in größeren Abständen wiederholt. In Individualopferstätten für einmalige Opfer finden sich häufig Goldbrakteaten ohne dass sich deren Bedeutung ermitteln ließe. Sie sind nur in einer relativ kurzen Zeitspanne geopfert worden.[45]

Auch ist die Existenz von speziellen Kultbauten zweifelhaft.[46] Allerdings wurden neuerdings in Uppåkra fünf Kilometer südlich von Lund in den Jahren zwischen 2000 und 2004 Fundamente ausgegraben, die von den Archäologen als zu einem Kultbau gehörend gedeutet und in die Zeit um 200 datiert werden. Sie stützen dies auf mehrere Indizien: Der umfangreiche Rattenkot deutet auf nur sporadische Benutzung des Gebäudes. Gleichwohl wurde das Gebäude offensichtlich häufiger umgebaut, als andere Gebäude in der Umgebung. Erst um 800 wurde es abgerissen. Die Dimensionierung der Eckstolpen weist auf eine ungewöhnliche Höhe hin. In unmittelbarer Nähe des Herdes war ein Metallbecher (von ungefähr 500 n. Chr.) und eine zweifarbige Glasschale absichtlich vergraben worden. Die Glasschale wurde um 500 am Schwarzen Meer gefertigt. In den Wandfundamenten und den Pfostenlöchern wurden sehr viele geprägte Goldblechstücke gefunden. Bei dem Gebäude wurden viele absichtlich verbogene Schwerter ausgegraben.[47] Aber aus diesem einzelnen Bau kann man nicht auf einen allgemeinen Brauch schließen. Man geht eher davon aus, dass die große Halle des Wohnhauses gleichzeitig Kultraum war.[48]

Der Thingplatz galt als heiliger Bezirk. Dort Blut zu vergießen, galt als schweres Verbrechen. Das Recht war eine göttliche Sphäre in der Welt. Eide werden auf einen goldenen Tempelring, den der Gode am Oberarm trug, geleistet, und man rief dabei Freyr, Njörð und den "allmächtigen Asen" an, womit wohl Thor gemeint war.

Opfer 

Für das Opfer gab es drei Ausdrücke, die in der Strophe 144 der Hávamál genannt werden:

veiztu, hvé blóta skal?
veiztu, hvé senda skal?
veiztu, hvé sóa skal?

Weißt du, wie man opfern soll?
Weißt Du, wie man senden soll?
weißt Du wie man ein Schlachtopfer richten soll?

Das Wort "blót" für Opfer hat nichts mit "Blut" zu tun. Die wahrscheinlichste Grundbedeutung des Verbs blóta ist "stärken" oder "mit magischer Kraft füllen". Man stärkte den Gott mit seinem Opfer, damit dieser in der Lage war, für die Fruchtbarkeit und das Wohlergehen zu sorgen. "Senda" ist das Senden des Opfers an die Götter, insbesondere das Senden eines zu Tötenden an Odin.[49] Aber das Wort beinhaltet auch das Abgeben und Verteilen von Speisen, im Zusammenhang mit dem Opfer also Verteilen des Opferfleisches an die Opfergemeinde.

Das Wort "sóa" wird etymologisch als "beschwichtigen" gedeutet, also eine Versöhnung. So heißt es in der Ynglinga saga über den Tod des Königs Domaldi:

Þá er árgjörn
Jóta dólgi
Svía kind
um sóa skyldi.

Jütlands Feind
Für Jahrs Gedeihen
Schwedens Volk
geschlachtet hatte.[50]

Aber das Wort konnte durchaus auch einfach "töten" bedeuten.

At Bölverki þeir spurðu,
ef hann væri með böndum kominn
eða hefði hánum Suttungr of sóit.[51]

Sie fragten nach Bölwerkr
ob er heimgefahren sei,
oder ob er durch Suttung fiel.[52]

Das Wort "sóa" kommt in christlichen Texten nicht vor, woraus geschlossen wird, dass es durch die heidnischen Opferbräuche zu stark belastet war.[53]

Im Gegensatz zum Festland, wo Tacitus und Strabon Menschenopfer beschreiben, gibt es keine zeitgenössischen Schriftquellen, wie ein solches Opfer vor sich ging. Es gibt nur aus christlicher Zeit eine Schilderung Snorris,[54] in der die Bewohner von Tröndelag Håkon den Guten, der in England Christ geworden war, zwangen, an einem solchen Opfer teilzunehmen: Die Bauern brachten allerlei Tiere, Schafe und vor allem Pferde, und schlachteten diese. Ihr Blut ("laut") wurde in Gefäßen aufgefangen, und mit ihm wurden die Altäre mit Büscheln bespritzt. Snorri setzt diese Büschel gleich den christlichen, mit denen das Volk mit Weihwasser bespritzt wird. Möglicherweise sind christliche Zeremonien bereits Grundlage dieser Schilderung. Diese Zeremonie wird aber auch in anderen Quellen berichtet, z.B. in der Eyrbyggja saga. Das Pferd war ein hervorgehobenes Opfertier, und die Leber des Pferdes wiederum ein beonderes Stück, das dem König zukam. Dies geht aus der Fortsetzung der Geschichte hervor. Im nächsten Jahr zwingen die Bauern König Håkon zum Opferfest in Mære. Dort musste er die Rossleber essen. Die Sonderstellung des Pferdes geht auch aus dem späteren christlichen Verbot, Pferdefleisch zu essen, hervor.

Während das Versöhnungsopfer, wie das des Königs Romaldi, nur selten erwähnt wird, scheint das Gemeinschaftsopfer mit Gastmahl die Regel gewesen zu sein.

Auch von Göttern wird berichtet, dass sie opferten und so die Ordnung der Welt stützten. Es wird vermutet, dass die großen Goldhortfunde in Südskandinavien aus der Völkerwanderungszeit mit einer in vielen Quellen geschilderten Witterungskatastrophe um 536 zusammenhängen. Mit dem Gold sollte die während des ganzen Jahres offenbar durch einen dichten Staubschleier verdunkelte Sonne gestärkt werden.[55]

Menschenopfer werden in den Sagas des öfteren erwähnt: In der Ynglinga saga ist es König Aun, der nacheinander seine Söhne Odin opfert, um sein eigenes Leben zu verlängern, was ihm Odin auch gewährt. In der Jomsvikinga saga opfert Håkon Jarl seinen Sohn Erling, um die Schlacht zu seinen Gunsten zu wenden. Wenn die geschilderten Opfer auch nicht historisch sind, so zeigen die Texte doch, dass Menschenopfer in der frühen Vorstellungswelt üblich waren. Auch die Eyrbyggja saga geht selbstverständlich von Menschenopfern aus:

„Þar sér enn dómhring þann er menn voru dæmdir í til blóts. Í þeim hring stendur Þórs steinn er þeir menn voru brotnir um er til blóta voru hafðir og sér enn blóðslitinn á steininum.“

„Noch immer sieht man dort den Gerichtskreis, in dem die Männer zur Opferung verurteilt wurden. In diesem Kreis steht Thors Stein, an dem den zur Opferung Bestimmten das Rückgrat gebrochen wurde, und man sieht noch die Blutflecken an dem Stein.[56]“

– Eygyggja saga Kap. 10 am Ende.

Seit den Arbeiten von Hubert und Mauss werden für ein Opfer 4 Elemente verlangt: Der Opfernde, der Opferempfänger, das Opfer und der Opferherr, der das Opfer veranlasst.[57] Wenn einige Elemente fehlen, liegt nach dieser Definition kein Opfer vor, auch wenn die Quellen von Opfer sprechen. In Bezug auf Menschenopfer unterscheidet man dann zwischen Opfer und ritueller Tötung. Beim Menschenopfer wird dem Gott das edelste Mitglied der Gemeinschaft dargebracht, bei der rituellen Tötung kann es sich um den Verursacher einer Störung der kosmischen Ordnung handeln, die durch die Tötung wieder hergestellt werden soll, ohne dass an einen göttlicher Empfänger zu denken ist.[58] Die bei der Beerdigung eines Häuptlings getöteten Menschen waren keine Opfer, sondern wurden den Toten zur Bedienung im Jenseits mitgegeben. In frühskandinavischer Zeit scheint es bei Häuptlingen durchaus üblich gewesen zu sein, dass seine Ehefrau oder Lieblingsfrau als Witwe mit ihm beerdigt wurde.[59] Ob wirklich die edelsten Menschen geopfert wurden, ist allerdings umstritten. Unter anderem beruft man sich dabei auf die Kristni saga.

„Inir heiðnu menn höfðu þá stefnu fjölmenna ok tóku þat ráð at blóta tveim mönnum ór hverjum fjórðungi ok hétu á heiðin goð til þess, at þau léti eigi kristni ganga yfir landit. Þeir Hjalti ok Gizurr áttu aðra stefnu við kristna menn, ok létust þeir vilja hafa ok mannblót, jafnfjölmennt sem inir heiðnu. Þeir mæltu svá: "Heiðingjar blóta inum verstum mönnum ok hrinda þeim fyrir björg eða hamra, en vér skulum velja at mannkostum ok kalla sigrgjöf við dróttin várn, Jesúm Kristum. Skulum vér lifa því betr ok syndvarligar en áðr, ok munum vit Gizurr ganga til fyrir várn fjórðung sigrgjafarinnar."“

„Die Heiden kamen zahlreich zusammen. Sie beschlossen, zwei Männer aus jedem Landesteil zu opfern und riefen den heidnischen Gott an, dass dieser nicht zulassen sollte, dass sich das Christentum im Lande ausbreite. Hjalti und Gissur hielten eine andere Versammlung mit den Christen ab und taten, als ob sie Menschenopfer auf die gleiche Weise wie die Heiden darbringen wollten. Sie sagten: Die Heiden opfern ihre Taugenichtse und werfen sie von Berg und Klippen. Aber wir wollen die besten Männer wählen und nennen das ein Siegopfer für unsern Herrn, Jesus Christus: Wir wollen besser und sündloser leben als die anderen, und ich und Gissur wollen in unser Viertel gehen und uns dafür zur Verfügung stellen.“

– Kristni saga Kap. 12.

Es ist nun offensichtlich, dass diese rethorische Gegenüberstellung von Heiden und Christen nicht als Quelle dafür dienen kann, dass in der vorchristlichen Zeit Verbrecher geopfert worden wären.[60] Auch andere Stellen erwähnen die Verurteilung zur Opferung. Das wird aber heute dahin gedeutet, dass sie zur Friedlosigkeit verurteilt wurden und dann wie auch Kriegsgefangene als Opfer verwendet werden konnten.[61]

Archäologische Funde zeigen, dass Babys im Zuge von Baumaßnahmen geopfert und in den Löchern für die tragenden Balken vergraben wurden, hin und wieder offenbar sogar lebend.[62]

Ob es zur späten Wikingerzeit noch Menschenopfer gegeben hat, ist unsicher, wenn auch wahrscheinlich. Adam von Bremen berichtet davon beim großen "blot" in Uppsala. Dort wurden neun männliche Individuen von allem Lebenden, auch Menschen, geopfert und in einem Hain, der den Tempel umgab, aufgehängt. Auf einem Bildteppich aus dem Osebergfund ist ein großer Baum mit daran hängenden Menschen abgebildet. Es dürfte sich um ein Odinsopfer gehandelt haben, da Odin auch an einem Baum hing und Odin ein Hauptgott in Uppsala war. Man geht auch davon aus, dass die Riten der Kulthandlungen in Skandinavien genauso wie die Begräbnissitten regional sehr unterschiedlich waren,[63] so dass sich allgemeine Aussagen nicht treffen lassen. Thietmar von Merseburg berichtet von einem Opferfest, das vor der Christianisierung alle neun Jahre in Lejre abgehalten wurde. Dabei sollen 99 Menschen, ebenso viel Pferde, Hunde und Hähne geopfert worden sein.[64] In der Orkneyinga saga wird ein grausamer Brauch geschildert, als Jarl Einar den Sohn König Harald hårfagres Halfdan gefangen nahm:

„Da fanden sie Halfdan Hochbein, und Einar ließ ihm mit dem Schwert einen "Adler" auf den Rücken schneiden und alle Rippen vom Rückgrat ablösen und die Lunge dort herausziehen, und er gab sie Odin zum Siege für sich.“

– Die Geschichte von Jarl Thorfinn dem Mächtigen. Kap. 5. Übersetzung von Walter Baetke.

Daraus wurde geschlossen, dass es sich um ein Odinsopfer handele.[65] Andere meinen, dass es sich um einen Brauch an Kriegsgefangenen handelte, der in sich selbst kein Opfer dargestellt habe.[66]

Der private Kult 

Der Privatkult betraf nur den eigenen Hof mit den Hintersassen. Er wurde an Grabhügeln oder heiligen Steinen vollzogen. In der Gutasaga aus dem 14. Jahrhundert, den letzten acht Seiten des Gutalag, einem Gesetz aus der Zeit um 1220, ist davon die Rede, dass man in heidnischer Zeit die Söhne und Töchter und Vieh samt Speise und Bier geopfert habe.[67] Dabei zeigt sich, dass die heiligen Plätze je nach Region einmal zum privaten Kult, ein andermal zum öffentlichen Kult gehörten.[68] Im westlichen Norwegen wurde der private Kult von Frauen geleitet. Für sie gab es auch eine spezielle Bezeichnung hafgyðja analog zum Hofgoden.

Bei vielen privaten Ritualen spielte der Penis eines geschlachteten Hengstes eine besondere Rolle. Er wurde mit stärkenden Kräutern (Lauch) in ein Tuch („lin ok lauk“) gewickelt von der Hausfrau aufbewahrt und sollte das Wohlergehen des gesamten Hauses fördern. Die zu bestimmten Zeiten, wahrscheinlich im Herbst, von der Hausfrau mit diesem Penis ausgeführten Rituale und die diese begleitenden Texte wurden von den Christen als ausgesprochen obszön empfunden.[69] Eine Beschreibung findet sich im Völsa þáttr der Flateyjabók. Die burleske Handlung rund um das Ritual deutet darauf hin, dass man dem Ritual eine eher mechanisch-gesetzmäßige Wirkung zuschrieb, die ohne Andacht oder sonstige Feierlichkeit auskam.[70] Ein solcher Pferdepenis wurde auch in einem Frauengrab gefunden. Siehe Artikel Völva.

Als häufigste kultische Verrichtung wird das gemeinsame Trinken überliefert. In den Schilderungen geht es allerdings nicht um den Rausch und eine damit erzeugte Verbindung zur göttlichen Sphäre, sondern nur um das gemeinsame Tun in Erinnerung an Verstorbene oder zur Stärkung der übernatürlichen Wachstumskräfte. Auch hier entbehren die Schilderungen durchweg aller Feierlichkeit. Es handelte sich vielmehr um eine reine Besäufnis bis zum Rande der Bewusstlosigkeit. Vom Besuch Egill Skallagrímssons und des Königs Erik Blutaxt bei Bard berichtet die Egils saga:

„Síðan var þeim borið öl að drekka. Fóru minni mörg, og skyldi horn drekka í minni hvert. En er á leið um kveldið, þá kom svo, að förunautar Ölvis gerðust margir ófærir, sumir spjóu þar inni í stofunni, en sumir komust út fyrir dyr.“

„Jetzt wurde ihnen Bier zum Trinken gebracht. Viele Erinnerungsbecher für Verstorbene kreisten, und bei jedem Gedächtnistrunk sollte ein Horn geleert werden. Und während so der Abend hinging, wurden viele Mannen Ölvirs schwer auf den Füßen. Einige spien in den Saal, andere gingen vor die Tür.“

– Egils saga Kap. 44. Übersetzung Felix Niedner.

Und der Besuch Egils bei Armod wird so geschildert:

„ Því næst var öl inn borið, og var það hið sterkasta mungát; var þá brátt drukkinn einmenningur; skyldi einn maður drekka af dýrshorni; var þar mestur gaumur að gefinn, er Egill var og sveitungar hans; skyldu drekka sem ákafast. Egill drakk ósleitilega fyrst langa hríð; en er förunautar hans gerðust ófærir, þá drakk hann fyrir þá, það er þeir máttu eigi. Gekk svo til þess, er borð fóru brott; gerðust þá og allir mjög drukknir, þeir er inni voru, en hvert full, er Ármóður drakk, þá mælti hann: "Drekk eg til þín, Egill;" en húskarlar drukku til förunauta Egils og höfðu hinn sama formála. Maður var til þess fenginn að bera þeim Agli hvert full, og eggjaði sá mjög, að þeir skyldu skjótt drekka. Egill mælti við förunauta sína, að þeir skyldu þá ekki drekka, en hann drakk fyrir þá, það er þeir máttu eigi annan veg undan komast. Egill fann þá, að honum myndi eigi svo búið eira; stóð hann þá upp og gekk um gólf þvert, þangað er Ármóður sat; hann tók höndum í axlir honum og kneikti hann upp að stöfum. Síðan þeysti Egill upp úr sér spýju mikla og gaus í andlit Ármóði, í augun og nasarnar og í munninn; rann svo ofan um bringuna, en Ármóði varð við andhlaup, og er hann fékk öndinni frá sér hrundið, þá gaus upp spýja.“

„Dann ward Bier hereingebracht, und das war stark eingebrauter Haustrunk. Bald gab es ein Einzeltrinken. Jeder Mann sollte allein ein Horm leeren. Besondere Obacht gab man, wo Egil und seine Mannen waren. Sie sollten so stark wie möglich trinken. Egil trank zuerst ganz gewaltig, und als seine Gefährten nicht mehr konnten, trank er auch noch, was sie nicht mehr mochten. Dies ging so lange, bis die Tische fortgenommen wurden. Alle, die in der Stube waren, waren ganz berauscht. Armod rief bei jedem Horn, das er trank: ‚Ich trinke dir zu, Egil.‘ Seine Knechte aber tranken den Gefährten Egils mit demselben Zuspruch zu. Ein Mann war beauftragt, Egil und seinen Leuten immer ein volles Horn zu bringen, und er spornte sie sehr an, schnell zu trinken. Egil redete auf seine Gefährten ein, sie sollten lieber nicht trinken, und er leerte für sie, was sie sonst hätten trinken müssen. Egil merkte aber, dass ihm das jetzt nicht mehr gut bekäme. Da stand er auf, ging über den Feuerplatz, wo Armod saß. Er ergriff ihn mit den Händen bei den Achseln und drückte ihn gegen den Sitzpfosten. Darauf spie Egil gewaltig Armod ins Antlitz, in Augen, Nase und Mund. Das floss ihm in die Brust und nahm ihm fast den Atem. Als er aber wieder aufatmen konnte, da spie auch er.“

– Egils saga Kap. 72. In der Übersetzung von Felix Niedner Kap. 71.

Dem privaten Kult kommt man näher, wenn man das älteste schriftliche Christenrecht aus dem Gulathingslov, heranzieht: "(Heiden)opfer ("blot") sind uns verboten, so dass wir nicht heidnischen Göttern, Hügeln und Steinen ("Horge") opfern dürfen." Nicht nur namentlich zu benennende Götter waren Gegenstand des Kultes, sondern auch Hügel und Horge.

"Horg" bedeutet im alten Norwegen ein vorchristliches Heiligtum, ein Altar unter freiem Himmel. Er muss nicht einem bestimmten Gott geweiht sein. Diese Altäre hatten eine große Bedeutung im täglichen Leben, was u.a. aus dem Beinamen Olavs des Hl. "horgbjótr" (= Altarzertrümmerer) hervorgeht. Das Gulathingslov verbietet auch, eine Stelle als "Horg" zu bezeichnen. Die Horge waren offenbar Bestandteil eines unter den Bauern weit verbreiteten Fruchtbarkeitskultes. Während der Asenkult scheinbar im 1. Jahrtausend n. Chr. aus dem Ausland, vielleicht aus Deutschland eingedrungen ist, so ist dieser Fruchtbarkeitskult sicher sehr alt und wohl indogermanisches Gemeingut. Die Felszeichnungen aus der Bronzezeit und die überall in Skandinavien zu findenden Phallus-Steine und gewisse Parallelen im indischen und persischen Raum bezeugen dies.

Bei den Hügeln, die im Gulathingslov genannt werden, handelt es sich sicher um die Hügelgräber. Das deutet auf eine Art Ahnenkult hin, von dem es aber sonst keine weiteren Zeugnisse gibt. Es könnte sich auch um eine nekromantische oder spiritistische Praxis gehandelt haben. Im Borgarthingslov findet sich eine Bestimmung, dass der friedlos sein soll, der sich ins Freie setzt (d.h. ans Hügelgrab) und Trolle aufweckt.

Im Christenrecht des Königs Sverrir werden die verbotenen heidnischen Bräuche näher beschrieben: „Wenn von jemandem bekannt wird und dies ihm nachgewiesen wird, dass er Hügel aufschüttet und ein Haus macht, das er „hörgr“ nennt oder eine Stange aufrichtet und sie „Schimpfstange“ nennt, ...“ Diese Stange wurde zur Verhöhnung des Feindes aufgerichtet und gegebenenfalls mit Schadenzauber verbunden. Egil Skallagrímsson errichtete eine solche Stange (niðstöng) gegen König Erik und seine Frau Gunnhild.[71] Eine spätere Fassung des Gulathingslov nennt Zauber, Hexerei, Glaube an Weissagung, an Wesen, die in Hügeln und Wasserfällen hausen, das Außensitzen, um das Schicksal zu erfragen, die Verleugnung Gottes und der Kirche, um Schätze in Grabhügeln zu finden oder sonstwie reich oder klug zu werden, zu versuchen, Wiedergänger oder Hügelbewohner aufzuwecken. Im Eidsivathingslov wird von Hauskulten gehandelt und der Besitz von Zaubergegenständen, die sich heute nicht mehr eindeutig identifizieren lassen, unter Strafe gestellt. Im Borgarthinglov ist ebenfalls von Zaubermitteln die Rede: „...und wenn Hexenzeug in den Betten oder Kissen von den Leuten gefunden wird, Menschenhaare oder Froschfüße oder Menschennägel oder andere Dinge, die der Zauberei dienen ....“ und „Wenn einer Frau bewiesen wird, dass sie ein Troll ist, dann soll sie mit ihrer Habe die Gegend verlassen, da sie nicht daran schuld ist, ein Troll zu sein.“[72] Auch die sogenannte „weiße Magie“ war verboten: „Eine Frau, die glaubt, mit verbotenen Mitteln heilen zu können, büßt mit drei Mark ...“. Ein anderer Brauch ist, „wenn eine Frau ihrem Neugeborenen einen Finger oder einen Zeh abbeißt zu langem Leben ...“, wobei unklar bleibt, wessen Leben verlängert werden soll.

Seele und Person 

Die Seele war nach allgemeiner Auffassung das immaterielle Ich und das Zentrum des geistigen Vermögens der Person. Sie wurde als so selbständig gedacht, dass sie sich vom Körper lösen und unabhängig von diesem handeln konnte. Für die sehr komplexe Vorstellung gab es den Begriff "hugr" = "Sinn, Seele, Herz, Gemüt, Gesinnung, Wunsch, Neigung, Verlangen, Ansicht, Gesanken, Gedächtnis, innere Stimme, Ahnung, tapferer Sinn und Mut."[73] Dahinter stand die Erfahrung und Deutung des Traumes als eigenständige Handlungsform der Seele, während der Körper schläft. Wenn die Seele sich vom Körper befreite, konnte sie auch eine andere physische Gestlt annehmen. Das nannte man "hamnskifte" = "Gestaltwechsel". "Hamn" war die materielle Hülle, die die Seele umgibt. Allerdings war dieser Gestaltwechsel nicht jedem möglich, sondern nur bestimmten Personen mit besonderer Veranlagung. Diese waren zauberkundig. So war der Großvater Egil Skallagrímssons Úlfr mit dieser Fähigkeit ausgestattet.

„En dag hvern, er að kveldi leið, þá gerðist hann styggur, svo að fáir menn máttu orðum við hann koma; var hann kveldsvæfur. Það var mál manna, að hann væri mjög hamrammur; hann var kallaður Kveld-Úlfur.“

„Aber jedesmal, wenn es zum Abend ging, wurde er so unwirsch, dass nur wenige Leute mit ihm ins Gespräch kommen konnten. Beim Dunkelwerden pflegte er schläfrig zu werden. Man erzählte sich, dass er des Nachts häufig in verwandelter Gestalt umging. Die Leute nannten ihn Kveld-Ulf (=Abendwolf).“

– Egils saga Kap. 1

Wenn die Seele bei ihrer Wanderung eine andere Person aufsuchte, so machte sich diese Annäherung bei der Person bemerkbar. Gewöhnlich überfiel ihn eine plötzliche Müdigkeit, ein unwiderstehliches Schlafbedürfnis. Eine solche plötzliche Müdigkeit wurde umgekehrt dahin gedeutet, dass sich eine fremde Seele näherte, in der Regel in feindlicher Absicht. Eine damit verwandte Vorstellung war, dass sich herannahende Feinde durch Warnträume bemerkbar machen. Wenn also ein Mann von einem Rudel Wölfe träumte, so deutete er diesen Traum, dass die Wölfe die Seelen feindlicher Männer seien. Wölfe galten durchgehend als Zeichen für Feindseligkeit.

„Þórður segir: ‚Bæta mun það vora ferð fóstri minn að þú farir. Segir mér svo hugur um að í þessi ferð mun eg þín mest þurfa ef mínir draumar vita nokkuð.‘ Eiður mælti: ‚Hvað dreymdi þig fóstri minn?‘ Þórður segir: ‚Það dreymdi mig að eg þóttist kominn til Hvítár í Borgarfirði og eiga tal við útlenda menn, eigi síst um kaup nokkur. Og í því komu í búðina vargar eigi allfáir og var mér mikill viðbjóður við þeim. Síðan réðu þeir á mig og vildu drepa mig og rifu af mér klæðin en eg brá sverðinu og hjó eg í sundur einn varginn í miðju og höfuðið af öðrum. Síðan hlupu að mér vargarnir öllu megin en eg þóttist verjast og varð eg mjög móður og eigi þóttist eg vita hversu mér mundi vegna. Í því hljóp fram fyrir mig einn bjarnhúnn og vildi verja mig og í því vaknaði eg. Nú þykir mér draumurinn tíðindavænlegur.‘“

„Thord sagte: ‚Das wird unserer Reise zustatten kommen, mein Junge, wenn du mitreitest. Mir ahnt es so, als wenn ich dich auf dieser Reise besonders nötig haben werde, wenn meine Träume etwas bedeuten.‘ Eid sagte: ‚Was hast du geträumt, Vater?‘ Thord antwortete: ‚Ich träumte, ich sei zur Hvítá im Borgarfjord gekommen und unterhielte mich mit ausländischen Männern, hauptsächlich über einige Geschäfte. Da kamen in unsere Bude viele Wölfe herein, vor denen ich Abscheu empfand. Sie griffen mich an und wollten mich zerreißen und zerrten mir die Kleider herunter. Ich zog mein Schwert und zerhieb einen Wolf mitten durch, und einem anderen schlug ich den Kopf ab. Da stürzten die Wölfe von allen Seiten auf mich ein. Mir war es, als ob ich mich verteidigte, und ich wurde sehr müde und glaubte nicht zu wissen, wie es ablaufen würde. Da sprang ein junger Bär vor mich und wollte mir helfen, und in dem Augenblick erwachte ich. Nun scheint mir, der Traum zeige Dinge an, die kommen werden.‘“

– Þórðar saga hreðu Kap 3, in der Übersetzung von Vogt und Fischer Kap. 8.

Man nannte diese Traumgestalten "fylgja". Normalerweise traten sie in Tiergestalt auf, wobei sich die Gestalt nach den Charaktereigenschaften der jeweiligen Person richteten. Aber es gab auch menschliche Folgegeister der eigenen Familie, die im Traum Warnungen vorbrachten. In der Vatnsdæla saga wird berichtet, dass dieZauberin Groa Thorstein zu einem Gastmahl einlud, um ihn durch Zauber für sich zu gewinnen.

„ Og hina þriðju nótt áður Þorsteinn skyldi heiman ríða dreymdi hann að kona sú er fylgt hafði þeim frændum kom að honum og bað hann hvergi fara. Hann kvaðst heitið hafa. Hún mælti: "Það líst mér óvarlegra og þú munt og illt af hljóta." Og svo fór þrjár nætur að hún kom og ávítaði hann og kvað honum eigi hlýða mundu og tók á augum hans.“

„Drei Nächte, bevor er von Hause reiten sollte, träumte Thorstein, dass die Frau, die seine Ahnen begleitet hatte, zu ihm komme und ihn bitte, ja nicht zu reiten. Sie sprach: ‚Das scheint mir unklug, und es wird dir auch Unglück bringen.‘ Und so ging es drei Nächte, dass sie kam und ihm Vorhaltungen machte, es werde ihm nicht taugen, und sie berührte seine Augen.“

– Vatnsdæla saga Kap. 36.

Schicksalsglaube 

Ein besonderes Charakteristikum nordgermanischen Lebensgefühls ist sein Schicksalsglaube. Demgemäß ist er sehr komplex und besteht aus vielen unterschiedlichen Elementen. So gibt es eine Auffassung über ein unpersönliches Prinzip, das von außen die Geschicke lenkt. Daneben gibt es die Vorstellung von einer im Innern des Menschen wirksamen Macht der Lebensgestaltung. So gibt es den Glauben an eine von Geburt an vorbestimmte Lebensdauer. Daneben existiert die Vorstellung, dass göttliche Mächte auf Leben und Lebensdauer Einfluss nehmen. Auch der Gedanke, dass im Augenblick der Geburt Disen das Schicksal des Neugeborenen bestimmen, wird oft vertreten. Ursprünglich war es die Funktion der Disen, der werdenden Mutter bei der Geburt beizustehen. Daraus ergab sich dann die Funktion der Schicksalsbestimmung. Diese Funktion brachte ihnen dann den besonderen Namen Nornen ein.[74] Während die Nornen SkuldWerdandi keine Tradition in den nordischen Mythen aufweisen, wird Urd als die eigentliche und ursprüngliche Schicksalsmacht angesehen. Das Schicksal wurde als unausweichlich angesehen. Es konnte daher auch nicht durch Gebete beeinflusst werden. Es handelte sich um eine blind wirkende Ordnung, die von außen das Leben des Menschen bestimmte. Insofern unterschied sich der Schicksalsaglaube prinzipiell vom Götterglauben.[75] Daneben gab es aber auch eine andere Tradition, wonach das Schicksal eine Eigenschaft des Menschen selbst sei. In den isländischen Sagas ist diese Ansicht reich belegt und wird mit dem Begriff "hamingjá" = "Glück" belegt. Dabei handelte es um eine Personeneigenschaft, die als Ursache für das Gelingen, das Glück und dessen Kraft angesehen wurde. Wem hamingjá fehlte, dem fehlte Tüchtigkeit und Mut. Hamingjá war nicht nur auf einen einzelnen bezogen, sondern wohnte einem Geschlecht als Ganzem inne. In der Vatnsdæla saga misslingt der Zauber der Groa auf Grund einer Warnung des Schutz- und Folgegeistes (Zitat im vorigen Abschnitt). Groas Reaktion auf dieses Misslingen wird wie folgt geschildert: und

„Þann aftan þá er sól var undir gengin sá sauðamaður Gró að hún gekk út og gekk andsælis um hús sín og mælti: ‚Erfitt mun verða að standa í mót giftu Ingimundarsona.‘“

„Diesen Abend, als die Sonne untergegangen war, sah ein Schafhirt Groa, wie sie aus dem Gehöfte trat und entgegen dem Sonnenlauf um ihr Gehöft schritt und sprach: ‚Schwer ist es, dem Glück der Ingimundssöhne zu widerstehen.‘“

– Vatnsdæla saga Kap. 36.

Am stärksten hatte diese Eigenschaft das Herrschergeschlecht. Harald Hårfagre war in außergewöhnlichem Maße mit diesem Glück ausgestattet, was sich in seinem Schlachtenglück widerspiegelte.

Feste 

Die christlichen Sagaverfasser gingen davon aus, dass es heidnische Gemeinden gegeben habe, die an einen Tempel gebunden waren, und dass der Häuptling am Tempel so etwas wie eine Tempelsteuer erhoben habe. Dass es Tempel gegeben hat, bezeugen die Ortsnamen auf -hov (= Tempel) vergleichend hierzu bedeutet der gotische Begriff Alhs, Alah den heidnischen Weiheort, Kultort schlicht den Tempel. Wulfila verwendete im 4. Jahrhundert diesen Begriff in seiner Bibelübertragung u.a. in Mk 15,38 EU für das griechische „ναός“ (Naós), Allerheiligstes, das Heiligtum. Diese Örtlichkeiten liegen im allgemeinen ziemlich zentral im besiedelten Gebiet. Aber es sieht auf sprachlicher Grundlage so aus, als ob sie nicht sehr alt und erst in der Wikinger-Zeit entstanden seien. Es ist auch unwahrscheinlich, dass es sich dabei um ein Gebäude gehandelt hat, wie die Bezeichnung "templum" in lateinischen Quellen, z.B. bei Adam von Bremen nahelegt. Genauere Untersuchungen bei Ausgrabungen von Kirchen haben ergeben, dass diese auf den Resten älterer Kirchen, nicht aber von heidnischen Tempeln erbaut wurden. Daher ist der Schluss gerechtfertigt, dass die heidnischen Kulte in der Regel im Freien abgehalten wurden. Da die Häuptlinge reich waren, kann es natürlich sein, dass die Versammlungen auch in ihrem Langhaus stattfanden, aber nicht in besonderen Gebäuden.[76] Ein Beispiel dafür könnte das Langhaus in Borg sein. Als wichtiges Zeugnis der damaligen Festpraxis gilt die Festhalle von Helgö in Ostschweden. Dort wurden zahlreiche Scherben von Glasgefäßen, 26 kleine Goldbleche mit Darstellungen von Liebespaaren, die Krümme eines Bischofsstabes und eine Buddha-Figur ausgegraben.[77]

Nach allem, was man weiß, dürfte der Tempel in Uppåkra eine Ausnahme gewesen sein. Aber es ist auch damit zu rechnen, dass die Nutzung von Gebäuden zu religiösen Feiern regional sehr unterschiedlich war.

Sicher ist, dass es rituelle Feste gab. Jedes Fest benötigt so etwas wie einen „maître de plaisir“. Aber schon die Frage, ob über das Gesamtgebiet die Feste gleichartig waren, oder nicht vielmehr lokalen Traditionen folgten, lässt sich nur näherungsweise beantworten, da sich bei den Festbeschreibungen tatsächliche Abläufe von christlich eingefärbten Schilderungen nur schwer trennen lassen. Jedenfalls unterscheidet sich die Schilderung des Festes in Uppsala bei Adam von Bremen[78] erheblich vom Opferfest von Lade, das Snorri Sturluson schildert.[79] Adam berichtet von Priestern, Snorri nicht. Der oben abgebildete Hammarsstein von Bunge stellt eine Opferszene dar, zu der es kein schriftliches Gegenstück gibt. Es ist nicht sinnvoll, an den Schilderungen zu zweifeln, da es keine Gegeninformationen gibt. Wenn gegen Adam die Vielzahl christlicher Gräber aus dem 11. Jahrhundert in Uppsala ins Feld geführt wird, so weiß man aus der Geschichte der Christianisierung des Römischen Reiches im 3. bis 5. Jahrhundert, dass dies kein Gegenbeweis für einen gleichzeitigen heidnischen Tempel am gleichen Ort ist. Wenn man bei Snorris Schilderung der Rituale christlich anmutende Elemente feststellt, so ist zu berücksichtigen, dass es bestimmte Archetypen von Weihehandlungen (Besprengen mit Blut) gibt, die nicht unbedingt in einem Filiationsverhältnis stehen müssen. Dass in Uppsala bestimmte Funktionen einem besonders Kundigen, den man als Priester bezeichnen kann, übertragen wurden, liegt nahe, da man davon ausgehen kann, dass ein Ritus, der nur alle 9 Jahre ausgeführt wird, einen erhöhten Komplexitätsgrad der Feierlichkeiten aufweist.

Die Feste hießen „blót“. „Blót“ heißt „stärken“. Gestärkt sollten die Götter werden. Von den Festen sind einige überliefert:[80]

Nach der Jahreszeit:

  • Herbstblót: Es wurde um die Mitte des Oktobers gefeiert. Hauptperson war Frøya.
  • Winterblót: Das wurde irgendwann im Winter gefeiert und hatte die besondere Bezeichnung jól. Auch hier war Frøya die Hauptperson. Es dürfte sich um ein privates Fruchtbarkeitsfest gehandelt haben. Denn im Gulathingslov wird vorgeschrieben, dass das zu trinkende Bier Christus und der Hl. Maria mit dem Spruch „til árs ok friðar“ zu weihen sei, der dem Heidentum entstammenden Bitte um Fruchtbarkeit.
  • Zu Beginn des vierten Wintermonats þorri wurde das þorra-blót gefeiert.
  • Im Frühjahr wurde das Gói-blót gefeiert, dass wie das jólblot mit Fruchtbarkeitsriten in Verbindung steht.
  • Sommerblót wurde um die Mitte des April gefeiert. Dieses Fest war Odin gewidmet. Mit diesem Fest begann die Saison für die Ausfahrt und den Kriegszug.
  • Elfenblót: Von ihm wissen wir so gut wie nichts. Es war lokal und wurde von Frauen geleitet und Fremde hatten keinen Zutritt. Da es den Elfen als allgegenwärtigen Mächten gewidmet war und es von Frauen geleitet wurde, vermutet man, dass es um Ahnen und Fruchtbarkeit ging. Die einzige Nachricht von dem Fest liefert Sigvat, der Skalde Olafs des Heiligen. Der Skalde macht eine Reise nach Osten, und da widerfährt ihm folgendes:

„Þá kom hann að öðrum garði. Stóð þar húsfreyja í durum, það hann ekki ðar inn koma, segir að þau sættu álfablót.“

„Da kam er an einen anderen Hof. Stand da die Hausfrau in der Türe, sagt, dass er nicht hineinkommen dürfe, es werde gerade das Elfenopfer abgehalten.“

– Heimskringla. Saga Ólafs hins helga Kap. 91.

nach dem Ort:

  • Blót in Uppsala: Aus der letzten Phase des Heidentums berichtet darüber Adam von Bremen. Danach soll in Uppsala ein vergoldeter Tempel mit einer großen Statue des Thor gestanden haben, an seiner Seite Odin und Frøy. Jeder habe seine Priester gehabt. Bei Seuche und Hungersnot werde Thor geopfert, bei Krieg dem Odin und bei Hochzeiten Frøy. Jedes neunte Jahr werde für alle Landschaften Schwedens ein Hochfest gefeiert. Von allen Lebewesen würden neun männliche Exemplare geopfert. Ihr Blut werde den Göttern geopfert, die Körper im nahen heiligen Hain aufgehängt. Es handele sich um Hunde, Pferde und auch Menschen. Dabei würden viele Lieder gesungen. Man zweifelt oft an der Richtigkeit seiner Schilderung, weil ihm als Missionar an einer Negativ-Darstellung des Heidentums gelegen gewesen sei. Nur war seine Leserschaft bereits christlich, die kaum vom Heidentum abgeschreckt zu werden brauchte. Sein christlicher Hintergrund reicht nicht aus, seine Schilderung generell in Zweifel zu ziehen, zumal es in Resten von gewebten Wandbehängen aus der Zeit Szenen mit Menschen, die am Baum hängen, gefunden worden sind. Auch Odin selbst hing neun Tage an einem Baum, um Weisheit zu erlangen. Das Fest fand zum Vollmond im Monat nach dem Júlmonat statt. Das Fest war auch gleichzeitig mit einer großen Thingversammlung verknüpft.
  • Blót in Mære (Steinkjer) in Trøndelag. Snorri Sturluson schildert das Fest in groben Zügen.

„Sigurðr Hlaðajarl var hinn mesti blótmaðr, ok svá var Hákon, faðir hans. Hélt Sigurðr jarl upp blótveizlum öllum af hendi konungs þar í Þrœndalögum. Þat var forn siðr, þá er blót skyldi vera, at allir bœndr skyldu þar koma sem hof var ok flytja þannug föng sín, þau er þeir skyldu hafa, meðan veizlan stóð. At veizlu þeirri skyldu allir menn öl eiga; þar var ok drepinn allskonar smali ok svá hross; en blóð þat alt, er þar kom af, þá var kallat hlaut, ok hlautbollar þat, er blóð þat stóð í, ok hlautteinar, þat var svá gert sem stöklar; með því skyldi rjóða stallana öllu saman, ok svá veggi hofsins utan ok innan, ok svá stökkva á mennina; en slátr skyldi sjóða til mannfagnaðar. Eldar skyldu vera á miðju gólfi í hofinu ok þar katlar yfir; ok skyldi full um eld bera. En sá er gerði veizluna ok höfðingi var, þá skyldi hann signa fullit ok allan blótmatinn. Skyldi fyrst Óðins full, skyldi þat drekka til sigrs ok ríkis konungi sínum, en síðan Njarðar full ok Freys full til árs ok friðar. Þá var mörgum mönnum títt at drekka þarnæst Braga full. Menn drukku ok full frænda sinna, þeirra er göfgir höfðu verit, ok váru þat minni kölluð.“

„Sigurd, der Jarl von Lade, war ein eifriger Opferer, und dies war auch schon sein Vater Håkon gewesen. Sigurd stand allen Opferfesten dort in Drontheim an Stelle des Königs vor. Es war alter Brauch, dass, wenn ein Blutopfer stattfinden sollte, alle Bauern an die Stätte zu kommen hatten, wo der Tempel stand, und dass sie dort alle Lebensmittel mitbringen mussten, die sie nötig hatten, solange das Fest währte. Und zu diesem Fest sollten außerdem alle Männer Bier mitbringen. Man schlachtete dort auch Vieh aller Art und besonders Pferde. Alles Blut aber von diesen nannte man Opferblut, die Schalen, in denen das Blut stand, Opferschalen. die Opferwedel waren aber nach Art von Sprengwedeln gemacht. Mit diesen sollten die Götteraltäre allesamt bespritzt werden, ferner die Wände des Tempels innen und außen. Auch auf die Menschen sollte man das Opferblut mit ihnen sprengen. Das Fleisch aber sollte gesotten werden zu frohem Schmaus für die Anwesenden. Feuer aber waren in der Mitte des Tempelflures angezündet, und Kessel sollten darüber sein, und man sollte die vollen Becher über das Feuer hin reichen. Der Veranstalter und Leiter des Festes aber sdollte die Bescher und die ganze Opferspeise segnen. Zuerst sollte man den Odinsbecher für den Sieg und die Herrschaft seines Königs trinken, und dann die Becher des Njörd und des Frey für fruchtbares Jahr und Frieden. Danach pflegten manche Männer den Bragi-Becher zu trinken. Man trank auch Becher auf seine Verwandten, die schon im Grabe lagen, und diese nannte man Gedächtnis-Becher.“

– Heimskringla. Saga Hákonar góða. Kap. 16. Übersetzt von Felix Niedner

und nach der Gelegenheit: Hier wird nicht der Ausdruck „blót“ verwendet, sondern „øl“ (Bier). Opfer waren nämlich nicht nur an Gott gerichtet, es waren auch soziale Ereignisse, in der die sogenannte „Trinkgemeinschaft“ eine besondere Rolle spielte. Das Wort "Øl" bedeutete im Norwegischen nicht nur Bier, sondern auch "religiöses Gelage". Der Beginn des Lebens bildete das "Barnsøl" (Kindsbier), dann kamen "Brudeøl" (Brautbier) und am Ende "Gravøl" oder "Arveøl"[81]Festensøl" (Festbier). Die Kulthandlungen hatten vorwiegend die Funktion, den Zusammenhalt der Kultgemeinde zu erneuern. (Begräbnisbier, Erbenbier), dazwischen oft auch "

Auch beim normalen festlichen Beisammensein wurde religiöse Rituale beachtet. Man trank gerne zum Gedächtnis Verstorbener.

„Síðan var þeim borið öl að drekka. Fóru minni mörg, og skyldi horn drekka í minni hvert. En er á leið um kveldið, þá kom svo, að förunautar Ölvis gerðust margir ófærir, sumir spjóu þar inni í stofunni, en sumir komust út fyrir dyr.“

„Jetzt wurde ihnen Bier zum Trinken gebracht. Viele Erinnerungsbecher für Verstorbene kreisten, und bei jedem Gedächtnistrunk sollte ein Horn geleert werden. Und während der Abend so dahinging, wurden viele Mannen Ölvirs schwer auf den Füßen. Einige spieen in den Saal, andere gingen vor die Tür.[82]“

– Egils saga Kap. 44.

Magie 

Für Norwegen und Island wird von Runenzauber berichtet. Auch in Schweden scheint man den Runen Zauberkraft beigemessen zu haben. In der Egils saga wird dem Skalden Egil die Kenntnis des Runenzaubers zugeschrieben. Bei einem Gastmahl sollte er von seinem Gastgeber und der Königin vergiftet werden.

„Drottning og Bárður blönduðu þá drykkinn ólyfjani og báru þá inn; signdi Bárður fullið, fékk síðan ölseljunni; færði hún Agli og bað hann drekka. Egill brá þá knífi sínum og stakk í lófa sér; hann tók við horninu og reist á rúnar og reið á blóðinu. Hann kvað:

Rístum rún á horni,
rjóðum spjöll í dreyra,
þau velk orð til eyrna
óðs dýrs viðar róta;
drekkum veig sem viljum
vel glýjaðra þýja,
vitum, hvé oss of eiri
öl, þats Báröðr signdi.

Hornið sprakk í sundur, en drykkurinn fór niður í hálm.“

„Die Königin und Barð mischten da einen Trank mit Gift und brachten ihn herein. Barð weihte den Becher mit dem Zeichen von Thors Hammer und händigte ihn dann der Schenkin ein. Sie brachte ihn Egil und forderte ihn auf, zu trinken. Egil aber zog sein Messer und stach sich in die Hand. Er nahm das Horn, ritzte Runen hinein, bestrich sie mit Blut und sprach:

Runen ritzt ins Horn ich:
Rot wie Blut sie lohten.
Wählte kernigen Wahlspruch
Wisents Hauptschmuck, ihr Disen:
Gern gutlauniger Dirnen
Goldigen Trank ich schwinge!
Was du, Barð weihtest:
Wie's bekommt, jetzt siehe!

Da sprang das Horn entzwei, und der Trunk floss nieder auf die Streu.[83]“

– Egils saga Kap. 44.

Auch heilt er ein Mädchen durch Heilrunen (die Geschichte ist im Artikel Runen geschildert).

Auch die Merseburger Zaubersprüche scheinen auf Vorstellungen gefußt zu haben, die räumlich sehr weit verbreitet waren. Ihre bildliche Umsetzung findet man auf Goldbrakteaten, die in Gudme auf Fünen gefunden wurden. Auch die Chiffren der Odins– und Balderdarstellungen ist von Dänemark bis nach Obermöllern im südlichen Niedersachsen und Straubing in Bayern gleich.[84] Deren Mythen waren überall bekannt.

Tod und Jenseits 

Die Grabbeigaben zeugen von einem Glauben an ein Weiterleben nach dem Tode. Der Verstorbene blieb im Familienverband. Das Verhältnis zwischen Lebenden und Toten beruhte auf Gegenseitigkeit. Die Toten bildeten eine Kraftquelle, die durch Opfergaben unterhalten werden musste. Diese wurden weniger aus Pietät als vielmehr im eigenen wohlverstandenen Interesse dargebracht. Die Grabbeigaben zeugen auch davon, dass die soziale Schichtung nach dem Tode erhalten blieb. Die Germanen kannten auch für das Totenreich keine egalitäre Gesellschaft. Die Waffen in den Gräbern lassen darauf schließen, dass es im Jenseits nicht friedlich zuging.[85] Aber das reichhaltige Geschirr zeigt, dass man auch Feste erwartete.

Die Toten bekamen zur Fahrt ins Jenseits alles mit, was sie zur Fortsetzung des Lebens dort brauchten. So beschreibt die sterbende Brynhild das, was Siegfried und ihr auf dem Scheiterhaufen mitzugeben sei:

þeygi mun ór för
aumlig vera.

Því at hánum fylgja
fimm ambáttir,
átta þjónar,
eðlum góðir,
fóstrman mitt
ok faðerni,
þat er Buðli gaf
barni sínu.[86]

Unsere Fahrt wird
nicht ärmlich sein.

Ihm folgen mit mir
der Mägde fünf,
Dazu acht Knechte
edeln Geschlechts,
Meine Milchbrüder
mit mir erwachsen,
Die seinem Kinde
Budli geschenkt.[87]

Archäologische Funde bestätigen eine solche Ausstattung der Totenreise, auch die Totenfolge. Bei hochgestellten Personen waren es oft die Ehefrauen, ja sogar der Mundschenk und der Marschall.[88] Die beigegebenen Transportmittel geschirrte Pferde, Schiff und Wagen lassen sich mit Hilfe der Bildsteine interpretieren.[89] Sie waren für die verschiedenen Etappen der Totenreise erforderlich.

Neben den Grabbeigaben wurden in Südschweden weiterhin absichtlich zerbrochene Gegenstände gefunden, die sorgfältig zusammengestellt in der Nähe der Begräbnisstellen und nur wenig unter der Erde vergraben waren. Sie stammen aus dem 5. Jahrhundert. Man deutet dies so, dass sie den Toten mitgegeben werden sollten. Es handelte sich um Sattel- und Zaumzeug und Waffen. Es handelt sich um Opferfunde in Hösdala (in der Kommune Hässleholm), Fulltofta (in der Kommune Hörby) und Vennebo (bei Roasjö, Västergötland). Sie werden unter dem Sammelnamen „Sösdalagruppe“ geführt.[90]Sie haben große Ähnlichkeit mit entsprechenden Funden aus den Gebieten der südöstlichen Reiternomaden (Hunnen, Heruler). Ähnlich Funde wurden zum Beispiel auch in UntersiebenbrunnIbn Fadlān beschreibt ausführlich die Bestattung eines Warägerfürsten bei den Rus. Dabei ist allerdings fraglich, wieweit die dort geschilderten Riten für ganz Skandinavien repräsentativ sind. gemacht.

Ein zentrales Element der Totenfeier für einen Hausvorstand war der Leichenschmaus (gravøl, arveøl). Er wurde am siebten Tag nach dem Tode abgehalten. Die frühen Christenrechte zeugen davon, dass der Leichenschmaus in verschwenderischer Weise stattfand, indem sie sich scharf gegen die übermäßige Üppigkeit wenden, die als heidnisch angesehen wurde. Der Wortbestandteil "-øl" (= Bier) weist auf das zentrale Element des Leichenschmauses hin, nämlich das Gedächtnistinken. In dessen Mittelpunkt stand der "bragarfull", der Schwurbecher. Das Leeren des Schwurbechers war ein rituell-rechtlicher Akt, mit dem der Erbe Anspruch auzf die Nachfolge nach dem Verstorbenen und auf dessen Platz am Hochsitz erhob.[91] Der feierliche Schwur beim Trinken des Schwurbechers für eine beabsichtigte Tat belegte die Würdigkeit, nunmehr der Vornehmste seines Geschlechtes zu sein. Man dachte sich den Verstorbenen beim Gedächtnistrinken unsichtbar anwesend, und man stärkte so die Gemeinschaft mit ihm. Aus den Quellen ist eine Fortsetzung des Totenkultes in der Folgezeit nicht unmittelbar zu entnehmen. Aber die frühen Christenrechte wenden sich gegen Riten, die an Hügeln vollzogen werden, womit sicher auch Grabhügel gemeint sind.

Über den Aufenthaltsort der Toten gab es unterschiedliche Auffassungen. In den Quellen tritt vor allem Hel als Göttin der Unterwelt in Erscheinung. Ihr Gesicht war zur Hälfte blauschwarz, zur Hälfte hatte es normale Hautfarbe. Sie war gierig und gnadenlos; wen sie einmal hatte, den ließ sie nicht mehr los. Diese Personifikation des Todesreiches ist in der Religion des Nordens wahrscheinlich nicht sehr alt, sondern stammt wohl erst aus der Wikingerzeit, wenn auch das Wort "hel" älter und im gemeingermanischen Gebrauch ist und wahrscheinlich mit dem Verb hylja = verbergen zusammenhängt. Auch die Düsternis des Totenreichs muss nicht ein ursprüngliches Element gewesen sein. Als Hel Balder erwartete, heißt es, sie habe ihre Säle festlich geschmückt.[92] Man dürfte sich das Totenreich so konkret vorgestellt haben wie das Hügelgrab, in dem der Tote lag.

Eine andere Vorstellung war, dass der Tote in einen Berg hineinversterbe. Der Berg Helgafell in Island (Heiliger Berg) hat daher seinen Namen. In der Eyrbyggja saga heißt es: „Diesen Hügel nannte Thorolf Helgafell (Heiligenberg) und glaubte, dass er in ihn eingehen werde, wenn er sterbe, und so auch alle Verwandten auf der Landspitze.“ und später: „An einem Herbstabend wollte der Schafhirt Thorsteins nördlich von Helgafell das Vieh nach Hause treiben. Da sah er den Hügel nach der Nordseite offen. Er erblickte im Hügel große Feuer und hörte aus ihm fröhlichen Lärm und Hörnerklang. Und als er genau horchte, ob er einige Worte unterscheiden könne, hörte er, wie man dort dem Thorstein und seinen Gefährten Gruß entbot und sagte, er werde bald auf dem Hochsitz gegenüber seinem Vater sitzen ...“ Diese Vorstellung hält man für jünger als die vom Totenreich der Hel und für einen Vorläufer von Walhall.[93]

Im 10. Jh. begegnet in den Skaldengedichten ein anderes Totenreich, Odins "Walhall". Dorthin kamen die, die im Kampfe fielen. Sie vergnügten sich jeden Tag miteinander und schlugen sich. Wer fiel, stand am Abend wieder auf. Wie tief dieser Glaube ging, ist schwer zu sagen. Es handelt sich um ein literarisches Produkt und scheint eher die ideale Welt einer Kriegerkaste widerzuspiegeln, als ein Ausdruck von Religiosität zu sein.[94] Dafür spricht, dass Frauen in dieser Vorstellung keinen Platz haben. Im Christentum wurde das Reich der Hel mit der Hölle gleichgesetzt.[95]

In vorchristlicher Zeit scheint der Tod auch eine erotische Komponente gehabt zu haben. So heißt es in der Ynglingatal, dem ersten Text der Heimskringla, dass die verstorbenen Könige in Hels Umarmung lägen. Auch die Skalden verwenden erotische Wendung bei der Beschreibung des Todes eines Seekriegers auf dem Meer: Es heißt da, sie bestiegen Rans Bett oder sie lägen in der Umarmung ihrer Töchter.[96]

Im Volksglauben spielte auch der Wiedergänger eine große Rolle. Wenn der Tote nicht genau der Sitte gemäß beerdigt war, dann fand er im Grab keine Ruhe. Der Tote konnte dann umgehen und Schaden anrichten. Besonders in Krisenzeiten wurden viele schädigende Ereignisse den Wiedergängern zugeschrieben. Daher musste der Tote noch einmal getötet werden. Man rammte einen Pfahl in das Grab durch den Leichnam, um den Toten festzunageln, oder man hieb ihm den Kopf ab, dass er nicht zu den Lebenden zurückfinde.[97] Das bedeutet auch, dass man das Grab selbst als Aufenthaltsort des Toten sah. Daher wurden dort auch die kultischen Handlungen der Totenverehrungen vollzogen. Der vorchristliche Ahnenkult hielt sich lange.

Man gab den Namen eines kürzlich verstorbenen nahen Verwandten einem Neugeborenen und glaubte, dass dessen Eigenschaften auf diese Weise auf das neue Familienmitglied übergingen. Der Name war ein wesentlicher Ausdruck der Persönlichkeit.[98] Die Lebenden waren ein Glied in der Kette der Generationen und Verwalter des Glückskapitals, das die Verstorbenen angesammelt hatten.

Christianisierung 

Während die Mythologie von der Christianisierung unbehelligt blieb, ja von Christen ausführlich überliefert wurde, wurde die Kultpraxis rigoros unterdrückt. Insbesondere von Olav dem Heiligen wird berichtet, dass er Opferfeste mit militärischen Mitteln unterdrückte.

„Það haust voru sögð Ólafi konungi þau tíðindi innan úr Þrándheimi að bændur hefðu þar haft veislur fjölmennar að veturnóttum. Voru þar drykkjur miklar. Var konungi svo sagt að þar væru minni öll signuð ásum að fornum sið. Það fylgdi og þeirri sögn að þar væri drepið naut og hross og roðnir stallar af blóði og framið blót og veittur sá formáli að það skyldi vera til árbótar. Það fylgdi því að öllum mönnum þótti það auðsýnt að goðin höfðu reiðst því er Háleygir höfðu horfið til kristni. … „Það er yður satt að segja konungur ef eg skal segja sem er að inn um Þrándheim er nálega allt fólk alheiðið í átrúnaði þótt sumir menn séu þar skírðir. En það er siður þeirra að hafa blót á haust og fagna þá vetri, annað að miðjum vetri en hið þriðja að sumri, þá fagna þeir sumri. Eru að þessu ráði Eynir og Sparbyggjar, Verdælir, Skeynir. Tólf eru þeir er fyrir beitast um blótveislurnar og á nú Ölvir í vor að halda upp veislunni. Er hann nú í starfi miklu á Mærini og þangað eru til flutt öll föng þau er til þarf að hafa veislunnar.“ … Konungur kom um nóttina inn á Mærina. Var þar þegar sleginn mannhringur um hús. Þar var Ölvir höndum tekinn og lét konungur drepa hann og mjög marga menn aðra. En konungur tók upp veislu þá alla og lét flytja til skipa sinna og svo fé það allt, bæði húsbúnað og klæðnað og gripi, er menn höfðu þangað flutt og skipta sem herfangi með mönnum sínum. Konungur lét og veita heimferð að bóndum þeim er honum þóttu mestan hluta hafa að átt þeim ráðum. Voru sumir höndum teknir og járnsettir en sumir komust á hlaupi undan en fyrir mörgum var féið upp tekið.“

„In diesem Herbst erhielt der König [Olav Haraldsson (der Heilige)] Nachrichten aus Inner–Trondheim, dass die Bauern dort viel besuchte Feste zu Wintersanfang abhielten und dass es dort große Gelage gebe. Dem König wurde erzählt, dass alle Becher dort nach altem Brauch den Asen geweiht wurden. Auch wurde ihm weiter erzählt, dass man Rinder dort schlachtete und sogar Pferde, und dass man die Altäre mit ihrem Blut besprengte. Blutopfer hätten stattgefunden, und das sei als Grund angegeben, sie sollten einer besseren Ernte dienen. Endlich hieß es noch, alles Volk sei des Glaubens, es sei deutlich zu sehen, dass die Götter in Wut gearten seien, weil die Helgeländer sich dem Christenglauben zugewandt hätten. … [Thoralsi erzählte dem König:] ‚Dies muss ich wahrheitsgemäß berichten, König, wenn ich erzählen soll, wie die Dinge liegen. In ganz Inner-Trontheim ist fast das ganze Volk heidnisch in seinem Glauben, wenn auch einige Männer dort getauft sind. Nun ist es ihr alter Brauch, im Herbst ein Opferfest zu begehen, um den Winter zu begrüßen, ein zweites im Mittwinter und ein drittes im Sommer, um den Sommer zu begrüßen. So ist es Brauch bei den Bewohnern der Inseln wie bei denen von Sparbuen, von Verdalen und von Skogn. Dort sind zwölf Männer, die es auf sich nehmen, die Opferfeste zu leiten, und jetzt im nächsten Frühjahr ist Olvir daran, das Fest zu geben. Eben weilt er in großer Geschäftigkeit in Mären, und dorthin hat man alles Gut gebracht, was man zur Veranstaltung des Festes braucht.‘ … Der König langte in der Nacht in Mären an, und dort wurden sofort die Häuser von einem Kreise von Mannen umstellt. Dort ergriff man Olvir, und der König hieß ihn töten zusammen mit manchem anderen Mann. Der König ließ alle Vorräte für das Fest wegnehmen und an Bord seiner Schiffe bringen, sowie sämtlichen Hausrat, Teppiche, Gewänder und Kostbarkeiten, die das Volk dorthin gebracht hatte. Er ließ sie als Kriegsbeute unter seine Leute verteilen. Der König ließ auch die Männer in ihren Häusern ergreifen, die nach seiner Meinung den meisten Anteil an diesen Veranstaltungen hatten. Einige von ihnen nahm man gefangen und legte sie in Eisen, anderen gelang es durch Flucht zu entrinnen, aber vielen wurde ihre Habe weggenommen.[99]“

– Òlafs saga helga Kap. 107, 109

Die Kultkontnuität ist ein erst in neuerer Zeit erforschter Gegenstand der skandinavischen Religionsgeschichte. Dabei wird zwischen Kultstätten-Kontinuität, Kultbauten-Kontinuität, Kultverwaltungs-Kontinuität und Kultinhaltskontinuität unterschieden.

Die Theorie der Kultstättenkontinuität ist die älteste und geht davon aus, dass die christlichen Kirchen auf oder in unmittelbarer Nähe zu heidnischen Kultplätzen errichtet worden sind. Gerhard Schøning schloss aus den Ortsnamen in seinem Reisebericht aus den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts, dass Kirchen in unmittelbarer Nähe zu heidnischen Opferplätzen errichtet worden waren.[100] Dem schloss sich Magnus Olsen in seinen Forschungen an.[101] Das ist bis heute herrschende Meinung geblieben. Er postulierte darüber hinaus, dass die Heiden auf dem Kontinent mit christlichen Kirchen bekannt geworden seien und für ihre Heiligtümer ähnliche Bauten aus Holz errichtet hätten. Das wird heute nicht mehr so gesehen. Vielmehr wird bezweifelt, dass es besondere religiöse Bauten, die klar von Profanbauten geschieden waren, gegeben habe. Insbesondere der dänische Historiker Olaf Olsen betonte, dass der vorchristliche Kult nicht notwendigerweise in besonderen Kultbauten sondern vielmehr in Profanbauten, besonders in der Festhalle des Häuptlings oder im Freien stattgefunden habe. Er wandte sich auch gegen die Vorstellung, dass es in der vorchristlichen Zeit eine organisierte Religionsausübung gegeben habe.[102] Diese Arbeit führte zu einer nuancierteren Betrachtung des Kontinuitätsproblems.[103]

Die Tradition, dass die heidnische Religion eine Kultreligion gewesen war, wurde im Christentum noch lange fortgesetzt. Das kam auch in der Sprache zum Ausdruck. Die heidnische Religion hieß "der alte Brauch" (forn siðr), das Christentum hieß "der neue Brauch". Ein Wort für den heutigen Begriff der Religion gab es nicht.

Der späte Synkretismus 

Der während der Missionszeit entstehende Synkretismus ist noch wenig erforscht. Man findet in der Überlieferung altnordischer Zauberbücher die unterschiedslose Anrufung heidnischer Götter und christliche Gebetsformeln. Die Göttin Frija/Frigg, Mutter Balders und zauberkundige Göttin, wird auf einem Brakteat aus dem Hort von Gudme mit einem Zauberstab in der einen und einem Kreuz in der anderen Hand dargestellt.[104] Und im Zusammenhang mit dem Primsigning wird ausdrücklich hervorgehoben, dass die heidnischen Händler zwar das Kreuzzeichen empfingen, aber das glaubten, was ihnen am besten gefiel. Die allmähliche Ausbreitung von den Bischofsstädten aus in die ländlichen Gebiete führte zu ausgeprägten Mischkulten,[105] die allenfalls sich in den Verboten der ältesten verschriftlichten Gesetzen Gulathingslov und Frostathingslov widerspiegeln. Weitere Zeichen des Synkretismus sind die Bildschnitzereien in den altnorwegischen Stabkirchen, die viele aus der Edaa und anderen Mythen bekannte heidnische Motive aufweisen.

Manche christliche angeordnete Riten lassen noch die vorherigen heidnischen Vorstellungen erkennen: Die Beerdigungsriten des Priesters zum Beispiel werden nicht nur als Segen für den Verstorbenen, sondern auch als Schutz der Lebenden vor den im Heidentum gefürchteten Wiedergängern gesehen. Die Gebete und das Besprengen des Sarges mit Weihwasser haben magische Funktionen. Das (lateinische) Leichenlied (líksöngr) gilt als Zauberlied. Wenn die Leiche in Abwesenheit des Priesters beerdigt wird, so hat dieser alsbald den Zauber nachzuholen:

„en þa er prestr kemr heim. þa scal staura niðr i kistu. oc steypa helgu vatne i. En hann scal syngia ivir liksong.“

„Wenn der Priester heimkommt, da soll er in den Sarg hineinbohren und geweihtes Wasser hineinschütten und den líksöngr darüber singen.“

– Gulathingslov § 23

Literatur 

  • Morten Axboe: Die Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit – Herstellungsprobleme und Chronologie. In Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (Band 38.). de Grueyter, Berlin 2004.
  • Walter Baetke (Hrsg.): Die Geschichten von den Orkaden, Dänemark und der Jomsburg. Düsseldorf 1966.
  • Inge Beck: Studien zur Erscheinungsform des heidnischen Opfers nach altnordischen Quellen. München 1967.
  • Liv Helga Dommasnes: Arkeologi og religion. In: Nordisk Hedendom. Et symposium. Odense 1991.
  • Klaus Düwel: Germanische Opfer und Opferriten im Spielgel altgermanischer Kultworte. In: Horst Jankuhn: Vorgeschichtliche Heiligtümer und Opferplätze in Mittel- und Nordeuropa. V&R Verlag, Göttingen.*Klaus Düwel: Das Opferfest von Lade. Quellenkritische Untersuchungen zur germanischen Religionsgeschichte. Wien 1985.
  • Detlev Ellmers: Die archäologischen Quellen zur Germanischen Religionsgeschichte. In: Heinrich Beck, Detlev Ellmers, Kurt Schier (Hrsg.): Germanische Religionsgeschichte. Quellen und Quellenprobleme (Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde Bd. 5). de Greuyter, Berlin 1992.
  • Charlotte Fabech: Offerfundene fra Sösdala, Fulltofta og Vennebo. Eksempler på rytternomadiske riter og ceremonier udført i sydskandinaviske jernaldersamfund.(Die Opferfunde von Sösdala, Fultofta und Vennebo. Beispiele für reiternomadische Riten und Zeremonien in der südskandinavischen Eisenzeitgesellschaft). In: Nordisk Hedendom. Et Symposium.. Odense 1991.* Rudolf Meißner: Norwegisches Recht. Das Rechtsbuch des Gulathings. In: Germanenrechte Bd. 6. (Übersetzunge der Orginalausgabe vonKayser, Munch. Christiana 1846). Weimar 1935.
  • Hans Egil Hauge: Levande begravd eller bränd i nordisk folkmedicin. En studie i offer och magi. Stockholm 1965.
  • Karl Hauck (Autor u. Hrsg.): Frühmittelalterliche Bildüberlieferung und der organisierte Kult." In: Der historische Horizont der Götterbild-Amulette aus der Übergangsepoche von der Spätantike zum Frühmittelalter. V&R, Göttingen 1992.
  • Henri Hubert, Marcel Mauss: Essais sur la nature et la fonction du sacrifice. – Sacrifice: Its Nature and Function. Paris,London 1898–1899, 1964.
  • Anders Hultgård: Övergangstidens eskatologiska föreställningar (Die eschatologischen Vorstellungen der Übergangszeit). In: Nordisk Hedendom. Odense 1991.
  • Edith Marold: Die Skaldendichtung als Quelle der Religionsgeschichte. In: Heinrich Beck, Detlev Ellmers, Kurt Schier (Hrsg.): Germanische Religionsgeschichte. Quellen und Quellenprobleme. (Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde Bd. 5). de Grueyter, Berlin 1992.
  • Eugen Mogk: Die Menschenopfer bei den Germanen. In: Abhandlungen der Königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften – Philologisch–Historische Klasse. Leipzig 1909..
  • Britt-Mari Näsström: Fornskandinavisk religion. En grundbok. Lund 2002a.
  • Britt-Mari Näsström: Blot. Tro och offer i det förkristna norden. Stockholm 2002b.
  • Margret Clunies Ross: Prolonged Echoes: Old Norse Myth in a Medieval Society (2. Bände). Odense 1994 – 1998.
  • Gro Steinsland: Kvinner og kult i vikingetid. In: Kvinnearbeid in Norden fra vikingtiden til reformasjonen. Bergen 1985.
  • Gro Steinsland / Preben Meulengracht Sørensen: Menneske ok Makter i vikingens verden. (Menschen und Mächte in der Welt der Wikinger).. Universitetsforlaget, 1994
  • Folke Ström: Nordisk hedendom (Nordisches Heidentum). Göteborg 1961.
  • Folke Ström: Tro og blot. In: Arv. 1951.
  • Snorri Sturlusson, Felix Niedner (Hrsg. Übs.): Snorris Königsbuch (Heimskringla), Bd. 2. WBG, Darmstadt 1965.
  • Fredrik Svanberg: Vikingatiden i Skåne. Lund 2000.
  • Jan de Vries: Altgermanische Religionsgeschichte (2 Bände). de Grueyter, Berlin 1970³.

Fußnoten 

  1. ↑ Ström S. 12.
  2. ↑ Ström S. 14.
  3. ↑ Ström S. 14.
  4. ↑ Ström S. 17.
  5. ↑ Ström S. 17 f.
  6. ↑ Ström S. 18.
  7. ↑ Ström S. 19.
  8. ↑ Vafþrúðnismál Str. 12.
  9. ↑ Übersetzung von Heusler.
  10. ↑ Hällristningar och kultbruk Stockholm 1927.
  11. ↑ Sröm S. 24.
  12. ↑ Dommasnes S. 57.
  13. ↑ Dommasnes S. 57 mit weiterer Literatur.
  14. ↑ Ström S. 28.
  15. ↑ Svanberg S. 49.
  16. ↑ Ström S. 29.
  17. ↑ Ström S. 33/34.
  18. ↑ P. V. Glob: Jernaldersmanden fra Grauballe. Kuml 1956.
  19. ↑ Ström S. 38.
  20. ↑ Marold S.689.
  21. ↑ Näsström (2002b) S. 12.
  22. ↑ Näsström (2002b)S. 14.
  23. ↑ Ellmers S. 106 f.
  24. ↑ Ellmers S. 98.
  25. ↑ Ellmers S. 104.
  26. ↑ Ström S. 45.
  27. ↑ Víga–Glúms saga Kap. 9.
  28. ↑ Ström S. 51.
  29. ↑ So antwortet Arnljot Gellini auf eine entsprechende Frage König Olavs des Heiligen „nur so viel von seinem Glauben, dass er auf seine eigene Macht und Kraft baue. ‚Und dieser Glaube hat mir bisher gute Dienste geleistet. Aber jetzt bin ich noch geneigter, an dich zu glauben, König‘.“ Heimskringla. Ólafs saga helga. Kap. 215.
  30. ↑ Ström S. 48.
  31. ↑ Ström S. 48.
  32. ↑ Ström S. 49.
  33. ↑ Ynglinga saga Kap. 15.
  34. ↑ Ström S. 50.
  35. ↑ Näsström (2002b) S. 41 f.
  36. ↑ Jan de Vries, Altnordisches Etymologisches Wörterbuch S. 648, 657.
  37. ↑ John Kousgård Sørenden: Personfornavnene og det før-kristne præsteskab. (Personenvornamen und die vorchristliche Priesterschaft.). In: Nordisk Hedendom. Et Symposium. Odense 1991. S. 207-208.
  38. ↑ Ström S. 44.
  39. ↑ Näsström (2002b) S. 96.
  40. ↑ Steinsland (1985) S. 34.
  41. ↑ Zum Bsp. Steinvor in der Vápnfirðinga saga Kap 5; Turid hofgyðja und Sigrid hofgyðja in der Vatnsdœla saga.
  42. ↑ Steinsland (1985) S. 34 f. mit weiteren Nachweisen.
  43. ↑ Steinsland (1985) S. 37 f.
  44. ↑ Steinsland (1985) S. 40.
  45. ↑ Ellmers S. 100.
  46. ↑ Svanberg S. 48.
  47. ↑ Kulthaus von Uppåkra
  48. ↑ Olaf Olsen: Hørg, hov og kirke. Kopenhagen 1966. Steinsland (1985) S. 34.
  49. ↑ Näsström (2002b) S. 30.
  50. ↑ Übersetzung Felix Niedner.
  51. ↑ Hávamál Str. 109.
  52. ↑ Übersetzung Simrock.
  53. ↑ Näsström (2002b) S. 32.
  54. ↑ Heimskringla. Die Geschichte von Hakon dem Guten Kap. 17.
  55. ↑ Axboe S. 270 ff.
  56. ↑ Übersetzung Klaus Böldl.
  57. ↑ Essais sur la nature et la fonction du sacrifice (1898–1899)
  58. ↑ Näsström (2002b) S. 49.
  59. ↑ Näsström (2002b) S. 52.
  60. ↑ Näsström (2002b) S. 56.
  61. ↑ Näsström (2002b) S. 56 mit weiteren Beispielen.
  62. ↑ Hauge S. 145.
  63. ↑ Svanberg S. 48.
  64. ↑ Thietmar von Merseburg: Chronik, I 17. In: MGH Scriptores rerum Germanicarum, Nova series 9: Die Chronik des Bischofs Thietmar von Merseburg und ihre Korveier Überarbeitung (Thietmari Merseburgensis episcopi Chronicon). Herausgegeben von Robert Holtzmann. Berlin 1935, S. 23–24 (Digitalisat).
  65. ↑ de Vries I, S. 411 f.
  66. ↑ Nesström S. 59.
  67. ↑ "… blotaþu Þair synnum oc dydrum sinum Oc fileþi. miþ matj oc mundgati."
  68. ↑ Ström S. 57.
  69. ↑ Eine der Strophen, von der Magd über den ihr gereichten Penis gesprochen, lautet: „Sicherlich könnte ich mich nicht davon zurückhalten, / ihn in mich zu stecken, wenn wir alleine in Wollust da lägen. / Nehme Maurnir dieses Opfer an. / Aber du, Grim, unser Gast, ergreif du Völsi.“ "Völsi" ist der beim Ritus herumgereichte Pferdepenis. "Maurnir" wird als Kollektiv weiblicher Fruchtbarkeitsgöttinen gedeutet, deren Kult im Gegensatz zum Odisnskult gestanden habe, was sich auch im Unwillen einiger Teilnehmer, den Ritus zu vollziehen, widerspiegele. Ström S. 59.
  70. ↑ Wenn auch die Rahmenhandlung der Mission Olavs des Heiligen unhistorisch ist, so wird die Beschreibung des Ablaufs doch für alt und authentisch gehalten. Denn sie widersprach der Einstellung der christlichen Verfasser zu den Erfordernissen rituellen Tuns. Diese hätten eine Überlieferungslücke sicher mit einer ihnen geläufigen Feierlichkeit und Würde ergänzt und sich darauf beschränkt, den Inhalt als verwerflich darzustellen. Ström S. 58.
  71. ↑ Er nahm eine Haselstange in die Hand und ging damit auf eine Felsenspitze, die weit ins Land hineinschaute. Er nahm einen Pferdekopf, steckte ihn oben auf die Stange. Dann tat er den Fehdespruch und sagte: „Hier stelle ich die Neidstange auf und wende diese Beschimpfung gegen König Erik und die Königin Gunnhild.“ Er richtete dann den Rosskopf gegen das Innere des Landes und fuhr fort: „Auch wende ich diese Beschimpfung gegen die Schutzgeister des Landes, die in diesem Lande wohnen, dass sie alle umherirren sollen und nirgends eine Ruhestätte finden, ehe sie nicht König Erik und Gunnhild aus dem Lande vertrieben haben.“ (Egils saga Kap. 57.)
  72. ↑ Borgarthingslov I, 16
  73. ↑ Walter Baetke: Wörterbuch zur Altnordischen Prosaliteratur. Berlin 1987. S. 279 f.
  74. ↑ Ström S. 142.
  75. ↑ Ström S. 144.
  76. ↑ Svanberg S. 48.
  77. ↑ Ellmers S 102.
  78. ↑ Bischofsgeschichte der Hamburgischen Kirche IV, 26 ff.
  79. ↑ Heimskringla. Die Geschichte von Hakon dem Guten. Kap. 14–16.
  80. ↑ Das folgende ist aus Steinsland/Sørensen S. 71 ff. entnommen.
  81. ↑ Auf dem Skadeberg-Stein (Stavanger-Museum) der Wikingerzeit aus Sola in Rogaland steht: Die Teilnehmer der Trinkgemeinschaft (Ølhúsmenn) errichteten diesen Stein nach Skarðe, als sie sein arveøl tranken.
  82. ↑ Übersetzung von Felix Niedner
  83. ↑ Übersetzung von Felix Niedner. “Wisents Hauptschmuck” = Horn. “Dirnen” = die ausschenkenden Mädchen.
  84. ↑ Hauck S. 450
  85. ↑ Ellmers S. 98.
  86. ↑ Sigurðarkviða in skamma Str. 69, 70.
  87. ↑ Übersetzung von Simrock.
  88. ↑ Detlev Ellmers: "Fränkisches Königszeremoniell auch in Walhall." In: Beiträge zur Schleswiger Stadtgeschichte 25, 1980. S. 115–126.
  89. ↑ Ellmers S. 99.
  90. ↑ Fabech S. 106.
  91. ↑ Ström S. 157.
  92. ↑ Steinsland/Sørensen S. 91.
  93. ↑ Ström S. 159 f.
  94. ↑ Ström S. 160.
  95. ↑ Steinsland/Sørensen S. 92.
  96. ↑ Steinsland/Sørensen S. 92.
  97. ↑ Steinsland/Sørensen S. 87.
  98. ↑ Ström S. 149.
  99. ↑ Übersetzung Felix Niedner
  100. ↑ Gerhard Schøning: Reise gjennem Norge 1773, 1774 und 1775. Trondheim 1910. Bd. II.
  101. ↑ Magnus Olsen: Ættegård og helligdom: norske stedsnavn i socialt og religionshistorisk belyst. Oslo 1926.
  102. ↑ Olaf Olsen: Hørg, hov og kirke: historiske og arkeologiske vikingetidsstudier. Kopenhagen 1966.
  103. ↑ Røskaft S. 228.
  104. ↑ Hauck S. 464.
  105. ↑ Hultgård S. 164.



Angelsächsische Religion

Unter angelsächsischer Religion ist die vorchristliche Religion des germanischen Sammelvolks der Angelsachsen in England zu verstehen. Religionswissenschaftlich klassifiziert stellt sich die angelsächsische Religion als ein Teil der kontinentalen Südgermanischen Religion dar, und ist darüber hinaus insgesamt ein Teil der Germanischen Religion.[1]

Inhaltsverzeichnis


  • 1 Quellenlage zur angelsächsischen Religion
  • 2 Die Gottheiten
  • 3 Geister und Wesen der Mythologie
  • 4 Kult
    • 4.1 Tempel und Priester
      • 4.1.1 Tempel, Kultorte
      • 4.1.2 Priester, andere sakrale Personengruppen
    • 4.2 Opfer und kultische Feste und Festzeiten
      • 4.2.1 Gebet und Idolatrie
    • 4.3 Seelen, Ahnen und Totenkult
  • 5 Christianisierung
  • 6 Siehe auch
  • 7 Literatur
    • 7.1 Einzelnachweise

Quellenlage zur angelsächsischen Religion 

Wie für die gesamte germanische Religion gilt auch für die angelsächsischen Verhältnisse zum Einen, dass die Religion dezentral und regional angesiedelt war, mit den sich daraus ergebenden lokalen Verschiebungen und Schichtungen. Und zum Anderen gilt ein nur geringes Vorhandensein von zuverlässigen Quellentexten, unter anderen in Glossen, Zaubersprüche und Stammbäume. Bei späteren Berichten (klerikales Schrifttum, Historien - insbesondere Kirchenhistorien, besonders Beda Venerabilis in Historia ecclesiastica gentis Anglorum) ist zu unterscheiden zwischen den Einflüssen aus nordischen Mythologien und nordgermanischer Religion der heidnischen Dänen (Danelag) zur Wikingerzeit, die in Englands Nordosten siedelten, und alter authentischer, einheimischer Überlieferung. Hier sind besonders die Ortsnamen mit Gottesbezug (theophor) zu nennen, die zu dieser Zeit regional auch mit den nordischen Namensformen der Hauptgottheiten belegt wurden. Einen wichtigen Beitrag zur Ermittlung Religion der Angelsachsen hinsichtlich Ritus und Kult hat die archäologische Forschung und deren Untersuchungen von Fundorten in ehemaligen Opfermooren außerhalb der angelsächsischen Gebiete in Deutschland und Skandinavien ergeben, wodurch es erlaubt ist, vergleichende Rückschlüsse zu ziehen. Grabungsbefunde von Bestattungsweisen in England lassen anhand von Grabbeigaben und allgemeine Gestaltung auf die geistig-religiöse Haltung der Angelsachsen schließen.

Die Gottheiten 

Die Angelsachsen kannten folgende Gottheiten und mythische Helden: Ærta, Éarendel, Éastre, Erce, Folde, Géat, Hengist / Horsa, Hréðe, Ing, Mæðhilde, Seaxnéat, Tíg, Þunor, Wéland, Wóden, Wyrd. (Nicht bezeugt, aber häufig erwähnt, sind *Fríg, *Fréa, *Grím.)

  • Wóden: Hauptgott, dem für Sieg und Manneskraft geopfert wurde. In den Stammbäumen ist er der Stammvater der Königshäuser von Kent, Wessex, Essex, East Anglia, Mercia, Bernicia und Deira. Eine Stelle in Salamon and Saturn sagt, dass Mercurius se gygand als erster Buchstaben festsetzte, ein möglicher Hinweis, dass Wóden, wie der nordische Gott Odin, die Runen erfunden hat, da in Glossen Wóden stets mit Mercurius gleichgesetzt wurde. Im Neunkräutersegen (Nine Herbs Charm) erscheint Wóden als Magier.
  • Géat: Ahnherr der Königsfamilien und in den Stammbäumen Vorfahre von Wóden. Das Klagegedicht des Sängers Deor nennt seine Liebschaft zu Mæðhilde. Und weil die Angelsachsen diesen Gott mit lauten Lobliedern besangen, wurde er von König Alfred als "komödienhafte Gottheit" bezeichnet.
  • Þunor: Donnergott, mit "feuriger Axt". Wurde mit Jupiter gleichgesetzt. Dass der Gott über die Wolken fuhr, erhellt das Wort þunorrád "Donnerschlag".
  • Tíw / Tíg: Wurde in Glossen mit Mars gleichgesetzt.
  • Seaxnéat : Erschient im Stammbaum der Könige von Essex als Sohn von Wóden. Er entspricht dem Gott Saxnôte in der Sächsischen Abschwörungsformel. Ob er mit Tíw gleichgesetzt werden darf, sei dahingestellt.
  • Ing : Held der Ostdänen, der nur im Runengedicht genannt wird. Auch Name der ᛝ-Rune (Ing(waz)-Rune).

„Ing wæs ærest mid Eástdenum gesewen secgum, oð he síððan eást ofer wæg gewát. wæn æfter ran. þus Heardingas þone hæle nemdon“

„Ing wurde unter den Ost-Dänen gesehen zuerst, bis er nach Osten zog über das Meer. Sein Wagen zog ihm nach. So nannten die Herdinger ihren Helden.“

  • Éastre: Nur bei Beda genannt. Ihr ist ein Fest im April (éosturmónað) geweiht. Aus dieser einen Erwähnung hatte J. Grimm eine deutsche Göttin *Ôstara rekonstruiert, die dann heute in neopaganen Kreisen zu höchsten Ehren gekommen ist.
  • Walküren : In Glossen wird wælcyrge mit Bellona, Eurynis, Tisifone, Alecto übersetzt.
  • Erce, Folde: Erdgöttin. Der angelsächsische Flursegen (Charm for Unfruitful Land) ist ein Gemisch von altheidnischen und christlichen Elementen. Der Bauer wendet sich nach Osten und betet: eorðan ic bidde and upheofon! ("Die Erde bitte ich und den Obhimmel!", Vs. 4). Die Erde wird dann mehrfach angerufen: Erce, Erce, Erce eorðan módor ("Erce, Erce (der) Erden Mutter", Vs. 14) und Folde fíra módor ("Folde, der Menschen Mutter", Vs. 30). Aber auch Maria und der Christengott werden darin angerufen.
  • Éarendel: In den Glossen mit iubar (Morgenstern) übersetzt. Ein Lobgedicht auf Christus vergleicht diesen mit Éarendel.
  • Hréðe : Sie erhielt im März (hréðmónað) Opfer.
  • Módra : "Mütter". Ihnen wurde in der Nacht vom kürzesten Tag (24. Dez.: módraneht) geopfert.

Geister und Wesen der Mythologie 

Kult 

Der Mönch Beda Venerabilis, selbst angelsächsischer Herkunft, berrichtet von einem Brief den Papst Gregor I. im Jahr 601 an dem anglischen Abt Mellitus für den Bischof Augustinus von Canterbury sendete. Indirekt wird darin über die religiös-kultischen Gebräuche der Angelsachsen berichtet:

„...videlicet quia fana idolorum destrui in eadem gente minime debeant, sed ipsa quae in eis sunt idola destrunatur... Et quia boves solent in sacrificio daemonum multos occidere, debet eis etiam hac de re aliqua sollemnitas immutari: ut die dedicationis... tabernacula sibi circa easdem ecclesias, quae ex fanis commutatae sunt, de ramis arborum faciant, et religiosis conviviis sollemnitatem celebrant“

„...nämlich, dass man die Heiligtümer der Götzen in diesem Volk sehr wenig zerstören soll, sondern nur die Götzenbilder selber, die dort sind, zerstören. Und weil sie den Dämonen viele Ochsen zum Opfer zu schlachten pflegen, soll ihnen auch dafür irgendein Fest umgestaltet werden, so dass sie sich am Tage der Kirchenweihe... um die Kirchen herum, die aus veränderten Heiligtümern entstanden sind, Hütten aus Baumzweigen machen und das Fest durch religiöse Schmäuse feiern.“

– Beda, Historia ecclesiastica gentis Anglorum I, 30

Die Angelsachsen feierten an bestimmten heiligen Orten im freien oder in Kulthallen öffentliche rituelle Feste, begleitet durch Opferkulten und Opfermahlen, dies in Perioden mit unterschiedlichen Bestimmungen und Zwecken. Die bestimmten Orte der religiösen Praxis durch die Gemeinschaft der Volks- Stammes und örtlichen Bevölkerung zeichneten sich durch gemeingermanisch geteilte Gestaltung aus unter Vergleich zu kontinentalen Verhältnisen der frühen römischen Kaiserzeit, und den späteren nordisch-isländischen Verhältnisen. Die Gottheiten waren nicht nur geistig vorgestellt, sondern wurden bildnerisch dargestellt in der Regel herkömmlich als Pfahlgötzen. Zu diesen öffentlichen, und gemeinschaftlichen religiösen Riten kommt der private Kult in der agraisch lebenden Haus- und Hofgemeinschaft.


Tempel und Priester 

Tempel, Kultorte 

Wie bei den kontinentalen südgermanischen Stämmen und Stammesverbänden lagen auch die angelsächsischen Heiligtümer im Freien, an markanten Orten wie Quellen, Steinen die als Kultorte neu erschlossen wurden, oder von den nichtchristianisierten heidnischen Briten übernommen wurden. Ursprünglich im Wald beziehungsweise auf Waldlichtungen angelegt, oder solche als baumbestandene Haine separiert und kultiviert (Tac. Germ. Kap.39 Opferhain der Semnonen), wurde diese später eingehegt und stehen eng mit dem indogermanisch ererbten Baumkult in Verbindung.[2]

In der angelsächsischen Sprache wird der „Tempel, Hain“ mit „ealh, alh“ bezeichnet, zum Vergleich in der gotischen Sprache als alhs. Beide Begriffe bedeuten ursprünglich „heiliger Hain“ und sind auf die indogermanische Wurzel *eleq – „heiliger Baum, Holzgötze“ zurückzuführen, aber auch zu Bedeutungen von „Kraft, Macht und Schutz“.

Ein anderer Begriff ist „bearu“ – „Wald“ der mit „heiliger Hain“ übersetzt werden kann, da nach Beda „æt Bearwe“, also dort vor Ort, Kirchen errichtet wurden (Hist. Ecc. IV, 3; V, 2).

Ein Dritter angelsächsischer Begriff für „Tempel“ ist „hearg“[3] und hat die Bedeutung von „Steinhaufe, Opferstätte“. Bei alten Opferstätten sind Steinhaufen archäologisch festgestellt worden, vermutlich als Altar oder Sitz eines Idols, verehrten Pfahls, oder Götterfigur.[4]

Auf die germanischen Kultstätten in England deuten zahlreiche Ortsnamen hin die von ealh, hearg abzuleiten sind. Bedas Bericht über die Bekehrung des anglischen Priesters Coifi nennt den den Standort des Tempels Godmundingaham aus der Zusammensetzung mit God. Viele Kirchen sind auf ehemaligen heidnisch genuzten Orten errichtet worden, so unter anderen auch die Kathedrale von Canterbury, die auf dem Boden eines ehemaligen angelsächsischen Tempelbezirks errichtet wurde. Zwar wurde von päpstlicher Seite aus geraten heidnische „Tempel“ in christliche Kirchen umzuwandeln, es ist jedoch bis heute kein Nachweis erbracht das tatsächlich ein germanischer Tempelbau kirchlichen Zwecken zugeführt wurde, eher wird von deren Zerstörung berichtet. Dem päpstlichen Brief an Augustin ist letztlich nicht zu entnehmen, dass die Angelsachsen „Tempel“ mit Wänden und Dächern gemäß dem lateinischen Verständnis nutzten.[5]

Der zum Christentum bekehrte Coifi verbrannte in Folge den Tempel in Godmundingaham und andere Heiligtümer, was nicht nur für eine hölzerne Einhegungung, sondern auch für eine massive hölzerne Gesamtstruktur spricht. Zum anderen sind deshalb auch keine konstruktiven Spuren erhalten geblieben beziehungsweise archäologisch nachweisbar.[6]

Die eigentliche, und spezifisch angelsächsische Begriffsneubildung ist „friðgeard“ „heiliger eingefriedigter Ort“, der Frieden der am Kultort herrschte hängt direkt mit dem germanischen Rechtsverständnis zusammen wie der Vergleich zu dem isländischen „Thingfrieden“ zeigt und auch zum kultischen Selbstverständnis der unbedingten Gebundenheit. Eine Verletzung dieses Friedens hatte drastische Sanktionen zur Folge. Die angelsächsischen Begriffe für „Tempel“ werden somit alle unter dem Gesichtspunkt des gemeingermanischen Charakters von Kultstätten, als einen eingefriedeten Hain gesichert bestätigt.[7]

Priester, andere sakrale Personengruppen 

„Statimque, abiecta superstitione uanitatis, rogauit sibi regem arma dare et equum emissarium, quem ascendens ad idola destruenda ueniret. Non enim licuerat pontificem sacrorum uel arma ferre, uel praeter in equa equitare.“

„Sogleich warf er den abergläubischen Wahn ab und bat den König, ihm Waffen und einen Hengst zu geben, damit er ihn besteigend hinreiten könne, die Götterbilder zu zerstören. Es war nämlich dem Opferpriester nicht erlaubt gewesen, Waffen zu tragen noch anders als auf einer Stute zu reiten.“

– Beda Hist. ecc. Anglorum II, 13

Die gottesdienstlichen Handlungen der Germanen werden bei Tacitus (Germ. Kap.10) unterteilt in öffentliche Kulthandlungen eines Staatspriesters „sacerdos civitates“, und die eines „pater familias“, dem Familienoberhaupt als Hauspriester.[8] Die priesterlichen Aufgaben, von Tacitus beschrieben, bilden ein gemeingermanisches Muster mit lokalen Verschiebungen. Diese Aufgaben beinhalten vor allem die Leitung der Opferhandlungen, von feierlichen Riten und Umzügen an Festtagen, okulten Handlungen von Viehbesprechungen und Exorzitien, die medizinische Betreuung, richterliche Befugnisse, Eheschließungen, Eröffnung der Thingversammlung. In Island hatte das Hof- und Familienhaupt diese Funktion inne als „Gode“, Besitzer des privaten Tempels und Götterbildes (Idolatrie). Vermutlich hatten die angelsächsischen Eigennamen Gode, Goda und die Bezeichnung „heargweard“ die Nebenbedeutung von der des „Tempelbesitzers“. Andere Eigennamen sind vermutlich mit Priestertitel in Verbindung zu setzen.[9] Die Ansätze einer priesterlichen Organisation beziehungsweise einer gesonderten Priesterkaste sind wenn, dann auf römisch-hellenistische und keltische Einflüsse begründet. Neben den Angelsachsen sind diese Ansätze bei den Langobarden festzustellen die ebenfals solche kulturelle Einflüsse aufnahmen.[10]

Die Frage einer weiblichen Priestschaft bleibt unbeantwortet, aus dem Wortschatz des angelsächsischen und aus den zeitgenössischen Quellen ist dies nicht zu entnehmen. Die angelsächsischen Priester durften keine Waffen tragen, sie gehörten nicht zu den Kriegern, und durften nur Stuten als Reitiere benutzen. Neben der zentralen Aufgabe der Verrichtung von Opferhandlungen –als Opferpriester– war die Position des Ratgebers, besonders für den Adel und den politischen Entscheidungsträgern, eine weitere bedeutende Funktion. Ausgehend vom Begriff für Opfer/Opfern blōtan, und vergleichend der späteren christlichen Wortbildung „wēofod-ƿegn“ „Altardiener“, bedeutet der Begriff „ƿyle“ „Kultredner“ in den schriftlichen Quellen aber „Rat der Fürsten“.[11]

Wie der gemeingermanische Adel, so hatte auch der angelsächsische Adel, insbesondere der König, neben der offiziellen politischen Macht und Gewaltenausübung immer auch eine sakrale Bedeutung und Funktion. Die angelsächsischen Könige hatten einen nicht zu unterschätzenden hohen Grad an Einfluss auf den Staatskult. Tacitus berrichtete schon über ein Königspriestertum, dessen sakrale Funktion auch in den wikingerzeitlichen nordischen Quellen zu finden ist. Nordische Könige gaben zu Lebzeiten Segen und wurden nach ihrem Tod vergöttert, und angelsächsische Könige führten Ihre Sakralabstammung auf Wōdengermanischen Staatswesen zurückzuführen.[12] zurück. Das frühmittelalterliche Staatschristentum der Angelsachsen und der Franken ist auf den ehemaligen heidnischen Kult und dessen enge Verbindung zum

Opfer und kultische Feste und Festzeiten 

„..ita ut in morem antiquorum Samaritanorum et Christo seruire uideretur et diis, quibus antea seruiebat; atque in eodem fano et altare haberet ad sacrificium Christi, et arulam ad uictimas daemoniorum..“

„..es hatte den Anschein, als ob er (Redwald) nach dem alten Brauche der Samariter zugleich Christus und den Göttern diente, denen er vorher anhing, denn im selben Heiligtum hatte er einen Christus geweihten Altar und einen kleinen Altar für die Opfer an die Heidengötter..“

– Beda, Hist. ecc. gen. Angl. II, 15

Das germanische Opfer bestand vor allem aus Bitt- und Dankopferhandlungen. Die Opfer wurden bei dem öffentlichen Gemeinschaftsritus, wie bei den privaten Kulthandlungen aus dem Zweck heraus durchgeführt, der in der Regel mit den Opfergaben inhaltlich in Verbindung stand. Die angelsächsischen Begriffe für das Opfer beziehungsweise die konkrete Opferhandlung ist zu Einem, das oben genannte blōt, blōtan, welches im altnordischen blót und im althochdeutschen bluotzenlāc, welcher mit dem gemeingermanischen Begriff *laikaz tanzen, hüpfen in semantischer Verbindung steht (siehe auch bei Oslac). Blōtan hat die Bedeutung von stark machen.[13] Erwiederung findet. Und zum anderen der Begriff

Gebet und Idolatrie 

Seelen, Ahnen und Totenkult 

Christianisierung 

Wohl ab dem 6. Jahrhundert begann die Christianisierung der angelsächsischen Völker. Es waren zuerst die Adeligen, die sich dem neuen Glauben zuwandten. Beda berichtet, welche Gründe sie bewegten: Im Rat von König Edwin vergleicht einer seiner Gefolgsleute das Leben, wie sie es bisher kannten, mit dem Flug eines Spatzes, der aus einem eiskalten Sturm in eine warme, erhellte Met-Halle fliegt – und wieder hinaus in den Sturm.

„Ipso quidem tempore, quo intus est, hiemis tempestate non tangitur, sed tamen paruissimo spatio serenitatis ad momentum excurso, mox de hieme in hiemem regrediens, tuis oculis elabitur. Ita haec uita hominum ad modicum apparet; quid autem sequatur, quidue praecesserit, prorsus ignoramus. Unde si haec noua doctrina certius aliquid attulit, merito esse sequenda uidetur“

„Während der Zeit, in der er sich drinnen aufhält, wird er vom Wintersturm nicht berührt, doch nach einem kurzen Moment der Heiterkeit verschwindet er bald aus deinen Augen, geht zurück in den Winter, aus dem er gekommen ist. So erscheint das Leben der Menschen für kurze Zeit; was aber darauf folgt, oder was ihm vorausging, darüber wissen wir nicht das Geringste. Wenn nun diese neue Lehre (Christentum) irgendwelches sichereres Wissen beiträgt, verdient sie es, befolgt zu werden.“

– Beda, Hist. ecc. gen. Angl. II,12-13

Bis zum 9. Jahrhundert hatte das Christentum den ursprünglichen Glauben der Angelsachsen verdrängt; dieser lebte nur im Volksglauben weiter.

Literatur 

  • Arno Borst: Lebensformen im Mittelalter. Ullstein, Berlin 1999, ISBN 3-548-26513-8.
  • Jan De Vries: Altgermanische Religionsgeschichte (2 Bände). Walter De Gruyter, Berlin 19703.
  • Karl Helm: Altgermanische Religionsgeschichte (2 Bände). Carl Winter, Heidelberg 1913 – 1953.
  • Rudolf Much, Herbert Jankuhn, Wolfgang Lange: Die Germania des Tacitus. Carl Winter, Heidelberg 1967.
  • Ernst Alfred Philippson: Germanisches Heidentum bei den Angelsachsen (Kölner anglistische Arbeiten Bd.4). Verlag Bernh. Tauchnitz, Leipzig 1929.
  • Louis J. Rodrigues: Anglo-Saxon Verse Charms, Maxims & Heroic Legends. Pinner, 1993, ISBN 1-898281-01-7.
  • Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. Kröner Verlag, Stuttgart 1984 – 20063, ISBN 3-520-36802-1.
  • Rudolf Simek: Religion und Mythologie der Germanen. WBG, Darmstadt 2003, ISBN 3-534-16910-7.
  • Ake V. Ström, Haralds Biezais: Germanische und Baltische Religion. W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1975, ISBN 3-17-001157-X..

Einzelnachweise 

  1. ↑ Die wissenschaftliche Klassifizierung wird u. a. bei A.Ström, Karl Helm und in der Theologischen Real-Enzyklopädie unter dem Stichwort Germanische Religion erläutert.
  2. ↑ Philipsson: S.183, 184. die Begriffe der lateinisch sprechenden, oder schreibenden zeigen diesen Umstand an, templum et castrum, und meistens als lucus, fanum, nemus wiedergegeben. Zum Vergleich, Franz Rolf Schröder: Ingunar-Freyer Tübingen 1941, S. 9–15. Betreffend des germanischen Baumkultes.
  3. ↑ In althochdeutscher Sprache harug(c), haruch, altnordisch hórgr
  4. ↑ Ström, Biezais: S. 110, 111. Walter Baetke: Das Heilige im Germanischen, Tübingen 1942, S. 90 – 92. Das altenglische wēoh und anglische wíg gehört zum urgermanischen *wīhaz und könnte auch in England „Heiligtum“ bedeutet haben.
  5. ↑ Philipsson: S. 185 incl. Fußnoten. De Vries: Bd. 1 §§ 264, 265, 266.
  6. ↑ Simek:Religion und Mythologie der Germanen, S. 89.
  7. ↑ Philipsson: S.190
  8. ↑ Much, Jankuhn, Lange: S. 192; u.a. Priester am Stammesheiligtum.
  9. ↑ Ealhweard, Ealhmund, Oshelm, Oslac (Os vergl. altnordisch Ase), Godmund u.a.
  10. ↑ Helm: Bd. 2., Teil 2., §126 S. 189.
  11. ↑ Philipsson: S. 182. Helm: Bd.2, Teil 2, §126 S.188,189.
  12. ↑ Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. S. 358 – 360 „Sakralkönigtum“. Philipsson: S. 180 – 182.
  13. ↑ Unter anderem bei; Walter Baetke: Wörterbuch zur Altnordischen Prosaliteratur, Berlin 1976, S. 59. Philipsson: S. 192.

Kontinentalgermanische Mythologie

Unter kontinentalgermanischer Mythologie ist die vorchristliche Mythologie der germanischen Stämme auf dem europäischen Festland, ohne Skandinavien, zu verstehen. Dabei sind folgende Zeitperioden zu unterscheiden.

  1. vorrömische Eisenzeit (ca. 800 v. Chr. bis Christi Geburt). Aus dieser Periode sind nur archäologische Funde bekannt (z. B. Opfermoor von Niederdorla).
  2. Römische Kaiserzeit (ca. 50 v.Chr. - ca. 450 n.Chr.). Hauptquelle ist die Germania von Tacitus und mehrere Weihesteine.
  3. Frühmittelalter (ca. 450 - Christianisierung). Verschiedene Quellen, wie Runeninschriften, Zaubersprüche, Glossen.
  4. Hochmittelalter und frühe Neuzeit: Verdecktes Weiterleben von einigen Numina im Volksglauben und in Sagen. Diese wurden in der folgenden Periode gesammelt. Weitere Erkenntnisse können mittels der Sprachgeographie gewonnen werden.
  5. In der Neuzeit sind die Glaubensvorstellungen der germanischen Mythologie weitgehend erloschen. Allerdings beginnt mit Jacob Grimm ihre wissenschaftliche Erforschung. Seither gibt es auch Gruppierungen, die versuchen, die alte Religion wiederzubeleben (Neopaganismus, Asatru).

Inhaltsverzeichnis


  • 1 Vorrömische Eisenzeit
  • 2 Römische Kaiserzeit
  • 3 Frühmittelalter
  • 4 Weibliche Volksglaubensgestalten im Mittelalter
  • 5 Neuzeit
  • 6 Siehe auch
  • 7 Literatur
    • 7.1 Einzelnachweise

Vorrömische Eisenzeit

Aufgrund sprachwissenschaftlicher Befunde kann geschlossen werden, dass damals die Namen der Hauptgottheiten wie Wodan-Odin, Ziu-Tyr, Donar-Thorr und Frija-Frigg in der Sprache gebräuchlich waren. Ob und in welcher Form sie verehrt wurden, entzieht sich unserer Kenntnis. Jedenfalls opferten die Germanen damals, wie Begleitfunde zeigen, anthropomorphen Gottheiten in Form von einfachen menschenähnlichen Holzidolen (sog. Pfahlgötzen). Im Opfermoor von Oberdorla (Thüringen), das spätestens im 6. Jh. v. Chr. eingerichtet wurde, wurde neben vielen kleinen Holzklotzidolen aus der keltischen Eisenzeit ein großes weibliches Idol mit einem bronzenen Halsreif aufgefunden. Dieses wurde um 75 v. Chr. ersetzt durch zwei Astgabelidole, ein weibliches und ein phallisches. Im benachbarten Opfermoor von Possendorf (Thüringen; 1. Jh. v. u. Z.) wurde ein Pfahlidol mit Frauenkopf und angesteckten, erhobenen Armen gefunden, in Wittemmor (Niedersachsen; 2. Jh. v. Chr.) dagegen ein eher abstrakteres brettartiges Götterpaar. Reichhaltiger sind die Funde in Dänemark.

Römische Kaiserzeit

Hintergrund: Die vermutete Auflösung des "Keltischen Riegels" durch die Römer und deren Versuch Germanien bis an die Elbe zu unterwerfen, führte zu neuen Impulsen, auch in der Religion (Runen, Wochentage). Das Opfermoor von Oberdorla wurde um 30 v.Chr. offenbar erstmals gewaltsam zerstört. Während der Römerzeit lösten sich die laut Tacitus bestehenden alten (kultischen) Stammesverbände der Irminonen, Istwäonen und Ingwäonen auf und wurden abgelöst durch Groß-Stämme wie Franken und Alamannen. Geiseln und germanische Krieger in römischen Diensten brachten neue religiöse Ideen mit (z. B. der Alamannenkönig Serapio, der nach dem ägyptischen Gott Serapis benannt ist).

Römerzeitlicher Altar der Ubier aus Bonn

Römerzeitlicher Altar der Ubier aus Bonn

Hauptquelle ist Tacitus, der in seiner Germania ausführlich über einige germanische Kulte berichtet. Die Hauptgottheiten benennt er nach antiker Gepflogenheit mit römischen Namen, es sind dies Mercurius, Mars, Hercules und Isis. Aber er kennt auch die kultische Umfahrt der Erdgöttin Nerthus bei den Angeln und Varinern, beschreibt den schauderhaften Kult des Regnator omnium deum ("Herrscher aller Götter") bei den Semnonen und Sueben und berichtet, wie beim friesischenBaduhenna 900 römische Soldaten niedergemetzelt wurden. Hain der

Während der Römischen Kaiserzeit wurden auch die germanischen Wochentagnamen gebildet. Daraus kann die Existenz folgender westgermanischer Gottheiten für die Römerzeit als gesichert gelten: 1) Sol : *Sunna - 2) Luna - *Mâno 3) Mars : *Tîw oder *Þings - 4) Mercurius : *Wôðan - 5) Jupiter : *Þonar - 6) Venus : *Frîja - 7) Für Saturnus wurde keine Entsprechung gefunden. Bemerkenswert ist, dass der germanische Donnergott *Þonar sonst mit dem römischen Gott Hercules gleichgesetzt wurde.

Hatte das Opfermoor von Oberdorla während seinen ersten 500 Jahre eine ruhige Zeit mit langsamen Veränderungen, so durchlebte es nun eine wildere Zeit mit mehreren Zerstörungen. Nach dem Sieg der Hermunduren über die Chatten im Jahre 58 n.Chr. erreichte das Heiligtum eine neue Blütezeit. Rund 25 Opferstätten entstanden um den damaligen See. Der Hauptkult galt einer männlichen Triade (sowie einem Schwertidol) und es wurden Menschen, Rinder sowie andere Tiere geopfert. Mit dem Verschwinden der Hermunduren um 180 n.Chr. wurde auch das Heiligtum aufgegeben. Die neuen Bewohner der Umgebung errichteten nun ein großes rechteckiges umhegtes Heiligtum mit einem weiblichen Kantholzidol, das nach gallorömischer Art gearbeitet war. Neben diesem Idol, dem Ochsen, Eber, Hirsche und Vögel geopfert wurden, wurde auch eine Priesterin begraben. Offenbar im Jahre 406 wurde die ganze Anlage im Zuge der Völkerwanderung vernichtet. Danach bestanden für kurze Zeit zwei schifförmige Heiligtümer mit einem Pfahlidol mit dem Kopfe eines Hengstes und einer Göttin.

  • Germanische Gottheiten in der antiken Literatur: Mercurius - Mars - Hercules - Isis - Regnator omnium deum - Tuisto - Mannus - Nerthus Terra Mater - Baduhenna - Tamfana - Alcis.

Auf römischem Gebiet siedelnde Germanen errichteten nach gallorömischer Sitte Weihesteine ihren Gottheiten, vorab lokalen Muttergottheiten (Matronae, Matres). Eine klare Abgrenzung zu gallischen Gottheiten ist hier nicht immer möglich.

  • Germanische Gottheiten auf römerzeitlichen Weiheinschriften (Auswahl): Mercurius Channinus - Mars Thingsus mit den beiden Alaisiagae - Hercules Magusanus und seine Begleiterin Haeva - Hludana - Requalivahanus - Nehalennia - Alateivia - Vihansa - Hariasa. - Mütter: Afliae - Vatviae - Saitchamiae u. v. a. m.


Frühmittelalter

Hintergrund: Nach turbulenten Umwälzungen der Völkerwanderungszeit gewannen die Franken unter den Merowingern nach und nach die politische Macht über Mitteleuropa, das zudem immer mehr unter den Einfluss des Christentums geriet. So bildet denn diese Periode religionsgeschichtlich gesehen den Übergang vom germanischen Heidentum zum Christentum, (mit unterschiedlicher Entwicklung bei den verschiedenen Stämmen). Längere Zeit existierten beide Religionen nebeneinander und nicht selten kam es - zum Leidwesen der Geistlichkeit - zu Vermischungen (Synkretismus). Der Zusammenbruch des Römischen Reiches führte zu einer vorübergehenden Verarmung der materiellen Kultur.

Reiter mit mythischem Wesen auf der alamannischen Reiterscheibe  von Pliezhausen

Reiter mit mythischem Wesen auf der alamannischen Reiterscheibe von Pliezhausen

Ab der 2. Hälfte des 5. Jahrhunderts bestand das Heiligtum am Opfermoor von Oberdorla nur noch aus einem einfachen rechteckigen Zaun im damaligen See. Innerhalb dieses Zaunes wurden dann verschiedene Opfer versenkt. Nach der Christianisierung zerfielen alle Baulichkeiten, doch wurde ununterbrochen - wohl heimlich - noch bis ins 11. Jahrhundert kleinere Opfergaben niedergelegt.

Die literarischen Zeugnisse sind etwas bunter aber dennoch spärlich. Der Langobarde Paulus Diaconus erzählt wie der Göttervater Wodan von seiner Frau Frea überlistet wurde und er so den Langobarden nicht nur ihren Namen sondern ihnen auch den Sieg verlieh. Ein aufsehenderregender Fund bietet die Runeninschrift auf einer Fibel aus Nordendorf, die die Götter Wodan und Wigi-Þonar nennt. Gleichzeitig, als diese Fibel ins Grab gelangte, wurde der irische Missionar Columban bei Bregenz Zeuge eines Bieropfers an Wodan. Nicht minder erschreckte ihn, dass in der dortigen Aurelius-Kirche neben dem christlichen Gott auch heidnische Götter verehrt wurden. Und ein Gesetz von Karl dem Großen über Unzucht meint, dass diese von einem Manne namens Fricco herrührten, ein deutlicher Hinweis auf den phallischen Fruchtbarkeitsgott, wie er z.B auch im Tempel zu Uppsala in Schweden verehrt wurde.

Der Zweite Merseburger Zauberspruch erzählt, wie Wodan und Phol in den Wald ritten und einen kleinen Unfall erlitten, worauf sich mehrere Göttinnen ans Werk machten, doch erst die Zauberkenntnisse von Wodan verhalfen dem gestrauchelten Pferd wieder auf die Beine. Der alemannische Pariser Segen gegen Fallsucht beginnt mit dem stabreimenden Anruf des Donnergottes: "Doner diutigo diete wigo!" (Donar Vertrauter, Volks-Kämpfer!)

Aus den überlieferten frühmittelalterlichen Quellen sind folgende mythische Gestalten bekannt:

  • Gottheiten: Wodan - Donar - Frija - Volla - Phol - Sunna - Sinhtgunt - Gaus - Saxnote - Hirmin - Fositæ - Fricco - Idisi.
  • Mythische Helden: Wieland der Schmied - Langobarden: Gungingi: Ibor und Agio sowie deren Mutter Gambara - Sachsen: Hathagat, Iring.
  • Mythischer Berg: Himilinberc.
  • Literarisch genannte Kultplätze: "Donareiche" (Robur Iovis) in Thüringen - Irminsul bei den Sachsen.

Die wichtigsten Zeugnisse dieser Zeit sind:

  • Texte: Langobarden: Paulus Diaconus; Origo Gentis Langobardorum; Edictus Rothari - Alemannen: Vita Columbani; Pariser Segen - Franken & Thüringer:Merseburger Zaubersprüche - Sachsen: Abrenuntiatio Sax.; Widukind von Corvey; Rudolf von Fulda - Friesen: Vita Willibrordi.
  • Runeninschriften: Nordendorf - Pforzen - Balingen - Schretzheim
  • Brakteaten: Daxlanden - Welschingen - Aschersleben - Obermöllern


Obwohl die Goten zu den Ostgermanen zählen, seien sie hier aufglistet. Gottheiten: Gapt - Ansis - Dounabis (die Donau). Quellen: Jordanes, Runeninschrift von Pietroassa; röm. Schriftsteller.

Siehe auch die Südgermanische Gottheiten in der frühmittelalterlichen Überlieferung.

Ausdrücke aus der Kosmologie und Eschatologie: Erde und Himmel: ahd. ero 7 ufhimil, as. ertha endi uphimil, got. airþa jah himins; Erde als Wohnort der Menschen: ahd. mittigart, as. middilgart, got. midjungards; Unterirdische Totenwelt: ahd. hellea, as. hellia, got. halja; Weltuntergang: ahd. muspilli, as. mutspelli. Als literarische Zeugnisse liegen vor das Wessobrunner Schöpfungsgedicht (Kosmogonie) und das in Stabreimen abgefasste Muspilli (Eschatologie).

Nicht direkt zur Mythologie gehören Heldensagen, die teilweise auf historischen Personen basieren (Etzilo, Dietrîch von Berne, Hiltibrant, Nebulones, Gibicho, Gunthari, Walthari Manufortis).

Weibliche Volksglaubensgestalten im Mittelalter

Im Mittelalter und der frühen Neuzeit waren im gesamten deutschen Sprachgebiet Sagen über weibliche Numina weit verbreitet. In Süddeutschland war das entsprechende Numen unter dem Namen Perchta bekannt, in Mitteldeutschland unter dem Namen Frau Holle und in Norddeutschland unter verschiedenen Namen wie Frau Herke/Harre, Frau Frick(e), Frau Gode/Wode. Insbesondere Frauen brachten ihnen auch noch in christlicher Zeit kleinere Speiseopfer dar. Die KircheAberglauben. bekämpfte solche Handlungen energisch und bezeichnete sie als

Diese Numina traten nach den Sagen und Erzählungen insbesondere in den Zwölften auf und kontrollierten, ob das zu dieser Zeit bestehende Spinnverbot eingehalten wurde. Zudem bestraften sie faule Spinnerinnen, indem sie ihnen die Rocken verwirrten. Verstöße gegen Festspeisegebote, aber auch Unsauberkeit und Ungehorsam bei Kindern bestrafen diese Gestalten, indem sie den Schuldigen den Bauch aufschlitzen, das Gegessene herausnahmen und statt dessen Kehricht oder ähnlich wertlose Substanzen einfüllten (Gastrotomie).

Sie waren auch für die Fruchtbarkeit im Land zuständig, sorgten für eine gute Getreideernte, spendeten Regen und liessen es schneien. Es wird auch berichtet, dass Frau Holle Kuchen, Blumen oder Obst schenkt und insbesondere Frauen und Mädchen hilft, ihnen "so manches gutes Jahr" wünscht und sie gesund und fruchtbar macht.

Die Volksglaubensgestalten gelten nach anderen Sagen auch als Bringerin der Kinder, bzw. führen die Seelen der ungetauft gestorbenen Kinder mit sich.

Erika Timm, Professorin für Germanistik an der Universität Trier, hat zahlreiche Belege zu diesen Voksglaubensgestalten ausgewertet. So sind Frau Holle und Frau Percht mit Sicherheit bis ins 13. Jahrhundert zurück schriftlich belegt, möglicherweise sogar bis ins 11. Jahrhundert. Des weiteren konnte sie mit der Methode der Sprachgeographie feststellen, dass diese Gestalten mindestens bis zur zweiten Lautverschiebung (7. Jahrhundert) zurückreichen müssen.

Sie geht davon aus, dass der Name Holle (in etwa: die Huldvolle) ursprünglich ein Beiname der germanischen Göttin Frigg war. Dieser hat sich nach der Christianisierung verselbständigt, unter anderem deshalb, weil es jetzt nicht mehr ratsam war, den Namen einer "heidnischen" Göttin zu nennen oder sie gar anzurufen. Denn das wäre als Götzendienst sanktioniert worden.

Nach dem gleichen Muster hatte sich die im süddeutschen und alpenländischen Raum bekannte Perchta (etwa: die Glänzende) aus einem anderen Beinamen von Frigg entwickelt, mit der Besonderheit, dass bei dieser Figur auch noch zusätzlich Glaubensvorstellungen aus dem keltischen Noricum eine Rolle spielten.

In Norddeutschland stellt sich die Situation etwas komplizierter dar. Das Stammesherzogtum Sachsen war in vorchristlichen Zeiten ein Zentrum der Wodansverehrung. Wodan hat in den Regionen des späteren Schleswig-Holsteins und des nördlichen Niedersachen viele Funktionen anderer Götter an sich gerissen, so auch die Spinnstubenkontrolle in den Zwölften (=Kontrolle der Einhaltung des Spinnverbotes), die ansonsten das Refugium von weiblichen Numina blieb. Deshalb sind sie dort unbekannt. Etwas weiter südlich tritt dann Frau Wode/Gode auf. Hierbei handelt es sich offenbar auch um die Göttin Frigg, die ja die Frau von Wodan war. Sie hat zwar ihren Namen verloren, ist aber noch als weibliche Gestalt erkennbar. Noch etwas weiter südlich wird die entsprechende Volksglaubensgestalt Frau Herke/Harre genannt. Dieser Name leitet sich nach Auffassung von Erika Timm ab vom Herlequin, dem Anführer der Wilden Jagd, also auch von Wodan. In drei weit voneinander entfernten kleineren Gebieten war Frigg noch unter ihrem richtigen Namen bekannt.

Erzählungen über die oben genannten Numina wurden insbesondere in den Spinnstuben tradiert, denn das war nahezu der einzige Raum, in dem Frauen und Mädchen ungestört miteinander kommunizieren konnten. In Regionen, in den solche Spinnstuben nicht üblich waren, weil es nur Einzelhöfe gab (so in Westfalen), verblasste der Glauben an diese Gestalten relativ frühzeitig[1].

Neuzeit

Hintergrund: Nach der völligen Christianisierung lebten alte mythologische Ideen nur noch im Volks(aber)glauben weiter und es kann kaum von einer einheimischen Mythologie gesprochen werden. Mit dem bekanntwerden der nordischen Götterliedersammlung Edda wurde in Deutschland das Interesse nach einer "Deutschen Mythologie" geweckt, das Jacob Grimm gründlich untersuchte. Sein dreibändiges Werk legte nicht nur den Grundstein der modernen (süd-)germanischen und angelsächsischen Religionsforschung sondern auch das Interesse und die Phantasie deutscher Künstler und Romantiker

Ostara

Ostara

Die damals noch junge Forschung postulierte neben den in den vorhergegangenen Kapiteln genannten Gottheiten auch solche wie Ostara oder Hertha. Diese haben ihren Ursprung teilweise in der Folklore (Hulda, Berchta, Fricka), falschen Lesungen und Interpretationen alter Schriften (Hertha, Fosta) oder Vermischung mit slawischen Sagengestalten (Siwa). Mit der Zeit verschwanden diese Gestalten aus wissenschaftlichen Arbeiten.

Mit dem Aufkommen des Romantischen Zeitalters und später des Nationalismus wurde von Künstlern zum teil regelrecht neue Mythologien entwickelt. So haben die Werke des Musikers Richard Wagners zwar germanische Gottheiten und Helden als Vorbild, aber die Wagnersche Mythologie hat mit der altgermanischen nicht mehr viel gemein. Aber auch Maler und andere Künstler wurden von der deutschen Mythologie angregt. Selbst der Psychologe Carl Gustav Jung verfasste 1936 einen Aufsatz namens "Wotan" und Jung arbeitete länger mit dem Indologen Jakob Wilhelm Hauer zusammen, welcher die Deutsche Glaubensbewegung gründete. Doch aufgrund der politischen Situation in Deutschland zog sich C.G. Jung schließlich von Hauer zurück.

Verwirrter sind die Entwicklungen neopaganer Strömungen, die oft unkritisch alles in ihr Gedankengut aufnehmen, was gerade gefällt. Wenn schon die Namen ihrer Gottheiten teilweise obskur tönen, so entstammen die Charaktere und Gebete, die diesen Gottheiten zugeschrieben werden, Romantikern, die der bunten und lebensfrohen Mythologie der Griechen eine "deutsche Mythologie" entgegensetzen wollten. Nicht selten wirken (neo-)nationalsozialistische Ideen mit. Auffallend ist zudem, dass sehr häufig germanische und keltische Gottheiten miteinander vermischt werden. Ein typisches und gut untersuchtes Objekt stellt die Göttin Ostara dar.

  • Gestalten der germanischen Mythologie bei Richard Wagner im Ring des Nibelungen: Wotan, Fricka, Freia, Froh, Donner, Erda, Loge.
  • Historisch nicht bezeugte Gottheiten: Allemann Hercules, Biel, Fosta, Hama, Hertha, Jecha, Krodo, Lollus, Ostara, Reda, Ricen, Satar, Siwa, Stuffo, Teut, Thisa u. v. a. m.

Literatur

  • Jacob Grimm: Deutsche Mythologie. Marix Verlag, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-86539-143-8.
  • Wolfgang Golther: Handbuch der Germanischen Mythologie. Marix Verlag, 2004.
  • Jan de Vries: Altgermanische Religionsgeschichte (2. Bände). de Gruyter, Berlin 19703.
  • Günther Behm-Blancke: Heiligtümer der Germanen und ihrer Vorgänger in Thüringen - die Kultstätte Oberdorla. 2002.
  • Åke V. Ström, Haralds Biezais: Germanische und Baltische Religion. Kohlhammer, Stuttgart 1975, ISBN 3-17-001157-X.
  • Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. Kröner, Stuttgart 1985 – 2006, ISBN 3-520-36802-1.
  • Rudolf Simek: Religion und Mythologie der Germanen. WBG, Darmstadt 2003, ISBN 3-534-16910-7.
  • Erika Timm: Frau Holle, Frau Percht und verwandte Gestalten. 160 Jahre nach Jacob Grimm aus germanistischer Sicht betrachtet. Hirzel, Stuttgart 2003, ISBN 3-7776-1230-8.

Einzelnachweise

  1. ↑ vgl. Erika Timm: Frau Holle, Frau Percht und verwandte Gestalten.


Südgermanische Gottheiten

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Liste der südgermanischen Gottheiten und mythischen Helden: Balder, Donar, Fol, Folla, Fositae, Fricco, Frîja, Gaus, Hathagât, Hirmin, Iring, Saxnôte, Sinhtgunt, Sunna, Wieland, Wuotan, Wurth, Zîu. (Nicht bezeugt, aber oft in der Literatur erwähnt, sind *Ôstara, *Frô.)

Zu den Südgermanen zählen in der Ethnographie allgemein – von Süd nach Nord – Langobarden, Alemannen, Bayern, Thüringer, Franken, Sachsen und Friesen.

Inhaltsverzeichnis


  • 1 Germanische Gottheiten in der frühmittelalterlichen Überlieferung
    • 1.1 Balder
    • 1.2 Donar
    • 1.3 Fol
    • 1.4 Folla
    • 1.5 Fricco
    • 1.6 Frîja
    • 1.7 Saxnôt
    • 1.8 Sinhtgunt
    • 1.9 Sunna
    • 1.10 Wieland
    • 1.11 Wuotan
    • 1.12 Zîo
  • 2 Quellen
  • 3 Literatur
  • 4 Siehe auch

Germanische Gottheiten in der frühmittelalterlichen Überlieferung 

Balder 

Im zweiten Merseburger Zauberspruch genannt, wo er eventuell als Glosse hineingeraten ist. Als Personenname ist Paltar überliefert.

Diskussion: Wolfgang Beck kommt nach einer Neubewertung der Merseburger Zaubersprüche zum Schluss, dass Phol Wodan und Balder verschiedene Gestalten sind [1]. Siehe auch unten bei Fol.

Donar 

Donnergott. Sein Name erscheint auf der Nordendorfer Runenspange als Wîgi-Þonar ( ᚹᛁᚷᛁᚦᛟᚾᚨᚱ ) ("Kampf-Donner" oder "Weihe-Donner"), in der altsächsischen Abschwörungsformel als Thunaer und in einem Brief in Versform an Karl den Grossen von Paulus Diaconus: Thonar [2]. Interessant ist der alemannische Pariser Segen 1, ein ziemlich schwer deutbarer Zauberspruch gegen Fallsucht. Der Segen beginnt mit den Worten: Donerdutigo dietewigo. Hier liegt eindeutig ein altheidnischer Anruf des Donnergottes vor: "Donar Vertrauter, des Volkes Kämpfer (oder Weiher)!". Im verwandten St. Emmeraner Segen lautet der Vers: Doner dutiger diet mahtiger. Als Personenname sind Albthonar, Donarpreht, Donarad und as. Thunerulf überliefert. Bekannt ist die Donareiche (Quercus robur iovis) bei Geismar, die von Bonifatius gefällt wurde. Aus dem Holz wurde eine Kapelle für St. Petrus errichtet.

Diskussion: Die germanischen Götter gingen teilweise in christlichen Heiligen ein. Einige Versionen der altdeutschen Pferdesegen zeigen, dass Wodan in St. Michael und Fol in St. Stefan [3]. aufgegangen sind, während Donar im Heiligen Petrus weiterlebt, der ja noch heute für das Wetter zuständig ist. Aber lokal können auch andere Heilige eingetreten sein.

Fol 

Nur im zweiten Merseburger Zauberspruch überliefert als Phol. Dieser Gott begibt sich zusammen mit Wôdan in den Wald um den verletzten Fuss von Balders Fohlen wieder einzurenken. Mehrere Göttinnen beschwören das Pferd. Schließlich macht sich Wôdan ans Werk, der "es wohl konnte".

Diskussion: Fol und Folla entsprechen aller Wahrscheinlichkeit nach dem nordischen Götterpaar Freyr und Freyja, Gottheiten der Fruchtbarkeit. So bedeutet der Name Folla auch "Überfluss". Eine Gleichsetzung von Fol mit dem nordischen Balder ist durch den Zauberspruch nicht zwingend [4].

Folla 

Nur im zweiten Merseburger Zauberspruch überliefert als Uolla, Schwester der Friia. Diese Göttin wird auch in der Edda genannt, als Fulla und ist dort Dienerin der Göttin Frigg, der nordischen Entsprechung von Frîja.

Fricco 

In einem Capitulare des Jahres 802 von Karl dem Großen werden die Strafmasse für Unzucht festgelegt, wobei diese Praktiken umschrieben werden mit "wie sie Fricco als erster ausübte" [5]. Da nun Adam von Bremen in seinem Beschrieb über den Tempel in Uppsala den dort verehrten Fruchtbarkeitsgott Fricco nennt und dieser mit einem gewaltigen Priapos dargestellt wird, dürfte Fricco der Name des sächsischen Fruchtbarkeitsgottes gewesen sein.

Diskussion: Die Gründungsage des Klosters Freckenhorst deutet darauf hin, dass dort einst ein Heiligtum von Fricco (und vielleicht seiner Schwester ?) gestanden hatte: Der Schweinehirt Freckyo trieb die Schweine seines Herrn Evverwordus ("Eberward") in den Wald und sah ein mysteriöses Licht, wo letztere dann ein Kloster errichtet und es nach seinem Diener benannt. In Skandinavien reitet der Gott Freyr auf einem Eber [6].

Frîja 

In der Sage vom Ursprung der Langobarden, wird Frea, die Frau von Wodan von den Brüdern Ibor und Agio auf Anraten ihrer Mutter Gambara um Sieg im Kampf gegen die Wandalen angebetet. Frea überlistet ihren Mann, so dass er den Langobarden den Sieg verleiht. Im zweiten Merseburger Zauberspruch versucht FriiaVolla das gestürzte Fohlen zu heilen. Die sogenannte zauberkundige Göttin auf fünf Brakteaten (Welschingen, Südwest-Deutschland, Oberwerschen, Großfahner) dürften nach Ausweis des Brakteatenhortes von Gudme auf Fünen (Dänemark) die Göttermutter Frîja darstellen [7]. zusammen mit ihrer Schwester

Nachleben: In Norddeutschland lebt eine Sagengestalt Fru Freke weiter. Der Name ist nicht etwa eine Form von aisl. Frigg, sondern Verkleinerungsform von Frîja, so wie dort Wôdan als Wedke weiterlebt [8].

Saxnôt 

Nur in der altsächsischen Abschwörungsformel genannt. Seine Funktion ist unbekannt und Meinungen der Forschung gehen auseinander. Bei den AngelsachsenWóden den Namen Saxnéat. Der Name bedeutet "Schwertgenosse". trägt ein Sohn von

Sinhtgunt 

Im Merseburger Zauberspruch die Schwester von Sunna.

Diskussion: Die Deutungen der Göttin divergieren. Ob sie als Schwester der Sonnengöttin zwangsläufig eine Mondgöttin sein muss, ist fraglich, zumal im Germanischen der Mond stets als männlich gedacht wird, siehe Máni.

Sunna 

Sonnengöttin. Nur im zweiten Merseburger Zauberspruch zusammen mit ihrer Schwester Sinhtgunt genannt.

Wieland 

der Schmied. Mythischer Held. Im lateinisch verfassten Heldengedicht Walthari Manufortis heißt das Schwert des Protagonisten fabrica Vuielandia.

Diskussion: Eine Runeninschrift aus Pforzen lautet: Aigil andi Aïlrûn, elahun gasôkun. (Aigil und Ailrûn verurteilten die Elche.) Da in der nordischen Heldensage Egill, der Bruder von Völundr mit der Walküre Ölrún verheiratet ist, wird ein Zusammenhang der Runeninschrift mit der Wielandsage angenommen. Doch ist die Deutung umstritten [9].

Wuotan 

Hauptgott. Er ist der bestbezeugte Gott, dennoch bleibt sein Wesen unklar und kann eigentlich nur durch Vergleich mit dem nordischen Odin begriffen werden. In der langobardischen Sage wird Wodan / Gwodan von den Wandalen um Sieg gebeten, verleiht ihn aber durch Überlistung seiner Frau Frea den Langobarden. Diese Sage ist in mehreren Fassungen überliefert, so in der Origo gentis Langobardorum, bei Gottfried von Viterbo, dem Dänen Saxo Grammaticus und beim langobardischen Gelehrten Paulus Diaconus. Letzterer verfasste auch ein Gedicht über einen dänischen König, worin er die Götter Waten und Thonar nennt [10]. Die Namensform entspricht am ehesten der alemannischen Form Woatan, das als Personenname überliefert ist (neben Wôtan und Wuotan).

Die Vita Columbani berichtet von einem Bieropfer, das die Bewohner am Bodensee bei Bregenz dem Wodan darbringen. Erwähnt ist der Gott auch auf der RunenspangeNordendorf: ( ᚹᛟᛞᚨᚾ ) hier zusammen mit Wîgi-Þonar. Ob der in der gleichen Inschrift genannte logathore ( ᛚᛟᚷᚨᚦᛟᚱᛖ ) einen Gott bezeichnet oder eher mit "Lügenbold" zu übersetzen ist, bleibt umstritten. Ähnlich wird in einer alemannischen Glosse Wôtan mit "tyrannus, herus malus" übersetzt. Im zweiten Merseburger Zauberspruch tritt er als fähiger Magier auf, der ein verletztes Pferd heilt. Als die Sachsen bekehrt wurden, mussten sie den Göttern "Thunaer, Uuoden und SaxnoteKärlich, die die Inschrift "Wodani hailag" ( ᚹᛟᛞᚨᚾᛁ ᛡᚨᛁᚨᛚᚷ ) ("Dem Wôdan heilig") trägt. Dagegen ist das Runensteinchen von Arguel (s.v. Besançon) bestimmt eine Fälschung. Der Gott ist offensichtlich auch auf den BrakteatenDaxlanden und Aschersheim abgebildet. von und allen Genossen, die bei ihnen sind" abschwören. Umstritten in der Echtheit ist die Runenspange von von

Nachleben: Bekannt sind die Sagen vom Wütenden Heer oder der Wilden Jagd. Erstmals belegt im hochmittelalterlichen Nachtsegen aus München, wo von "Wutanes her und alle sine man gesprochen wird.

Zîo 

Der Name ist nur als Name der ᛠ-Rune überliefert, eine Variation der alten ᛏ-Rune. Enthalten ist er im Namen des Dienstags, ahd. ciestag und heute noch alemannisch Ziischtig. Als Personenname kennen wir ein Ziolf ("Zîo-Wolf").

Diskussion: Ob der Völkername Cyuuari Suuapa auf den Gott zurückgeht, bleibt fraglich, wahrscheinlicher ist eine Verstümmelung von *Raetiwari d.i. "Bewohner von Rätien".

Quellen 

  1. Wolfgang Beck: Die Merseburger Zaubersprüche. Wiesbanden 2003
  2. Karl Neff: Die Gedichte des Paulus Diaconus, München 1908
  3. Åke v. Ström: Germanische Religion, Mainz 1975
  4. Wolfgang Beck: Die Merseburger Zaubersprüche. Wiesbanden 2003
  5. Capitulare Missorum Generale: §33; Cod. Paris. 4613 fol. 91
  6. Wilhlem Kohl: Eine germanische Kultstätte als Vorgängerin eines sächsischen Frauenklosters in: Irene Crusius: Beiträge zu Geschichte und Struktur der mittelalterlichen Germania Sacra, Göttingen 1989
  7. Karl Hauck: Der Kollierfund vom fünischen Gudme … in: Die Franken und die Alamannen bis zur Schlacht bei Zülpich (Ergänzungsband zum RGA 19); Berlin 1998
  8. Erika Timm: Frau Holle, Frau Percht und verwandte Gestalten; Stuttgart: Hirzel 2003. ISBN 3-7776-1230-8
  9. Alfred Bammesberger, Gaby Waxenberger: Pforzen und Bergakker; Göttingen (1999)
  10. Karl Neff: Die Gedichte des Paulus Diaconus, München 1908

Literatur 

  • Jacob Grimm: Deutsche Mythologie. K.W.Schütz-Verlag, Coburg 2001, ISBN 3-87725-133-1.
  • Wolfgang Golther: Handbuch der Germanischen Mythologie. Marix, Wiesbaden 2004.
  • Jan de Vries: Altgermanische Religionsgeschichte (2. Bände). de Gruyter, Berlin 1970³.
  • Åke V. Ström, Haralds Biezais: Germanische und Baltische Religion. Kohlhammer, Stuttgart 1975, ISBN 3-17-001157-X.
  • M. Axboe; U. Clavadetscher; K. Düwel; K. Hauck; L. v. Padberg: Die Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit. Ikonographischer Katalog, München 1985-1989.
  • Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. Kröner, Stuttgart 1985 – 2005.
  • Rudolf Simek: Religion und Mythologie der Germanen. WBG, Darmstadt 2003, ISBN 3-534-16910-7.
  • Rudolf Simek: Götter und Kulte der Germanen. Beck, München 2004, ISBN 3-406-50835-9.
  • Wolfgang Beck: Die Merseburger Zaubersprüche. Wiesbaden 2003, ISBN 3-89500-300-X.







Die Goetter mit Euch! Falkin




Tradition meint nicht Asche verstreuen, sondern das Feuer weiterreichen